VISION 20002/2015
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Südafrika – ihre große Liebe

Artikel drucken Schwester Heidi Baumgartner, Mitglied der „Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens“ (Von Alexa Gaspari)

Es ist eine schöne Fahrt nach Seitenstetten im malerischen Mostviertel, die mich zu Sr. Heidi Baumgartner, meiner heutigen Interviewpartnerin führt. Aufgrund einer Verwechslung mit einer Namenscousine wäre das Treffen beinahe nicht zustande gekommen. Gleich nach der Begrüßung erklärt mir die Schwester lächelnd – sie trägt ein auffallendes, hübsches, buntes Halstuch –, ihr Taufname sei eigentlich Aloisia. Aber „ich habe den Namen Aloisia nie gemocht, ich fand, das klinge so männlich. Bei der Einkleidung im Orden bekam ich dann den Namen Adelheid. Der hat mir gut gefallen.“
Im Ordenshaus gegenüber dem Benediktiner-Stift erzählt mir die Schwester aus ihrem Leben: Geboren in Arbing in der Nähe von Perg im oberösterreichischen Mühlviertel als achtes und letztes Kind der Familie, wächst sie auf einem Bauernhof auf. Ihre Mutter ist schon über 40. Als Nachzüglerkind lebt sie mit ihren nicht mehr ganz jungen Eltern fast wie ein Einzelkind. Die Geschwister verlassen der Reihe nach den Hof. Aloisia ist 14, als der Vater stirbt. Nach der Schule tritt sie mit 18 bei den „Franziskanerinnen Missionarinnen Mariens“ in Eichgraben ein, ein Orden mit damals 10.000 Schwestern weltweit. Heute seien sie „nur mehr“ 6.000, erzählt sie.
Als Mädchen hatte sie eigentlich andere Pläne gehabt, sei nicht wirklich an einem Ordensleben interessiert gewesen. Bei näherer Betrachtung ihrer Umgebung, fand sie jedoch, dass die Männer ihre Frauen meist nicht so gut behandelten. „Also, das wird mir nicht passieren,“ beschloss sie. Und so entschied sie sich für das Ordensleben. Allerdings musste es ein Missionsorden sein!
Eine Franziskanerin, die sie kennenlernt, lädt sie eines Tages ein, in Eichgraben ins Ordensleben hineinzuschnuppern. Aloisia gefällt, was sie dort sieht – und so beginnt sie 1970 mit dem Noviziat. In Wien absolviert sie dann eine mehrjährige Ausbildung zur Kindergärtnerin. Nach ihrer Profess kommt sie für zwei Jahre nach England. Dort werden die Schwestern aus verschiedenen Ländern vor den ewigen Gelübden zur Ausbildung und Vertiefung ihres Glaubens zusammengezogen. Die ewigen Gelübde legt sie anschließend in der Londoner Kathedrale ab.
Ihr erster Einsatz ist in Liberia, in Westafrika, das Land, das von freigelassenen Sklaven aus Amerika gegründet worden war. Humorvoll erzählt sie: „Ich wusste damals nichts über Westafrika, über Liberia, aber ich dachte mir: Das Flugzeug wird schon wissen, wohin es soll. Und dort werde ich sowieso von Schwestern abgeholt.“ Mit der Sprache gibt es nach dem Studium in England keine Schwierigkeiten.
Gemeinsam mit anderen Schwestern soll sie in Monrovia, der Hauptstadt, in einer von der Ordensgemeinschaft gegründeten Schule arbeiten und zwei Klassen sowie den Kindergarten mit 200 Kindern übernehmen. Dorthin kommen die Kinder frühestens erst mit 4 Jahren (!), höre ich und denke an die Krippen bei uns. Die Schule gilt als beste Mädchenschule des Landes. „Die Leute rissen sich um einen Platz dort für ihre Kinder und hofften, dass sie bis zur 12. Klasse bleiben könnten.“
„Es war eine gute Zeit,“ entsinnt sie sich. Dort wird aus Sr. Adelheid übrigens die Sr. Heidi, da die Kinder diesen Namen leichter aussprechen konnten, wie sie lächelnd erzählt. In einem Elendsviertel, wo die Menschen so zusammengepfercht leben, dass es schwierig ist durchzukommen, beginnt sie zusätzlich auf engstem Raum mit einem Kindergarten für 400 Kinder. Was für eine Aufgabe! Ihr nächster Einsatzort ist dann ein anderer neugegründeter Kindergarten, zu dem man nur auf einem abenteuerlichen Weg gelangen kann – durch den Urwald. „Man fuhr wie in einem Tunnel da durch. Es gab nur eine Straße, sonst nichts.“ Es sei nicht gefährlich gewesen, beruhigt sie mich.
