VISION 20005/2014
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Wahre Liebe ist nun einmal treu

Artikel drucken Ermutigung in Zeiten der Beziehungskrisen (Birgit Gams)

Treu sein, ein Leben lang – geht das heute überhaupt noch? Rundherum so viele Beziehungen, die scheitern. Im folgenden ermutigt die Autorin, Birgit Gams, zur Treue, die den Raum zum Wachsen der Liebe öffnet.

Vor einiger Zeit waren wir zu einer Hochzeit eingeladen. Das war der Tag, auf den das Paar so lange hingelebt hatte. Der Start in ein neues Leben zu zweit. Braut und Bräutigam sind gute Freunde von uns. Sie strahlen vor Glück. Wir, die Freunde, die Familie sind da, um mit ihnen zu feiern, sie zu ermutigen. Der Priester fragt den Bräutigam: „Ich frage dich: Bist du hierhergekommen, um nach reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss mit deiner Braut den Bund der Ehe zu schließen?“ Dann kommt der Augenblick, auf den alle gewartet haben. Das Brautpaar wendet sich einander zu: „Vor Gottes Angesicht nehme ich dich an als meine Frau. Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit bis dass der Tod uns scheidet.“
Warum rühren uns diese Worte immer wieder an? Warum wecken sie diese Sehnsucht in uns, die Sehnsucht nach Liebe, Intimität und Treue?
Wohl die meisten Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als in einer erfüllten Beziehung und in einer glücklichen Familie zu leben. Dennoch scheint es, dass immer weniger Paare den Mut finden, eine verbindliche Beziehung einzugehen. Stattdessen zieht man zusammen und versucht es miteinander. Die Folge ist: Man lebt in einer Art „Wartestand“ zusammen, einer „Partnerschaft auf Probe“.
Häufig steht ein pragmatischer Grund am Beginn des gemeinsamen Lebens: eine gemeinsame Wohnung ist billiger oder es kommt ein Kind. Doch meist fehlt der feste innere Entschluss: Wir gehören für immer zusammen. Zwar wächst im Lauf des Zusammenlebens die gegenseitige Bindung, doch keiner sagt, wie verbindlich sie wirklich für ihn ist. Der Anfang und der Grund dieser Bindung werden nicht benannt oder mit einem klaren Zeichen bekundet. Unzählige Männer und Frauen verbringen so ihre besten Jahre damit, in einem ungeklärten Zwischenzustand auszuharren.
Die Ehe, die ein Paar für ein ganzes Leben verbindet, scheint überholt zu sein. Sie scheint im Widerspruch zu den Werten einer Gesellschaft zu stehen, die auf Flexibilität und Selbstverwirklichung setzt. Doch widerspricht eine lebenslange Bindung der Freiheit? Das Gegenteil ist der Fall. Es gehört wesentlich zur Würde des Menschen, endgültige Entscheidungen treffen zu können. Indem wir unseren Willen durch ein Versprechen binden, verwirklichen wir erst unsere Freiheit. Wir nehmen unsere Zukunft in die Hand und zeigen, dass wir Herr unserer selbst und frei von den Schwankungen der Gefühle und den Launen des Schicksals sind.
In einer Ansprache weist Papst Franziskus darauf hin, dass die heutige Kultur eine „Kultur des Provisorischen“  ist und er ermutigt junge Paare, sich von diesem kulturellen Kontext nicht überwältigen zu lassen. Liebe kann dauerhaft und treu sein. Sie muss es sogar sein, wenn sie eine wahrhafte und authentische Liebe sein will. Daher sind die Unauflöslichkeit der Ehe und die sexuelle Exklusivität der Eheleute keine unerträglichen Lasten, die den Ehepartnern von Christus oder seiner Kirche aufgebürdet werden. Sie sind vielmehr das Erfordernis der Liebe selbst.
Die Liebe Gottes ist treu – das ist eine Gewissheit, die sich durch die ganze Heilige Schrift zieht. Jesus hat uns Seine Liebe und Treue dadurch erwiesen, dass er am Kreuz all unsere Sünden auf sich genommen hat. Bevor Er diese Welt verlässt, ruft Er uns noch einmal zu: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20)
Am Tag unserer Hochzeit erinnern wir uns an diese treue Liebe Gottes und versprechen einander die Treue zu halten in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, in Armut und Reichtum, bis der Tod uns scheidet – so wie Jesus es getan hat. Ein solches Versprechen abzulegen, ist kühn, viele unserer Zeitgenossen halten es für tollkühn. Es scheint ihnen ein Versprechen zu sein, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Wenn wir dieses Versprechen, gestützt auf unsere eigenen Kräfte ablegen würden, wäre es das auch!
