VISION 20002/2016
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Wie sollen sie die christliche Kultur schätzen lernen?

Artikel drucken Anfrage an unseren Umgang mit den Migranten (Irmgard Schmidt)

Wie sollen sich die zugewanderten Muslime bei uns integrieren, fragt sich die Autorin, wenn sie verbreitet auf Ablehnung stoßen? Ein Appell, besonders an Christen, Pauschalurteile zu meiden  – und offen für persönliche Begegnung zu sein.

Vor Weihnachten bekam ich einen Engel, gebastelt aus einfachen flachen Steinen (Kopf und Körper), kleinen Treibholz-Stücken als Arme, Flechten als Haarschmuck und Flügeln aus Draht. Die Gesichter der jungen Hersteller und Überbringer im Asylheim strahlten. Meine Freude war damals noch ungetrübt.
Heute blicke ich sorgenvoll auf ihre Zukunft: Was wird aus ihnen werden, ohne familiären Halt? Ich verstehe die Sorgen der Einheimischen, aber die Sorgen wachsen zunehmend zu einer „kollektiven“ Feindseligkeit gegenüber allen Flüchtenden. In letzter Zeit ist das in Foren und im Gespräch mit Christen massiv spürbar geworden, das bedaure ich sehr.
In dem Heim, in dem ich zweimal pro Woche ehrenamtlich beim Deutschkurs helfe, sind 60 bis 70 unbegleitete junge Asylwerber (13- bis 16-Jährige), die Mehrzahl aus Afghanistan.
Es gab bis jetzt noch keinen Vorfall, selbst die anfangs skeptischen Nachbarn sind positiv überrascht: Alles wird selber geputzt, sie grüßen höflich, zeigen große Dankbarkeit. Einige von ihnen haben das Leben in Afghanistan nie richtig kennengelernt, denn sie mussten bereits als Kleinkind in Flüchtlingslagern im Grenzgebiet zum Iran aufwachsen, ohne Schule.
Von ihnen können wir lernen! Ich habe es bei einem Fußballspiel beobachtet: Obwohl die Asylanten kleiner und jünger sind, schießen sie ein Tor nach dem anderen. Hinfallen und sofort wieder aufstehen sowie das Zusammenspiel (ohne Coach!) beherrschen sie perfekt.
Mein Wunsch: Bitte verbringt eine kurze Zeit mit Flüchtlingen, fragt sie, wie es ihnen geht. Wie sollen sie unsere christliche Kultur kennen- und schätzen lernen, wenn von unserer Seite oft Ignoranz, Desinteresse oder Ablehnung spürbar ist? Sie erleben, dass Menschen aus dem Postbus aussteigen, sobald ein paar von Ihnen mit Betreuerin einsteigen.
Der Glaube solcherart Handelnder soll für sie attraktiv werden, ihr Interesse wecken? Wie denn? Wenn wir nicht in der Lage sind, diese Schutzsuchenden mit Jesu Augen zu betrachten, wird Integration in unsere christliche Kultur kaum gelingen.
Das oft strapazierte Argument der Blauäugigkeit lasse ich nicht gelten. Ich, zum Beispiel, bin in einem Tourismusbetrieb aufgewachsen, Menschen einigermaßen einzuschätzen, fällt mir nicht schwer. Aus diesem Grund kann ich auch Furcht vor Fremden schwer nachvollziehen, wobei Furcht als solches bekanntlich Misstrauen gegen Gott bedeutet.
Sowohl im Elternhaus meiner Mama als auch bei uns wurden Hilfesuchende oder Hungernde in den Kriegsjahren, wie mir erzählt wurde, nie abgewiesen. Zudem wohne ich in einer Gegend, wo viele Familien zur Hitlerzeit ausgesiedelt wurden, nur weil sie der Slowenischen Volksgruppe angehörten.
Jetzt, 2016, setzen wir den Flüchtenden Grenzen, lassen wir sie uns ebenfalls setzen?
Einige Gedankensplitter aus dem Vortrag von Pater Wolfram Konschitzky,  München, gehalten am 14.2.2016 in Lustenau. Titel: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“: Gott bindet die Wohlgefälligkeit unserer Opfer auch an unsere barmherzige Nächstenliebe; auch dem Nächsten gegenüber sei anständiges Verhalten nötig, weil sich Jesus mit allen Leidenden identifiziert. Dem, der unsere Hilfe braucht, demütig begegnen, nicht von oben herab – daran erinnert mich mein Engel aus Stein!


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