VISION 20004/2014
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Die selige Schwester Euthymia

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Doris de Boer)

Die selige Schwester Eu­thymia wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden. Die Clemensschwester aus Münster, die schon zu Lebzeiten „Engel der Liebe“ genannt wurde, hatte im Leben nur ein Ziel: „Alles für den großen Gott“ und sie kannte nur einen Weg dahin: „Treu im Kleinen, stark im Glauben, groß in der Liebe!" Wo immer sie stand, da stand sie mit offenen Ohren, liebendem Herzen und helfenden Händen. Ihr Grab wird noch heute von unzähligen Menschen besucht.
Am 8. April 1914 wurde Schwester Euthymia als Maria Emma Üffing in Halverde im Kreis Steinfurt in der Diözese Münster geboren und am gleichen Tag in der Pfarrkirche getauft. Ihr Vater, August Üffing, war Landwirt. Die erste Frau starb bald an Tuberkulose; ihr Vater heiratete in zweiter Ehe Maria Schmitt. Schwester Euthymia war das neunte von elf Kindern.
Der Alltag in dieser kinderreichen Familie war einfach, bescheiden, von der Arbeit und dem christlichen Glauben geprägt. Die Mutter Maria vermittelte den Kindern eine große Liebe zur Muttergottes. So betete Emma mit ihren Geschwistern oft kniend den Rosenkranz. Sie fiel den Bewohnern von Halverde durch ihre Frömmigkeit auf. „Üffings Nonne“, so wurde sie schon als Kind genannt. In der Schule zeigte sie Fleiß und Ausdauer und konnte so – trotz ihres schlechten Gedächtnisses – immer gute Noten erreichen.
Sie war ein ruhiges, fröhliches Kind, das gern mit anderen Kindern spielte. Doch war sie von Anfang an körperlich gebrechlich. Schon mit 18 Monaten erkrankte sie an Rachitis. Diese Krankheit verzögerte ihre weitere körperliche Entwicklung. Zeitlebens blieb sie schwach, konnte schlecht laufen und wurde auch als Erwachsene nur 1,56 Meter groß. Am linken Auge hatte sie zudem eine angeborene Lidsenkung.
Doch Emma klagte nicht, sie half immer gern und fleißig bei allen Arbeiten im Haus und auf dem Hof. „Das kann ich wohl!“ – so sagte sie und packte beherzt mit an. Bereits mit 14 Jahren spürte sie den Wunsch, Ordensschwester zu werden, doch auf Anraten ihrer Mutter wartete sie mit dieser Entscheidung noch. Im November 1931 kam Emma Üffing an das St.-Anna-Hospital in Hopsten. Dort half sie im Haus, auf dem Geflügelhof und in der Küche. Hier lernte sie auch die Clemensschwestern kennen. Die Oberin, Sr. Euthymia Linnenkemper, wurde ihr großes Vorbild. Im Mai 1933 bekam sie zum Abschied von ihr das anerkennende Lob: „Sie war fleißig, brav und ehrlich.“ Nicht nur die Schwestern waren vom Wesen Emma Üffings begeistert, auch Emmas Liebe zum Ordensleben war endgültig bestärkt
Als 20-Jährige bewarb sich Emma um den Eintritt in die Ordensgemeinschaft der Clemensschwestern in Münster. Nach anfänglichen Bedenken aufgrund ihrer schwachen körperlichen Konstitution fand sie schließlich Aufnahme und erhielt zu ihrer Freude den Namen „Euthymia“ (zu Deutsch „guten Mutes“), in Anlehnung an die von ihr so geschätzte Oberin von Hopsten.
In den folgenden Jahren wurde sie zur Krankenschwester ausgebildet. Auch hier fiel ihr – wie in der Schule – das Lernen nicht leicht, aber mit Ausdauer und Geduld erreichte sie ihre Ziele, und sogar mit sehr guten Noten. 1936 kam sie nach Dinslaken, wo sie nach einem Jahr an der Frauenstation den Dienst auf der Isolierstation übernahm.
Ab 1943 war sie für die Pflege der ansteckend kranken Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter zuständig. Diese kamen meist verdreckt und verlaust an, hatten Krätze, Typhus oder Geschlechtskrankheiten. Schwester Euthymia kannte keinen Ekel, sondern nahm sich aller an, egal welches Leiden sie hatten oder welcher Nationalität sie waren. Allen begegnete sie in gleicher, aufopfernder Liebe und war zu ihnen wie eine Mutter. In einem Brief an ihren Bruder Hermann schrieb sie über die Kriegsgefangenen:
„Niemand können sie so recht ihr Leid klagen, weil ihre Sprache so schwer verstanden wird. Wie gut tut es ihnen doch, wenn sie jetzt von einer mitfühlenden, liebenden Hand gepflegt und versorgt werden. Wie ich diese Tage einem so ganz armen und zerlumpten Kranken half, kam ein anderer hinzu und sagte: deine Mama. Ja, könnte man doch all den Armen die Mutter ersetzen, damit sie sich nicht so ganz verwaist vorkommen. Viel und große Liebe will ich ihnen entgegenbringen...“
