VISION 20002/2015
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Vom geöffneten Fenster und dem neuen Frühling

Artikel drucken (Msgr. Christoph Casetti)

Der Pastoraltheologe von München, Andreas Wollbold, hat in einem Aufsatz darauf  hingewiesen, wie problematische Konzils-Bilder das Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils bis heute erschweren. Insbesondere erwähnt er die folgenden Bilder, die sich im Umkreis von 1968 radikalisiert und verselbstständigt haben:
Das geöffnete Fenster: Auf die Frage eines Besuchers nach dem Sinn des Konzils soll Papst Johannes XXIII. das Fenster geöffnet und frische Luft hereingelassen haben. Das Bild transportiert die Botschaft, dass die Luft in der Kirche verbraucht ist. Deshalb muss kräftig gelüftet werden. Die Kirche soll sich der modernen Welt also öffnen, das Gute in ihr sehen und sich einem gesunden Fortschritt nicht verweigern.
Wahrscheinlich hat diese Begebenheit nie stattgefunden. Die Ansprache des Papstes zur Eröffnung des Konzils weist jedenfalls in eine andere Richtung. Sie ist geprägt von einer missionarischen Zuversicht. Die Botschaft des Glaubens soll und kann auch die Menschen unserer Zeit erreichen. Aber keine Rede von einer Öffnung oder Anpassung der Kirche gegenüber dem Zeitgeist.
Der neue Frühling: Ein weiteres Bild ist das von einem neuen Pfingsten, einem neuen Frühling in der Kirche. Das winterdürre Holz fängt an zu grünen und zu blühen.
Wenn vor 50 Jahren viele vol­ler Begeisterung der Kirche rieten, endlich Ballast abzuwerfen, dann ist das allerdings ein eher herbstliches Bild. Denn im Herbst verlieren die Bäume die Blätter und bricht dürres Holz weg.  Johannes XXIII. sprach jedoch bei der Eröffnung des Konzils nicht von einem Frühling der Kirche, sondern er verglich seine Eingebung, ein Konzil einzuberufen, mit einer Frühlingsblume.
Andreas Wollbold vermutet, dass der Papst an dieser Stelle inspiriert ist von der heiligen Thérèse von Lisieux, die er sehr verehrt hat. In ihrer „Geschichte einer Seele“ bezeichnet sich die Heilige gleich mit den ersten Worten als Frühlingsblume. Das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes hat sie durch den Winter von Prüfungen und Leid geführt und wunderbar aufblühen lassen.
Mit großem Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes und in die geistlichen Schätze der Kirche möchte Johannes XXIII. gerade auch den dunklen Seiten und den Irrtümern der Gegenwart begegnen. Er ist nicht naiv fortschrittsgläubig. Vielmehr weiß sich die Kirche getragen von Gottes mächtigem Arm.

Aus Katholische Wochenzeitung v. 12.4.13

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