In diesen Jahren in Liberia macht sie mit einem Missionar aus Irland Besuche im Gefängnis. Eines Tages erfährt sie, dass ein Nigerianer, ein Doppelmörder, hingerichtet werden würde. Gemeinsam mit dem Geistlichen besucht die Schwester nun jede Woche den Todeskandidaten, um ihm in seinen letzten Wochen beizustehen. Er bittet sie, darüber zu wachen, dass nach seinem Tod kein Medizinmann seinen Leichnam für zweifelhafte Zwecke missbrauchen möge. Als der Mann gehenkt wird, steht Sr. Heidi neben dem Galgen und harrt den ganzen Tag dort aus, bis der Leichnam abgenommen wird und sie den Sarg bis zum Ort, wo er begraben wird, begleiten kann.
„Es war schon eine große Herausforderung,“ erinnert sie sich leidvoll. Eine Woche braucht sie, um sich von dem Geschehen zu erholen. Dennoch wird sie noch zweimal zum Tode Verurteilte bis zur Vollstreckung deren Todesurteils begleiten. „Ich hatte keine Wahl, ich musste dabei sein, um die Männer auf dem schwersten Weg, den man gehen kann, zu begleiten,“ stellt sie wie selbstverständlich fest. Spontan denke ich: was für eine mutige, selbstlose, barmherzige Frau!
1980 gibt es einen Militärputsch im Land. Der Präsident wird ermordet und Samuel K. Doe übernimmt die Macht. (Er wird übrigens 1990 das gleiche Schicksal wie sein Vorgänger erleiden.) „Zuerst hatten wir nur Schüsse gehört, wussten nicht, was geschehen war.“ Die Unsicherheit wird überall spürbar. Allerdings: „Soldaten kamen jeden Tag vorbei und warnten uns davor auszugehen. Sie haben immer wieder nach uns geschaut,“ erinnert sie sich dankbar.
In dieser Zeit wird Sr. Heidi auf Heimaturlaub nach Österreich geschickt und bleibt danach eine zeitlang in Eichgraben. Auf ein Französischstudium in Paris folgt ein Aufenthalt im Mutterhaus in Rom, wo sie eine Weile als Fremdenführerin für Schwestern aus der ganzen Welt fungiert. Von dort geht es 1984 nach Südafrika, wo noch Apartheid herrscht.
Gerne fährt sie nicht in dieses Land, wo die schwarze Bevölkerung unterdrückt wird und streng getrennt von den Weißen leben muss – nicht überall allerdings, wie sie feststellt, als sie im südafrikanischen Kloster ankommt. Hier wohnen nämlich trotz des strengen Verbots schwarze und weiße Schwestern miteinander. „Gott sei Dank, haben uns die Nachbarn nicht verraten,“ ist sie heute noch dankbar.
Dazu erzählt sie schmunzelnd eine Anekdote: „Eines Tages wollten wir gemeinsam mit zwei schwarzen Schwestern in ein Freilichtkino fahren. Für die Fahrt haben wir ihnen einfach eine Decke über den Kopf gelegt. Als der Film angefangen hat, war es schon dunkel und wir konnten die Decke entfernen. Immer wieder haben wir versucht, sie so bei Fahrten mitzunehmen.“
Unerschrocken, wie sie ist, fährt sie in Durban in einen als Township bezeichneten Stadtteil nur für Schwarze, der von Weißen gefürchtet war. Dort besucht sie einerseits ihre Zulu-Lehrerin („eine furchtbar schwierige Sprache“), andererseits bildete sie Kindergärtnerinnen aus. „War das kein Problem, da Sie doch eine Weiße sind?“, frage ich. „Die große Kirche dort wurde ja auch von einem irischen Pfarrer betreut,“ erklärt sie. „Mit ihm habe ich auch zusammengearbeitet.“ Und: „Solange niemand etwas gesagt hat, haben wir das so gehandhabt, wie wir es haben wollten. Außerdem haben die Kindergärtnerinnen von Anfang an gespürt, dass ich sie als meine Schwestern behandle.“
Mit ihrer Ausbildung waren die Frauen sehr zufrieden. Bei einer Zusammenkunft mit ihnen wird sie gefragt, wie lang sie denn schon im Land lebe. „Nur wenige Wochen,“ ist ihre Antwort. „Das konnten die gar nicht glauben und meinten: ‚Du verstehst uns und unsere Sorgen, hörst uns zu und begreifst unsere Lage’“. Welch schöner Beweis für das Einfühlungsvermögen der Schwester!
