VISION 20005/2016
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Heiliges wird profanisiert, Profanes sakralisiert

Artikel drucken Der Mensch ist immer auf der Suche nach etwas, das ihm heilig ist (Von P. Karl Wallner OCist)

Die letzten Jahrzehnte brachten eine Veränderung des katholischen Kultes, der Kunst und Architektur, was viele als Verlust an Erhabenheit und Sakralität empfinden. Parallel dazu werden bei Sportveranstaltungen und im Show-Business aufwändige Ri­tuale kultiviert, die das Pub­likum schätzt. Analyse eines Phänomens, das die Kirche vor eine be­deutende Herausforderung stellt.

Die letzten Jahrzehnte haben eine starke Veränderung des katholischen Kultes, der Liturgie, der Kunst und Architektur gebracht, die viele als Zäsur, als Bruch, sogar als Abbruch einer vormaligen Erhabenheit und Sakralität empfinden. In den 1970er Jahren wurde die „Entsakralisierung“ – damals gab es lange theologische Debatten – sogar als Pflicht für die Modernisierung der Kirche vertreten.
Der Entsakralisierung innerhalb der Kirche steht ein anderes Phänomen gegenüber, dem ich biographisch bei meinen Ausflügen in die profane Welt des Show­business begegnen durfte: Eine Art Sakralisierung des Profanen, eine Verkultung des Banalen, eine Hochstilisierung von Nicht-Religiösem zum Kulthaften. Eine Fernsehshow – etwa „Wetten dass“, wo ich 2008 zu Gast sein durfte – erlebt man von „backstage“ als eine bis ins Detail durchkonzipierte Dramaturgie, sodass der Zuseher vor dem Fernseher an einem „Pontifikalhochamt der Unterhaltung“ partizipiert.
Vor einigen Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis im Anschluss an eine „Jugendvigil“. Wir halten nämlich in Heiligenkreuz seit 20 Jahren für 15 bis 28-Jährige ein durchaus herausforderndes Jugendgebet. Da die meisten jungen Leute dem Katholischen bereits völlig exkulturiert sind und erst beten und anbeten lernen müssen, halten wir die Jugendvigil ausdrücklich nicht in Form einer Heiligen Messe.
Zu dieser Kultfähigkeit müssen wir die jungen Leute erst führen, vor allem brauchen sie ja eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus. Die katholische Liturgie bietet nun ein ganzes Repertoire an „Sakralem“, das eine Stimmung erzeugt, in der die jungen Leute sich so weit öffnen, dass sie von Gottes Gegenwart berührt werden können.
Konkret sieht dies so aus, dass das Licht abgedunkelt ist; dass wir sehr viel singen, Lobpreislieder; dass wir zur Einstimmung mit brennenden Kerzen durch den dunklen mittelalterlichen Kreuzgang ziehen und dabei ein Gesätzchen vom Rosenkranz beten; dass das Allerheiligste, die Monstranz, stark beleuchtet ist, sodass sie zum erhabenen und glänzenden Mittelpunkt der 300 davor knienden Jugendlichen wird, wenn wir beten und anbeten. Die Glocken müssen dann zum Segen laut klingen, der Priester trägt ein feierliches Velum, die Ministranten werfen sich wohlgeordnet zu Boden. Also alles, was eben katholische Liturgie an Dramaturgie zu bieten hat.
Und natürlich verwenden wir viel Weihrauch…
Das Schauen, Hören, Singen, Riechen, Schmecken, Bewegen usw. wird zum leiblichen Instrumentarium  für die Öffnung der Seele. Der Weihrauch hat übrigens nicht nur die sinnliche Wirkung des Duftes, sondern er macht auch den Raum sichtbar: Er steigt auf, er vermittelt Höhe, Erhabenheit, Feierlichkeit.
