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Unvereinbar mit dieser Gesellschaft

Artikel drucken Wirklich konsequent gelebter Islam:

Die Zuwanderung von Muslimen stellt Europa vor Probleme, denen eine von der Multi-Kulti-Ideologie geprägte Gesellschaft bisher nicht gewachsen war. Im Folgenden wegweisende Klarstellungen eines renommierten Islamwissenschafters.

Gibt es im islamischen Raum, vor allem in Afrika, wirklich so viele Bekehrungen zum Christentum, wie es heißt?
P. Samir Kahlil Samir: Ja, die gibt es. Am aktivsten sind die Evangelikalen, was Bemühungen anbelangt, Leute zu bekehren. Und jene, die blockieren, sind meistens die Bischöfe Europas. Ich finde die Einstellung der Diözesen zum „Forum Jésus le Messie“, das jedes Jahr der Frage der Bekehrung der Muslime gewidmet ist, einfach eine Schande. Ja, es sind die Evangelikalen, die dort im Allgemeinen die Arbeit machen. Sie nehmen das Risiko, ins Gefängnis zu wandern, auf sich. In Marokko habe ich eine Frau begleitet, die auf Arabisch die Bibel lesen konnte und unterwegs war, um Bibeln zu verteilen. Sie hatte schon einige Zeit im Gefängnis verbracht. Auch unter den orthodoxen Kopten gibt es ausgezeichnete Prediger.

Wie beurteilen Sie den Umgang der europäischen Gesellschaften mit dem Islam?
P. Kahlil Samir: Lange Zeit war der Islam für die europäischen Länder nicht wirklich ein Thema. Durch Immigration hat sich eine wachsende Zahl von Muslimen in Frankreich niedergelassen. Und diese Zahl wird zunehmen, sei es durch Immigration, sei es durch die Geburtenfreudigkeit, die bei Muslimen deutlich höher liegt als bei den Europäern. Das wäre an sich kein Problem, wenn die Muslime nur Angehörige einer Religion wären, ähnlich wie die Christen und andere. Das Problem liegt darin, dass dies nicht der Fall ist: Muslime sehen sich nicht nur als Anhänger einer Religion. Der Islam ist global. Er erfasst alle Dimensionen des Lebens. Er hat einen spirituellen Aspekt, Normen, ein stark ausgebautes juristisches Regelwerk, das sowohl die Ernährung wie die sozialen Beziehungen und anderes betrifft. Es handelt sich um ein System, das alle Bereiche des Lebens erfasst. Genau dieses globale Erfasstsein bereitet den Gesellschaften, die Muslime aufnehmen, Probleme. Das Christentum, das die Basis der europäischen Kultur bildet – auch wenn Europa das nicht so sehen will –, hat stets die Ebenen unterschieden. Muslim sein, bedeutet eine ganz spezifische Art, sich zu kleiden und zu leben, und betrifft alle Facetten des Lebens. Wenn man an dieser Sichtweise festhält, ist das mit der westlichen Gesellschaft nicht vereinbar.  

Finden Sie, dass wir in unseren Ländern im Umgang mit dem Islam Schwäche zeigen?
P. Kahlil Samir: Sicher! Alle sind, was den Islam betrifft, naiv. Diese Naivität führt zu Fehlverhalten, das schwerwiegend sein kann. Was das Gebet betrifft: Wenn ein Muslim fünf Mal am Tag beten will, so liegt es an ihm, sich diesbezüglich anzupassen. Es ist nicht Sache der Europäer prinzipiell auf die Ansprüche der Muslime Rücksicht zu nehmen. Wir müssen ihnen gegenüber zu unseren Regeln stehen, zu unserer Kultur, unserer Geschichte – wie dies alle Länder tun. Wenn sie zu uns kommen wollen, müssen sie das respektieren. Wollen sie das nicht, müssen wir den Mut aufbringen zu sagen, dass es ihretwegen und unseretwegen besser ist, wenn sie wieder heimkehren. Da gilt es, keine Konzessionen zu machen. Gibt man da einmal nach, gibt es keine Grenze für weitere Konzessionen. Der Druck wird immer größer, weil wir es ja mit einem umfassenden Lebensmodell zu tun haben.
Hier geht es nicht um Provokation, Bosheit oder Herrschsucht. Aber wenn ein Muslim sagt, er wolle den Islam in allen Ausprägungen leben, dann leistet man ihm einen Dienst, wenn man ihm klarmacht, dass er dies am besten in einem islamischen Land tun kann.

Wie kann man sich mehr Respekt verschaffen?
P. Kahlil Samir: Es geht nicht, am Freitag zu Mittag die Straßen zu blockieren mit dem Hinweis, es gäbe nicht genug Platz zum Beten in der Moschee. Das müssen sie eben besser organisieren! Hätten wir in den Kirchen nur eine Stunde lang Messe, gäbe es auch nicht genug Platz. Wir müssen da Klartext reden: Es gibt Normen, die alle zu respektieren haben, seien es nun Gesetze oder Gewohnheiten.
Man kann zwar für alles Verständnis haben, aber man muss nicht mit allem einverstanden sein! Ich habe ein Naheverhältnis zu den Muslimen – aber deswegen muss ich nicht alles gutheißen, was sie tun. Im Gegenteil, man leistet ihnen einen Dienst, wenn man ehrlich zu ihnen ist und ihnen sagt, dass sie unrecht haben. Die eigentliche Gefahr sind nicht die Muslime, sondern es ist die Reaktion der europäischen Gesellschaften, die nicht auf der Einhaltung ihrer Ordnung bestehen. Wenn man nicht dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden, sind es einzelne oder kleine Gruppen, die das Gesetz bestimmen werden.

P. Samir Kahlil Samir SJ ist ägyptischer Jesuit und Islamwissenschafter. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen über die Christen im Vorderen Orient und den Islam. Auszug aus einem Interview mit Jean-Marie Dumont in Famille Chrétienne v. 21.11.15

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