Ungefährlich waren diese Aufenthalte jedoch nicht, wie folgende Episode zeigt: „Es gab nur eine einzige Zufahrt in den Stadtteil. Gab es einen Aufstand, wurde diese Straße blockiert und man konnte nicht mehr hinaus. Nun, einmal als ich wieder hinausfahren wollte, versperrten mir plötzlich drei junge Männer die Straße. Ich hatte keine Zeit zum Überlegen. Mit einem freundlich lachenden Gesicht habe ich ihnen fröhlich zugewinkt, bin auf sie zugefahren und sie mussten perplex zur Seite springen. Schließlich haben auch sie gelacht.“ Erst nachher wird ihr bewusst, dass sie wohl auf der Stelle umgebracht worden wäre – wie dies ja oft genug vorkam. „Eine Weiße zu ermorden, wäre für sie ein Fest gewesen,“ ist sie sicher. Ihre einerseits furchtlose, andererseits spontane und herzliche Art zu reagieren hat sie wohl vor Schlimmem bewahrt, denke ich.
Ihr nächster Einsatz führt sie südlich von Durban in ein indisches Dorf. „Die Inder waren ins Land geholt worden, als der Zuckerrohr-Anbau begann, da die schwarze Bevölkerung sich geweigert hatte, für die Weißen zu arbeiten. Das waren praktisch Sklaven. Heute sind auch sie Südafrikaner geworden,“ berichtet sie. Auch von dort aus betreut sie Kindergärten, die weit voneinander entfernt liegen. So übernachtet sie mal hier mal da.
Auf Bitte des Bischofs zieht sie mit Mitschwestern zu Beginn der 90er Jahre an die Grenze zu Mozambique, wo seit Jahren ein Bürgerkrieg tobt, um sich dort um Flüchtlinge aus dem Nachbarland zu kümmern. Südafrika nimmt diese Menschen nicht auf. Sie dürfen sich nur im Homeland für Schwarze niederlassen. Die Schwestern ziehen also in diese großen Dörfer und werden von der schwarzen Bevölkerung sehr gut aufgenommen „Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich Angst gehabt hätte. Nein, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich vor Schwarzen zu fürchten,“ meint sie fast ein wenig verwundert. Der versuchte Überfall im Township hatte also keine Spuren hinterlassen.
Zurück zu den Flüchtlingskindern, die es nun zu versorgen gilt: Mit einem Lastwagen werden sie jeden Tag in der Früh eingesammelt. „400 Kinder hatte ich damals und vier Köchinnen, um sie durchzufüttern. Das waren Kinder vom Krabbelalter bis zu 15, 16 Jahren. Sie kamen alle gern, weil sie bei uns etwas zu essen bekamen. Das ist sehr gut gelaufen. Ein französischer Pater hatte die Kirche übernommen und mit Spendengeldern aus Frankreich half er, all das zu finanzieren.“
An einen kleinen Buben erinnert sie sich besonders: „Er konnte nur kriechen. Und wenn er mit seinem Teller fertig war, ist er zum nächsten Teller gekrochen, um noch mehr zu bekommen, so hungrig war er. Der Bub ist dann immer in meiner Nähe geblieben. Heute ist er 22.“ Auch dort ließ Sr. Heidi viele der Flüchtlingsfrauen zu Kindergärtnerinnen ausbilden. „Sie haben das mit großer Liebe gemacht.“
Als die Zeit der Apartheid zu Ende gegangen, Nelson Mandela freigelassen und zum Präsidenten Südafrikas gewählt worden war, brach die beste Zeit an, erfahre ich. „Ist dieser Umschwung unblutig über die Bühne gegangen?“ frage ich. „Anfangs gab es viele Morde. Die katholische Kirche hat aber massiv gegen die Gewalt gepredigt. Dank Mandelas Haltung, der ja 27 Jahre im Gefängnis gewesen war, aber keine Rachegedanken, keine Bitterkeit  oder Hass empfand, geschah der Übergang letztlich recht friedlich.“
„Wir wurden oft gefragt, ob wir bleiben würden? ‚Natürlich!’, haben wir geantwortet. Das hat auch andere zum Bleiben ermutigt. Endlich gab es freie Wahlen. Doch man musste schon immer aufpassen, es hätte ja jederzeit etwas passieren können, denn es war natürlich eine große Umstellung, mit der sich alle Menschen schwer getan haben.“ Zur Illus­tration erzählt Sr. Heidi: „Eines Tages gingen wir mit Kindern ans Meer. Ich hatte einen kleinen schwarzen Buben, das Kind von Nachbarn, mit. Im Gegensatz zu früher durften nun schwarze und weiße Kinder miteinander ins Wasser. Plötzlich sah ich, wie ein weißes Kind meinen Kleinen wegstößt und sagt: ,Du bist mir im Weg!’ Der Vater stand wortlos daneben. Als ich für meinen Buben einsprang, hat der Vater weiter geschwiegen…“ So gab es auch unter den Weißen einen mühsamen Wandel von der Gewalt zur Versöhnung. „Es hat aber eine Bekehrung stattgefunden. Darauf sind wir alle sehr stolz.“
Die Ausbildung der Kindergärtnerinnen und der Bau von Kin­dergärten ging weiter – von Österreichern finanziert. Heute sind die Kindergärtnerinnen im Land vielfach Töchter der Flüchtlingsfrauen von damals und die Kindergärten wurden der Regierung übergeben. „Ich bin stolz, dass alles so gut weitergeführt wird,“ betont Sr. Heidi.