Die Pointe ist, dass nach einer solchen Jugendvigil einer der entkulturierten jungen Leute zu mir kam, er war tief erschüttert und schwer begeistert und strahlte mich an: „Pater Karl, die Jugendvigil ist voll cool. Ihr seid so modern! Ihr verwendet sogar Bodennebel in der Kirche wie in der Disco.“
Ich meine, dass es heute eine Wende von der Desakralisierung des Katholischen zur Resakralisierung gibt, wie es bei den Jugendlichen offensichtlich ist. Heute gibt es unter Jugendlichen kein größeres Lob für ein Event, ein Konzert, eine Musikgruppe, als wenn man ihr nachsagen kann, dass sie „Kultstatus“ erreicht hat. Dasselbe gilt für das Wort „Zelebration“. Auch dieses einst verpönte – und innerkirchlich oft immer noch vermiedene Wort – ist außerkirchlich euphorisch wiederentdeckt worden. Weil man Feierlichkeit wieder liebt. Das Show- und Partybusiness lebt von pompöser und glamouröser „celebration“.
Wenn man selbst die Liturgie der Kirche liebt und sie so, wie in Heiligenkreuz, wo ich 21 Jahre Zeremoniär sein durfte, als Lebensinhalt betrachtet, wundert man sich, dass „die Kinder dieser Welt oft klüger sind als die Kinder des Lichtes“. Erhabenheit, Feierlichkeit, Würdigkeit, Ritualität – vieles, was bei uns durch Jahrhunderte selbstverständlich war, aber in einem beispiellosen Säkularisierungsschub seit den 1960er Jahren vernachlässigt worden ist, ist im weltlichen Raum entdeckt und verfremdet übernommen worden.
Ich habe schon die großen Fernsehshows genannt, in denen ich sein durfte – oder musste – und die ich durchaus als pseudoliturgische Inszenierungen erlebt habe. Diese „Unterhaltungsliturgien“ haben das Ziel, Gefühle von Spannung, Ergriffenheit, Wohligkeit und Lustbarkeit zu erzeugen – also irdisches Glück in Gestalt von inszenierten Stimmungen. Und zwar mit allen Mitteln: mit der Erhabenheit des Raumes, verstärkt durch die Kameraführung, mit einem „Pontifex“ namens Thomas Gottschalk, mit Gewinn- und Gnadenversprechungen usw. Dem Showmaster wird eine Art Verehrung, die man früher den Priestern im Gottesdienst entgegenbrachte zuteil, freilich damals gnadentheologisch so, dass man im Priester die Hochwürdigkeit Christi ehrt. In der sakralisierten Profanität ist daraus ein platter Personenkult und Starrummel geworden.
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Das Heilige ist die Erfahrung einer Abgrenzung, eines Kontrastes. Es geht hier ja um eine subjektive Kategorie, um ein Gefühl, um eine Grundkonstante der menschlichen Psychologie. Vollklingende und feierliche Musik, räumliche Höhe und Symmetrie, gesetzte und entfremdete Bewegungen, aber auch der Gleichklang einer Volksmasse usw. lösen in jedem Menschen Gefühle der Ehrfurcht, Ergriffenheit aus. Eine Gänsehaut der Erhabenheit. Der schwedische Religionshistoriker Lars Olaf Nathan Söderblom prägte 1913 den bezeichnenden Satz: „Heiligkeit ist die große Bestimmung von Religion; es ist von größerer Bedeutung als der Begriff Gott.“ Die Empfindung der Heiligkeit ist grundlegender als der Begriff Gottes. Das bedeutet: Religiosität ist zuerst das große Angerührtsein von der Kategorie des Anderen: die Betroffenheit vom Reinen, Erhabenen, Fürchtenswerten, Unerwarteten usw. Erst von dieser Empfindung her reflektiert der Mensch auf den Grund derselben, auf Gott.
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In den Anfängen des religiösen Tuns des Menschen geht es noch nicht um einen personalen Gott! Es geht um das Gefühl des Betroffenseins vom Erhabenen, vom Anderen, vom abgegrenzt-Jenseitigen, also vom „Sacrum“. Diese Grundkonstante der Religiosität wird ja nur im Christlichen gereinigt und überhöht. Denn bei uns erweist sich das „Fascinosum“ plötzlich als persönlicher „Gott“, als Person, das in Jesus Christus sogar geschichtlich konkret nahekommt und im Heiligen Geist dem Menschen innerlich wird.
