VISION 20006/2014
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Freude – jetzt und hier!

Artikel drucken (Christine Ponsard)

Anlässlich der Feier des 25. Jahrestages seiner Weihe betonte ein Priester, es sei die Freude gewesen, die seine Jahre im Dienst Christi geprägt habe: „Sind wir Priester – mehr noch als die anderen Getauften – zur Freude verpflichtet?“ Es gilt nicht nur, nach der Freude („mit Gott“ und „nach der Art Gottes“ und niemals „ohne Gott“) zu streben, sondern es ist unsere Aufgabe, alle Freude, die Gott uns zuteil werden lässt, auch anzunehmen.
Nur allzu oft sind wir nicht imstande, die Freude, die uns angeboten wird, in der Gegenwart auszukosten, weil uns die Last der Vergangenheit er­drückt und die Angst vor der Zukunft plagt. Schauen wir doch auf die Kinder, auf jene, denen Jesus das Himmelreich verheißt: Sie leben ganz in der Gegenwart. Genauso sollten auch wir leben… Denn die Vergangenheit überlassen wir der Barmherzigkeit und die Zukunft der Vorsehung. (…)
Es gibt zwei Schlüsselworte für das Glück: Vergebung und Hingabe. Für seine Sünden sollte man um Verzeihung bitten und unsere Sorgen, was das Morgen betrifft, legen wir Gott hin. So werden wir frei und sind imstande, die Freude, ja die ganze Freude, die Gott uns jetzt schenken möchte, anzunehmen. Was heißt das konkret? Zum Beispiel nicht auf ein Versagen zurückzukommen, das geschehen ist und vergeben wurde; sich ganz auf das Spielen mit den Kindern einzulassen, ohne an die Wäsche zu denken, die gebügelt werden sollte, an berufliche Schwierigkeiten oder Rechnungen, die zu bezahlen wären…
Um glücklich zu werden, muss man lernen, mit dem, was man hat, zufrieden zu sein – ohne Neid, ohne Missgunst. Da gibt es doch diese Geschichte, die in vielen Varianten erzählt wird, von dem Mann, der glücklich sein wollte. Eines Tages bekam er einen Schlüssel mit der Zusage, er schließe das Haus der Glückseligkeit auf. Der Mann bricht also in die Welt auf, um dieses tolle Haus zu finden. An tausenden Türen versucht er sein Glück. Entmutigt kehrt er nach Hause zurück. Und siehe da: Der Schlüssel passt genau in sein Schloss! Und er begreift: Das Haus der Glückseligkeit ist sein eigenes. (…) Und noch eine Geschichte: Drei Männer arbeiten in einem Steinbruch. Jemand kommt und fragt, was sie da machten.
Sagt der Erste: „Ich breche Steine aus der Wand.“ Sagt der Zweite: „Ich verdiene Geld für mich und die Meinen.“ Sagt der Dritte: „Ich wirke an der Errichtung einer Kathedrale für meinen Gott mit.“
Man könnte die Geschichte auf drei Mütter daheim, auf drei Väter bei der Arbeit, auf drei Schüler im Unterricht übertragen. Das Himmelreich ist da, ganz nahe. Die Pflicht zur Freude ist gleichbedeutend mit der Herausforderung, in unserem Leben die Augen zu öffnen für die Gegenwart Gottes, der uns näher ist, als wir es uns selbst sind.
Denn „das wahre Glück liegt nicht im Reichtum und Wohlstand, nicht in Ruhm und Macht, auch nicht in einem menschlichen Werk – dieses mag auch noch so wertvoll sein wie etwa die Wissenschaften, die Technik und die Kunst – und auch in keinem Geschöpf, sondern einzig in Gott, dem Quell alles Guten und aller Liebe.

Auszug aus Famille Chrétienne v. 24.3.93

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