Bald tritt ein neues, großes Problem auf: Aids. Überall war Aids. Die Schwester geht nach Johannesburg, lässt sich als Pflegerin für Aidskranke ausbilden und arbeitet in einem Aidshospiz. Anfangs gibt es keine Medikamente und die Menschen sterben massenweise an der Krankheit. „Dort ist die Jugend Südafrikas gestorben,“ stellt sie traurig fest. „Ich wäre ja am liebsten bei jedem Sterbenden geblieben, damit er in der Todesstunde nicht allein ist,“ erzählt sie.
Durch den Aids-Tod der Eltern gab es nun viele Waisenkinder. Um diesen zu helfen, kehrt Sr. Heidi daraufhin an die Grenze von Mozambique zurück. Dort entstehen nun „kindergeführte Haushalte“, denn „man kann ja nicht tausende Kinder in Waisenhäuser stecken,“ erklärt sie mir. Nun steht also die Sorge für diese elternlosen Kinder im Zentrum der Tätigkeit. Sie müssen Lebensmittel und Schulsachen bekommen,  zerfallene Hütten müssen durch Häuschen ersetzt werden.
Von Anfang an hilft ein wohlhabender irischer Spender. Eines Tages hatte er gefragt, wie er helfen könnte. „Ja, das weiß ich genau. Helfen Sie mir bei den Kindern,“ war ihre Antwort. Ab da erhält Sr. Heidi für rund 30 Kinderhaushalte die Kosten für die Schule und später die Ausbildung an Universitäten. „Ich habe immer zur rechten Zeit gute Leute getroffen, die bereit waren zu helfen,“ hebt sie „ihre“ Spender hervor.
Es geht der Schwester aber nicht nur um das große Werk, sondern auch um die einzelnen Menschen: Liebevoll erzählt sie von einer Familie, wo die Mutter gestorben war. „Die Älteste Tochter war erst zwölf beim Tod der Mutter und so half ich, damit das Mädchen weiter in die Schule gehen konnte. Nebenbei hat es in einem Gasthaus serviert. Jeden Groschen hat sie gespart, um für sich und ihre jüngeren Geschwister ein anständiges Haus bauen zu können. Später machte sie eine Küche auf, wo die Leute Essen mitnehmen konnten.“ Mittlerweile arbeite sie in einer Bibliothek. „Eines Tages nahmen mich ihre Geschwister auf den Friedhof mit. Da stand ein schöner Grabstein mit dem Namen der Mutter. Die kleineren Geschwistern sagten stolz: ‚Das hat Lindive für unsere Mutter getan’.“
„Welche Religion hatten die Kinder?“ frage ich. „Natürlich katholisch,“ lautet die fast verwunderte Antwort auf meine Frage. Obwohl sie und die anderen Schwestern den Flüchtlingen nie nahegelegt hatten, katholisch zu werden, sind sie all heute gläubige Katholiken. „Sie waren ja immer bei uns, haben unseren Glauben mitgelebt. Ich habe sie immer als meine Kinder gesehen. Heute rufen sie ‚Kakulu’, wenn sie kommen – wir sind da.“ Wie eine Mutter freut sich die Schwester über „ihre“ Kinder.