Doch das ist die frohe Botschaft des Evangeliums: Gott schenkt Seinen Gläubigen ein neues Herz, das sie befähigt, dem Bund, den Gott ihnen anbietet, treu zu sein, und auf den sie eben gerade mit einem Versprechen antworten: mit dem Taufversprechen bei allen Christen und dann mit dem Eheversprechen oder den Ordensgelübden je nach der persönlichen Berufung.
Papst Franziskus sagt: „Eine Liebe zu versprechen, die für immer gilt, ist möglich, wenn man einen Plan entdeckt, der größer ist als die eigenen Pläne, der uns trägt und uns erlaubt, der geliebten Person die ganze Zukunft zu schenken.“   Zum Leben gehört mehr als bloßes Dahinleben. Es gibt kaum etwas, nach dem sich Menschen, vor allem junge Menschen, mehr sehnen, als nach einer Mission, etwas, für das man leben möchte und möglicherweise auch zu sterben bereit ist.
Bis vor wenigen Generationen war es ganz klar, dass diese Sehnsucht natürlicherweise mit der Familie in Bezug stand. Indem man sich selbst als Sohn oder Tochter wahrnimmt, schätzt man das Ur-Geschenk des Lebens. Indem man mit Dankbarkeit auf das Geschenk des Lebens antwortet, das man umsonst empfangen hat, wird man sich des Rufes be­wusst, dieses Geschenk in Liebe weiterzugeben: Ehemann und Ehefrau zu werden, die gemeinsam gerufen sind, Vater und Mutter zu werden.
Vom 5. bis 19. Oktober findet in Rom die III. Außerordentliche Generalversammlung der Bischofssynode statt, die von Papst Franziskus einberufen wurde und die unter dem Leitwort steht: „Die pastoralen Herausforderungen im Hinblick auf die Familie im Kontext der Evangelisierung.“
Dieser Titel deutet zwei wesentliche Aspekte der Familie an. Die Familie als Abbild der Liebe Got­tes und Hauskirche braucht die pastorale Unterstützung der Kirche, um ihre Berufung in ihrer ganzen Fülle leben zu können. Familie ist somit immer Objekt der Evangelisation. Doch die Familie, die entsprechend ihrer Berufung lebt, wird selbst zu einem Zeugnis der Liebe Gottes. Sie wird zum Subjekt der Evangelisierung, denn sie bereitet den Boden für die Annahme der Botschaft des Evangeliums. Wie können wir das verstehen?
In der Familie öffnen wir uns für die Gegenwart Got­tes. Denken wir nur an den Augenblick der Geburt eines Kindes, die immer eine Offenbarung neuen Lebens ist. Die Eltern wissen, dass sie die Urheber dieses Lebens sind und ahnen doch, dass dieses Leben zu groß und kostbar ist, als dass sie allein dafür verantwortlich sein könnten. Sie ahnen, dass dieses Kind im Tiefsten sich selbst und Gott gehört.
Die Ehe und die Familie sind der Ort, an dem wir beginnen, uns mehr um den anderen zu sorgen als um uns selbst, und auch das bedeutet, sich für die göttliche Liebe zu öffnen. „Alle Männer und Frauen fürchten den Tod; aber nur Mütter und Väter gehören zu denen, die den Tod eines anderen Menschen mehr fürchten als ihren eigenen…“  Die hingebende Liebe eines Ehepaares, die Liebe eines Vaters und einer Mutter werden so zu einem überzeugenden Zeugnis der Liebe Gottes.
Papst Franziskus sagt daher: „Die frohe Botschaft der Familie ist ein sehr wichtiger Teil der Evangelisierung, den die Christen allen durch ihr Lebenszeugnis vermitteln können; und das tun sie bereits, das ist in den säkularisierten Gesellschaften deutlich zu erkennen: die wirklich christlichen Familien sind an der Treue, der Geduld, der Offenheit für das Leben, der Achtung der alten Menschen zu erkennen… Das Geheimnis all dessen ist die Gegenwart Jesu in der Familie.“

Die Autorin ist Sozialpädagogin und Referentin zum Thema „Theologie des Leibes“. Seit 2008 leitet sie eine Wohngruppe für Menschen mit einer geistigen Behinderung in der Schweiz. Sie ist Co-Autorin des Buches Eine Vision von Liebe, Besprechung S. 21f.

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