Auf den Punkt gebracht: Der Mensch ist bedürftig nach der Gänsehaut vor etwas, das ihm „heilig“ ist, er ist auf das Heilige verwiesen. Das lässt sich auch negativ verifizieren, denn seit den 1980er Jahren erleben wir ein dramatisches Schwächeln des christlichen Glaubens, damit auch der dialogischen Beziehungsfähigkeit zu einem persönlichen Gott:
Die Shell-Jugendstudie von 2015, die nicht von rosarotbebrillten Theologen verfasst ist, sondern von bodenständigen Soziologen, spricht in ihrer Analyse der jungen Christen in Deutschland  von „heidnischen Getauften“. Das realistische Bild, das die Studie zeichnet, ist düster: Nur 35% der Christen glauben an einen persönlichen Gott, nur 39% halten den Glauben an Gott wichtig für ihre Lebensführung.
Doch mit dem „Fast-Totalabbruch des christlichen Glaubens“, wie es die Shell-Jugendstudie ausspricht, ist nicht der blanke Atheismus gekommen! Geändert hat sich nur, dass es nicht mehr Gott ist, der den Menschen heilig ist, sondern andere Dinge: der Urlaub, ihre Autonomie, das Weihnachtsritual, das Horoskop, das Auto, der Fußballverein usw. Die Menschen haben auch nicht aufgehört, religiös zu sein, sie glauben nur nicht mehr an Jesus Christus und haben keine Ahnung von den Sakramenten der Kirche.
An die Stelle der persönlichen Beziehung zu Jesus Christus, wie sie sich etwa in der eucharistischen Anbetung oder in der heilsgeschichtlichen Betrachtung der Geheimnisse des Lebens Jesu im Rosenkranz manifestiert, wurden andere religiöse Übungen und Vorstellungen populär: Postmoderne Vorstellungen, östliche Meditationstechniken und abergläubische Praktiken haben mittlerweile ihren anerkannten Platz in unserer Gesellschaft.
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Ich möchte dazu ein Beispiel für profane „Heiligsprechung“ bringen: Lady Diana. Als die 36-jährige Prinzessin von Wales am 31. August 1997 in Paris nach einem Unfall stirbt, kommt es weltweit zu einem Phänomen, das man Trauereuphorie nennen könnte. Die hohe Bekanntheit, das persönliche Engagement für Randgruppen und soziale Anliegen führen zu einem Effekt des Mitleids und der Solidarität, der jedes Maß sprengt. Die suggestive Trauerarbeit „hebt Diana in den Himmel“. Wer hätte es damals gewagt, von einer Mitschuld am Scheitern ihrer Ehe zu sprechen?
Diana wurde zum Mythos, zum Idol der Güte und reinen Menschenfreundlichkeit. Die „Heiligsprechung“ war dann perfekt, als wenige Tage nach dem Unfalltod Dianas Mutter Teresa von Kalkutta stirbt, also eine wirkliche Heilige im Sinne der Kirche. Von der Masse wurde dies wie eine trostreiche Bestätigung aufgenommen! Man erinnere sich an die suggestiven Fotos, die beide nebeneinander zeigten: zwei Heilige in trauter Eintracht. Als würde der Glanz von Lady Diana die Runzeligkeit Mutter Teresas verschönern, und die Christlichkeit Mutter Teresas die dunklen biographischen Flecken der unglücklichen Prinzessin verklären. Zu Lady Diana sei auch noch bemerkt, dass heute der Palast mit ihrem Grab zu einer Art Pilgerstätte geworden ist, an der man viele Elemente des christlichen Wallfahrtswesens, vor allem die unerfreulichen, findet.
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Alles Profane eignet sich scheinbar zur suggestiven Sakralisierung, und solche missbräuchlichen Verkultungen von Personen, Diktatoren und Massenmördern haben wir in der Geschichte in Hülle und Fülle ertragen müssen: vom Führerkult um Adolf Hitler über die langen Schlangen vor dem Lenin-Mausoleum, und derzeit ist wohl das skurrilste Beispiel der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un.
Daher müssen wir behutsam sein. Wenn wir im Raum der Kirche das Sakrale, das Erhabene, das Tremendum et Faszinosum vernachlässigen, dann müssen wir damit rechnen, dass die menschliche Psychologie sich den Schauder des Erhabenen von woanders her holt. Wenn wir unsere Gottesdienste zu Menschenfeiern depotenzieren und banalisieren, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass die Menschen ihre naturhafte Sehnsucht nach heiligen Orten, heiligen Riten, heiligen Symbolen, heiligen Texten und heiligen Menschen anderswie befriedigen.
