VISION 20003/2015
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Von Gott, Menschen und Tieren

Artikel drucken Geschichten zum Nachdenken (CG)

Weihbischof Andreas Laun hat im Verlag EheFamilieBuch einen Sammelband mit Geschichten herausgegeben: Von Gott, Menschen und Tieren – Geschichten zum Nachdenken. Es ist eine bunte Sammlung längerer und kürzerer, gut erzählter Geschichten für Erwachsene, die ich gerne und mit Gewinn gelesen habe: etwa über die Bekehrung seines Vaters, eines Agnostikers, im Gefolge einer Nahtoderfahrung; oder das Märchen vom Konzil der Religionen; oder die Geschichte vom Adler, der ein Huhn war; oder vom Prediger und seinem stillen Helfer; oder…
Um einen Eindruck zu vermitteln, gebe ich am besten eine dieser Geschichten, eine wahre Begebenheit wieder, die der bekannte jüdische Religionswissenschafter Pinchas Lapide erzählt hat und die Bischof Laun ins Buch übernommen hat.

Ich, Pinchas Lapide, war von 1956 - 1958 israelischer Konsul in Mailand, als Italien das l0-jährige Jubiläum seiner Befreiung feierte. Eines Tages bekam ich einen Brief, unterschrieben von 27 Israelis ganz verschiedener Herkunft und Berufe, die eine gemeinsame Geschichte einte: Sie verbrachten 25 Monate ihres Lebens im Keller eines Franziskanerinnen-Klosters und verdankten dieser Tatsache ihr Überleben. Und nun, zehn Jahre später, wollten sie auf eigene Kosten zurückkehren, um den Nonnen einen Dankbesuch abzustatten.
Sie schrieben mir, damit ich die Massenmedien alarmiere, mitkomme und dem ganzen Besuch einen offiziellen Charakter verleihe. Ich sagte selbstverständlich Ja, und so fuhr eines Tages ein Konvoi hinunter in dieses Kloster und dort standen bereits 30 schwarz gekleidete Nonnen, in ihrer Mitte die Mutter Oberin, eine Dame von über 70 Jahren, die bereits schlecht sah, nicht gut hörte und von zwei Schwestern gestützt wurde. Es begannen die Dankesreden. Nachdem das zwei Stunden gedauert hatte, ging ich zur Oberin hin und sagte: „Signora, entschuldigen Sie das Getöse, aber die Welt hat schlechte Nachrichten zur Genüge, die Menschen sollten auch einmal etwas Gutes hören. Daher müssen alle diese Menschen hier sein, die da fotografieren, Lärm machen und schreiben.“
Nach diesen meinen Worten sagte sie einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Sagen Sie, Herr Konsul, seid ihr Kommunisten oder seid ihr Faschisten?“
Das erste Mal in meinem Leben blieb ich die Antwort schuldig und sagte nur: „Signora, seit zwei Stunden reden wir von der Bergpredigt, von der Nächstenliebe, vom Heiligen Land, von Jerusalem und der Bibel und Sie stellen mir eine solche Frage?!“
Die alte Dame wurde rot im Gesicht, stotterte und sagte: „Sie wissen, Herr Konsul, ich bin eine alte Frau. Sie müssen etwas Rücksicht nehmen. Aber in dem Keller dort unten, den wir Ihnen gezeigt haben, wo die Nonnen auch zwei Mal auf ihrem Hos­tienofen Matzen gebacken haben, damit die Juden im Keller nicht nur leben, sondern auch ein Pessach, ihr Ostern, feiern konnten, in demselben Keller, nur zweihundert Meter vom Gestapo-Büro entfernt, da haben wir 1942 Kommunisten versteckt, 1943-1945 Juden und 1946-1947 Faschisten. Jetzt bin ich ein bisschen durcheinander gekommen. Wer ihr auch seid, ich freue mich, dass ihr gekommen seid!“

Von Gott, Menschen und Tieren – Geschichten zum Nachdenken. Von Weihbischof Andreas Laun. Verlag EheFamilieBuch, 132 Seiten, 13,50 Euro

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