VISION 20002/2015
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Kann sich die Lehre ändern?

Artikel drucken Eine wichtige Frage im Vorfeld der Bischofssynode über die Familie (Eduardo Echeverria)

Während der Bischofssynode über die Familie im Vorjahr war oft von „Entwicklung“ der Lehre die Rede. Manche deuteten das Wort als „Veränderung“. Gedanken über den Unterschied zwischen diesen Begriffen.  


Kardinal Reinhard Marx aus Deutschland antwortete etwa auf eine Frage anlässlich einer Pressekonferenz, indem er sagte, die Lehre der Kirche könne sich über die Zeit ändern: „Zu behaupten, dass die Lehre sich nie ändern wird, ist eine verkürzte Sicht der Dinge…“ Und er fügte hinzu, die Lehre „hängt nicht vom Zeitgeist ab, aber kann sich über die Zeit hinweg entwickeln.“
Leider sind die Ausführungen von Kardinal Marx nicht eindeutig. Denn er scheint Entwicklung mit Änderung gleichzusetzen. Ist aber Entwicklung der Lehre dasselbe wie deren Veränderung? Kann sich die Lehre der Kirche im Lauf der Zeit ändern?
Fragen wir noch genauer: Bedeutet Entwicklung der Lehre, dass Lehren im Lauf der Zeit einem wesentlichen Wandel unterliegen könnten, was gleichbedeutend mit einer Änderung des eigentlichen Inhalts der Lehre wäre? Könnten also beispielsweise eines Tages „gleichgeschlechtliche Beziehungen“ als legitime Entwicklung der Ehelehre der Kirche angesehen werden? Oder wäre es nicht eher eine Verfälschung des Dogmas, da es das Gegenteil des Wesens der Lehre über die Ehe behauptet, der Lehre, die den Geschlechtsunterschied als wesentliche Voraussetzung für das Ein-Fleisch-Werden in der Ehe ansieht (Gen 1,27; 2,24)?
Es geht nicht darum zu sagen, die Lehre dürfe sich nicht entwickeln. So hat beispielsweise Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, keineswegs gegen eine Lehrentwicklung Stellung bezogen, wie manche Kritiker es ihm unterstellt haben. In seinem kürzlich veröffentlichten Buch The Hope of the Family (Ignatius, 2014) hält er fest, dass „das Dogma sich entwickelt und entfaltet“. Aber er betont zurecht, dass die Lehrentwicklung im Einklang zu stehen hat mit den wesentlichen Prinzipien der Lehre. Müller zufolge kann es keine legitime Entwicklung der Lehre geben, wenn sie „auf eine Art zustande kommt, die den grundlegenden Prinzipien (der Lehre) widerspricht (…), die einen gegenteiligen Schluss zuließe oder behaupte.“ Dieser wichtige Punkt wurde in den laufenden Debatten über die Lehrentwicklung verwischt oder sogar aus den Augen verloren.
In der Lehre der Kirche ist dieser Punkt allerdings keineswegs in Vergessenheit geraten. Sie wurzelt im Werk von Vincent de Lérins, einem Mönch aus dem fünften Jahrhundert (siehe Commonitorium primum, 23). Vincent schrieb: „Daher möge es Wachstum und reichlich Fortschritt im Verständnis, Wissen und in der Weisheit, in allem und jedem, beim einzelnen und in der gesamten Kirche, zu allen Zeiten und in den voranschreitenden Zeitaltern geben, aber nur in den rechten Grenzen, das heißt, innerhalb desselben Dogmas, derselben Bedeutung, desselben Urteils (eodem sensu eademque sententia)“.
Zusammenfassend: Rechtmäßige Entwicklung darf nur innerhalb der Grenzen der Lehre stattfinden. Nur dann wird sie nicht das Gegenteil vom bisher Gelehrten behaupten oder schlussfolgern. Vincent geht es darum eine Unterscheidung zwischen Fortschritt und Veränderung herauszuarbeiten. Vincent schreibt: „Aber er (der Fortschritt der Religion) muss so sein, dass sich ein wahres Vorankommen im Glauben ergibt, nicht eine Veränderung; wenn also jede Einzelheit selbst verbessert wird, ist es Fortschritt; wenn aber eine Sache in eine andere gewandelt wird, ist es Veränderung.“ Das ist der entscheidende Lérins-Standpunkt, auf den Kardinal Müller hingewiesen hat.
Diese Lérins-Lehre wurde vom 1. Vatikanischen Konzil in Dei Filius, der Dogmatischen Konstitution über den Katholischen Glauben (Denzinger 3020), bekräftigt. Bezeichnenderweise hat der heilige Papst Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsansprache für Vaticanum II, Gaudet Mater Ecclesia, auf diese Lérins-Lehre hingewiesen. In dieser berühmten Rede am Beginn des Konzils sagte er: „Denn eines ist die Substanz des Glaubens, der in unserer heiligen Lehre  enthalten ist, etwas anderes ist die Formulierung, in der sie dargelegt wird, wobei sie dieselbe Bedeutung beibehält und zum selben Urteil kommt (eodem sensu eademque sententia).“
Auch hier: Die Lehrentwicklung ist nicht legitim, würde sie das Gegenteil der Wahrheit ihrer Grundprinzipien behaupten oder schlussfolgern.
Das heißt aber nicht, dass wir nicht zu tieferen Einsichten in die Lehre vordringen könnten. Vincent hebt hervor, dass sich die Lehre entwickelt und voranschreitet. Es heißt auch nicht, dass wir die Wahrheit der Lehre nicht auch anders formulieren dürften – aber immer mit dem Ziel im Auge, den Sinn und das Urteil gleich zu erhalten. Wir können also unser Verständnis vertiefen und die Lehre dann in einer neuen Weise ausdrücken, die sie unserem kulturellen Umfeld besser nahebringt. So gesehen verändert sich die Wahrheit selbst allerdings weder mit der Zeit noch mit dem Ort, sondern nur in den Formulierungen.

Der Autor ist Professor für Philosophie und Systematische Theologie am Sacred Heart Major Seminary in Detroit. Sein Beitrag wurde in The Catholic World Report v. 19.10.14  veröffentlicht und von CG übersetzt.

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