Viele der Kinder aus den „kindergeführten Haushalten“ sind herangewachsen, haben studiert oder einen Beruf ergriffen: sind nun Elektriker oder Lehrer geworden. Nicht allen fiel das leicht: Dem Buben, der immer in ihrer Nähe geblieben war, wollte sie einen Führerschein bezahlen. „Aber er ist ein bisschen langsam. Eines Tages hat er die Schule abgebrochen und wollte sich selbständig machen und Maler werden. Das hat aber nicht geklappt. Jetzt ist er wieder zu mir zurückgekommen. In einem Zentrum für Jugendliche mit verschiedenen Lernproblemen bekommt er jetzt Hilfe. “ Viel Liebe und Verständnis spricht aus ihren Worten.
Fragt man, welchen Gefahren sie in all den Jahren begegnet ist, fällt ihr fast nichts ein. Offensichtlich konzentriert sie sich auf das Schöne in ihrer Geschichte. Allerdings: Einmal kommt sie mit dem Auto heim. Da stehen zwei Männer und verlangen den Autoschlüssel. „Und weg waren sie mit dem Auto.“ Auch an zwei Einbrüche in ihr Haus durch Jugendliche erinnert sie sich doch noch. „Sie meinten, weil wir Frauen sind, hätten sie bei uns leichtes Spiel. Außerdem dachten sie, wir wären reich, weil wir ihnen Essen geben konnten, wenn sie um Nahrung kommen. Dabei war es bei uns – wir waren zu fünft – sehr armselig.“ Die Einbrecher haben die Schwestern übrigens selbst gestellt.
Aus diesen so nebenbei erzählten Schilderungen spricht viel Gelassenheit und Beherztheit. Ja, Sr. Heidi scheint mir, ein unglaublich unerschrockener, das Leben und die Menschen bejahender Mensch zu sein. Und Afrika ist ihr ans Herz gewachsen: „Ich war immer in Afrika zu Hause. Ich gehe daher auch wieder dorthin zurück.“ Sie lacht: „Ich bin ja nur mit meinen Füßen hier. Mit meinen Gedanken und meinem Herzen bin ich dort unten. Wenn ich jetzt wieder ins Flugzeug steige, freue ich mich, denn ich fliege heim.“
„Wohin diesmal?“ frage ich. „In die Gegend südlich von Durban, sechs Kilometer vom indischen Ozean entfernt, wo ich früher war, dorthin, wo die meisten Inder leben und ich alle Kindergärten kenne. Wir haben dort eine Schule für die Schwarzen und ein Internat für Mädchen aufgebaut. Seitdem es keine Rassentrennung mehr gibt, siedeln sich alle dort an. Als Missionarin bin ich niemals ohne Arbeit.  Und Afrika ist meine Familie ob sie schwarz ist oder weiß.“
Wie sich dieses Leben in Afrika auf ihren Glauben ausgewirkt habe, möchte ich noch wissen. Ohne zu überlegen, antwortet mein Gegenüber: „Ich war von Kindheit an gläubig. Für mich gab es nie einen Zweifel. ,Wie viele Menschen hast du bekehrt?’ hat mich einmal jemand gefragt. ‚Um Gotteswillen, ich weiß es nicht, ich glaube niemand!’ habe ich erschrocken geantwortet. Wenn ich hinausfahre in die Dörfer weiß ich gar nicht, ob sie überhaupt oder in welche Kirche sie gehen. In Afrika gibt es viele Kirchen: katholische, protestantische und viele andere. Für mich als Missionarin – und das bin ich an erster, zweiter, dritter und letzter Stelle – habe ich mir keine Grenzen gesetzt, ich gehe auf alle Menschen zu – mit Respekt und Liebe für die Leute und das genügt.“
Die Einmaligkeit ihres katholischen Glaubens verliere sie nie aus den Augen, betont sie. Das spüren die Leute rund um sie wohl. Sie geht zwar nicht hinaus und predigt, aber die Menschen, die katholisch werden, entscheiden sich dazu. weil sie so werden wollen wie sie und die anderen Schwestern, die ihnen so viel Hilfe, Liebe und Verständnis entgegenbringen. Woher sie die Kraft für ihren unermüdlichen Einsatz nimmt? Aus dem persönlichen Gespräch mit Gott, denn „wir haben ein intensives Gebetsleben. Am Anfang und Ende jedes Tages steht bei uns das Gebet.“
Ihr buntes Halstuch, das mir gleich aufgefallen ist, stellt übrigens die Fahne Südafrikas dar.

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