Elf Jahre wirkte sie in der sogenannten „Barbara-Baracke“ als „Engel der Liebe“. Oft stand sie schon mit warmen Decken am Bahnsteig, wenn ein neuer Transport ankam. Allen diente sie, pflegte sie gesund und tröstete sie. Nie sah man ein Zeichen der Ermüdung auf ihrem Gesicht oder hörte ein Wort der Klage aus ihrem Mund. Für alle Not um sie herum hatte sie ein offenes Ohr und zeigte allen ein liebes Lächeln. Am 23. März 1945 wurde Dinslaken und auch das Vinzenz-Hospital bei einem amerikanischen Bombenangriff fast völlig zerstört. Sr. Euthymia jedoch ließ sich nicht entmutigen, sondern packte beherzt an und half bis zuletzt beim Abtransport der Gefangenen in die umliegenden Dörfer. Völlig durchnässt und entkräftet brach sie am folgenden Tag zusammen.
1948 sollte sie die Wäscherei des Mutterhauses und der Raphaelsklinik leiten. Sie, die doch mit Leib und Seele Krankenschwester war, wurde blass, als man ihr das mitteilte. Doch dann fasste sie sich und sagte: „Es ist gut. Es ist alles für den großen Gott!“ Ohne ein Wort der Klage gehorchte sie.
In Münster hatte sie Berge von Wäsche zu bewältigen, Wäsche aus der Raphaelsklinik, dem Mutterhaus sowie den angeschlossenenen Einrichtungen. Täglich waren es zehn große Maschinen, die Sr. Eutyhmia zu bewältigen hatte. „Für die große Maschine zweieinhalb Kilogramm Pulver, eineinhalb Kilogramm Einweichmittel, zwei Kilogramm Soda, 3.400 Liter Wasser“ – dies war die Anweisung für einen einzigen Waschgang. Die Arbeit war hart und eintönig, die Luft stickig und schwül, die Einrichtung der Wäscherei nur behelfsmäßig, die Hilfe spärlich, die Wäscheberge wurden immer größer – aber Sr. Euthymia wusste auch diese Aufgabe meisterhaft zu bewältigen. „Geben Sie her, ich schaff das schon“, sagte sie allen, die ihr Wäsche brachten. Stets zeigte sie sich fröhlich, freundlich und hilfsbereit. Doch auch hier schonte sie sich nicht, um für die anderen da zu sein. Neben der anstrengenden Arbeit übernahm sie auch noch Nachtwachen am Bett von Sterbenden. Die Kraft für all dies holte sie sich aus dem Gebet. Sonntags sah man sie oft stundenlang vor dem Tabernakel knien.
Im Juli 1955 brach sie im Waschhaus zusammen und wurde auf die Krankenstation gebracht. „Hier auf der Arbeitsstätte sehen wir uns wohl nicht wieder, aber wenn ich beim Heiland bin, sollen Sie merken, dass ich für Sie bete,“ sagte sie nur. Die Ärzte, welche Darmkrebs und Metastasen auch an anderen Organen feststellten, wunderten sich über das bisherige Durchhaltevermögen dieser Schwester. Doch es blieb wenig Hoffnung; die Kräfte des „Engels der Liebe“ waren verbraucht. Am 9. September 1955 um 7.30 Uhr starb Sr. Euthymia.
„Schenke mir ein Fünkchen deiner Liebe, damit ich allen Liebe geben kann“ – „Der Herr soll mich brauchen, ein Sonnenstrahl zu sein, der alle Tage leuchtet,“ so hatte sie gerne gebetet; nun erlosch ihr Leben, das ein Widerschein der göttlichen Liebe geworden war. Als sich ihre Augen für diese Erde schlossen, fiel ein Sonnenstrahl ins Zimmer und erhellte das Gesicht der Verstorbenen. Dann blieb das Wetter den ganzen Tag wieder trüb. Es hat den Anschein, als ob Gott seine treue Dienerin mit einem letzten Strahl seines Lichtes auf Erden grüßen wollte.  Kaum war Schwester Euthymia gestorben, liefen Berichte über ihr heiligmäßiges Leben ein und Gebetserhörungen wurden gemeldet. Bereits einen Tag nach ihrem Tod ereignete sich das erste große Wunder: Eine Schwester brachte ihre Hand zwischen die Walzen einer Bügelmaschine und erlitt schwere Verbrennungen und Quetschungen. Am offenen Sarg bat sie Sr. Euthymia um ihre Fürsprache. Und tatsächlich – die Hand wurde, medizinisch völlig unerklärlich, wirklich geheilt.
Am 12. September 1955 wurde Schwester Euthymia auf dem Zentralfriedhof in Münster beerdigt. Ungezählte Danksagungen, Kerzen und Blumen an ihrem Grab geben auch heute noch ein beredtes Zeugnis von ihrer Verehrung und ihrer Fürbittmacht. 1959 wurde der Seligsprechungsprozess eingeleitet, am 7. Oktober 2001 sprach Papst Johannes Paul II. den „Engel der Liebe“ selig.

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