An dieser Stelle eine persönliche Erfahrung, die ich vor einigen Wochen machen durfte, wo ich auf verschlungenen Wegen eine Karte für die Eröffnung des neuen Rapid-Stadions in Wien-Hütteldorf erhalten habe. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie bei einem Fußballmatch. Ein Problem war auch, dass ich allein war und sich bei mir plötzlich so etwas wie Schwellenangst eingestellt hat. Die Versuchung, nicht hinzugehen war groß. Ich habe diese Gefühle übrigens sehr bewusst kommen lassen, um mir vorzustellen, welche reale Angst viele Menschen heute haben müssen, wenn sie mit dem Gedanken konfrontiert sind, in eine Kirche zu einem Gottesdienst zu gehen: Wenn man wo fremd ist mit den Gebräuchen, mit den Verhaltensformen, wenn man sich fürchten muss, aufzufallen…
So war die Teilnahme im Stadion auch eine Form von Sühne, auch deshalb, weil mein verstorbener Vater ein begeisterter Rapid-Anhänger war und ich von daher aufrichtige Schuldgefühle empfand. Aber es war großartig, denn ich erlebte eine säkulare Liturgie, die faszinierend war. Das Fußballmatch – ein Freundschaftsspiel gegen Chelsea – trat bald in den Hintergrund. Es begann eine wahrhaftige Zeremonie, eine veritable Fußball-Liturgie: mit Gesängen, rituellem Geklatsche, kollektivem Aufstehen, mit dem Hochhalten von grünen Schals.
Besonders eindrucksvoll war ein Gestus, der offensichtlich der liturgischen Epiklese nachempfunden war. In der 75. Minute, wo die sogenannte „Rapid-Viertelstunde“ beginnt, standen alle auf. Laut Wikipedia gibt es diesen Brauch, der nun folgte, bereits seit 1910: Alle streckten ihre Hände nach vor, Handflächen nach unten, wie der Priester, wenn er den Heiligen Geist epikletisch zur Wandlung der Gaben über Brot und Wein herabruft. Dann begannen alle 28.000 rhythmisch zu brummen und zu grummeln, dazu fächelten sie mit ihren Handflächen. „Komm, du heiliger Fußballgeist!“, dachte ich mir. Und dann löste sich alles in ein begeistertes und anfeuerndes Geklatsche auf!
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Ich habe mir bei dem Match im neuen Rapidstadion auch gedacht, dass es eigentlich traurig ist, dass die Kirche in Österreich nicht auch wenigstens einmal im Jahr eine solche öffentliche Großveranstaltung im profanen Raum schafft. Ein Zeugnis, dass wir auch außerhalb der Kirchen- und Sakristeimauern, vor allem aber auch außerhalb der kirchlichen Sitzungsräume Präsenz zeigen. Die Freikirchen tun dies, die Zeugen Jehovas tun dies. Die Ursprungsidee des Fronleichnamsfestes bestand in der Gegenwärtigmachung des „Sanctissimum“, des Allerheiligsten in den Straßen, auf den Feldern und Fluren der alltäglichen Lebenswelt.
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Auch wenn ich in meinem Vortrag nicht den Ehrgeiz zu einer systematischen Argumentation habe, so meine ich doch, dass man eine Korrelation feststellen kann zwischen der „Profanierung des Sakralen und der Sakralisierung des Profanen. Der transzendenzoffene Mensch bedarf offensichtlich des „Tremendum et Faszinosum“. Wenn eine Religion ihm den Schauder der Erhabenheit nicht mehr vermittelt, dann wird er beginnen, Profanes zu verkulten und Banales zu sakralisieren, ja zu vergötzen.
Mir fällt dazu der plakative Spruch des heiligen Pfarrers von Ars ein: „Lasst eine Pfarrei zwanzig Jahre lang ohne Priester, und man wird dort die Tiere anbeten.“ Ich möchte fortführen: „Nehmt dem Volk die Ehrfurcht vor dem Heiligen, wie die Liturgie sie ausdrücken sollte, entlüftet den heiligen Dienst am unfasslich Göttlichen zu einem fasslichen Dienst am Menschlichen, und sie werden von solchen Priestern davonlaufen und sich Druiden und Schamanen zuwenden und Sterne und Tiere als ihre Götter anbeten.“
Wir sind aber auch selbst schuld, denn die eigentliche Profanierung beginnt damit, dass für uns selbst das wirklich Heilige nicht mehr heilig ist. Während man sich selbstverständlich in einer Moschee die Schuhe auszieht und heilige Stille hält, oder in einer Synagoge die Kippa trägt,  benimmt man sich in einer katholischen Kirche ehrfurchtsloser als in jedem Museum! Das beginnt damit, dass wir selbst vor dem „Allerheiligsten“, dem „Sanctissimum“, das für uns nicht eine imaginäre Größe wie in den anderen Religionen ist, sondern eine konkrete sakramentale Realität, nicht mehr die Kniebeuge machen. Dass wir in den Kirchen plappern wie die Heiden. Man mache einmal den Vergleich und besuche hintereinander den Stephansdom in Wien und dann das Kunsthistorische Museum. Hier profanierte Sakralität, dort sakralisierte Profanität.
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Man wird sagen müssen: Uns sind in der katholischen Kirche, in Liturgie, Kunst und Architektur schwere Fehler passiert. Der Zeitgeist der Entsakralisierung hat neue heidnische Formen der Religiosität begünstigt. Ich wiederhole nochmals diese alte Binsenweisheit, die ich schon zitiert habe: Wo der – von Gott geschenkte – Glaube vor die Tür gesetzt wird, springt der Aberglaube zum Fenster herein.
Ich fürchte, dass sich die entmythologisierende Theologie, die entsakralisierende Kunst und Liturgie, die wir in den letzten Jahrzehnten erleiden mussten, vielfach selbst vor die Tür gesetzt haben. Wo wir den Menschen in der religiösen Kunst und in der Liturgie nicht mehr die Realität des Einbruches Gottes sakral vermitteln, schafft sich der Mensch Ersatz. Wenn wir den Menschen nicht mehr das „Heilige“, das sich uns in Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus so nahbar und doch erhaben geschenkt hat, vermitteln, dann schafft sich der Mensch selbst Heiliges, und es gibt scheinbar nichts Profanes, das seiner Sakralisierungslust dann entgehen könnte: Ideologien und Staaten, Führer und Stars, Shows und Rituale – all das kommt plötzlich im Gewand des Sakralen daher.
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Wie geht es weiter? Auf jedenfall anders! Denn die Entsakralisierung hat in der Kirche keine Zukunft, ja sie ist schon lange passé. Wenn man die neue Generation  von Priesteramtskandidaten erlebt, so staunt man, wie sehr sie wieder die Feierlichkeit lieben; sie schätzen die Zelebration, sie sind fasziniert von der rituellen Ästhetik; sie wollen den Ordo genau kennen und befolgen. Das ist freilich kein „Zurück“ in einen vorkonziliaren Ritualismus, wie manche Kirchenpropheten, die die Zeichen der Zeit nicht deuten können, unterstellen.  
Die gläubige Jugend, die ja schon Jahrzehnte nach dem Ende der vorkonziliaren Zeit geboren ist, erobert sich in Freiheit – und vielleicht auch vom Heiligen Geist geleitet – die Sakralität zurück, die konstitutiv ist für das Wesen des Christentums. Sie sind ideologiefrei, im Unterschied zu den 1968ern. Das Sakrale schätzen sie deshalb, weil sie instinktiv erkennen, dass dies eine sinnliche Dimension ist, um dem heiligen menschgewordenen Gott zu begegnen: durch erhabene Liturgie, feierliche Musik und hymnischen Lobpreis, abgesetzte Ritualität, himmeloffene Architektur und transzendente Kunst.

Der Autor ist Rektor der Päpstlichen Hochschule in Heiligenkreuz und Nationaldirektor von Missio Austria. Sein Beitrag ein Auszug aus seinem Vortrag bei der Internationalen Sommerakademie am 31.8.2016 in Aigen.

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