VISION 20002/2016
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Kind – wo bleibst du nur?

Artikel drucken Kinderlosigkeit – wenn Gott andere Wege weist (Anni und Gerhard Wipplinger)

„Kinder bekommen die Menschen immer,“ soll Ade­nauer gesagt haben. Auf immer mehr Paare trifft das heute nicht zu – was dann? Künstlich befruchten? Adoptieren? Oder? Zeugnis eines Paares, das vor dieser Frage gestanden ist:

Den meisten wird es nicht schwer fallen, sich in folgende Situation hineinzuversetzen: Ein frisch verheiratetes Paar bummelt durch die Stadt. Dabei kommen sie auch an einem Babygeschäft vorbei. Neugierig bleiben sie stehen und schauen in die Schaufenster. Sie malen sich aus, mit welchen der hübschen Sachen sie ihr zukünftiges Kind anziehen werden. In solchen glücklichen Momenten denkt wahrscheinlich niemand daran, dass es vielleicht auch ganz anders kommen könnte.
Die Realität zeigt aber, dass leider viele Ehen oft lange Jahre kinderlos bleiben. Unerfüllter Kinderwunsch ist kein Einzelschicksal, sondern betrifft laut Statistik heute fast jedes fünfte Paar in Österreich.
Wir sind seit 1994 verheiratet und seit Kurzem frischgebackene Absolventen der Salzburger Akademie für Ehe und Familie. Unser Weg in der Ehe ist zunächst nicht nach dem klassischen Modell „Heiraten – Kinder bekommen – Familie aufbauen“ verlaufen. Das hat uns bewogen, uns in unserer Abschlussarbeit mit der Situation kinderloser Paare zu beschäftigen.
Die katholische Kirche betont immer wieder die untrennbare Verbindung zwischen der ehelichen Liebe und der Bereitschaft, Kinder zu zeugen. Das zeigt sich schon im Wortlaut des Eheversprechens, aber auch in vielen Dokumenten, wie z.B. in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes. Dort heißt es: „Durch ihre natürliche Eigenart sind die Institution der Ehe und die eheliche Liebe auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet und finden darin gleichsam ihre Krönung.“
Das kann man so verstehen, dass ein Ehepaar die volle Erfüllung seiner Berufung nur verwirklichen kann, wenn aus ihrer ehelichen Verbindung neues Leben hervorgeht. Daraus erklärt sich aber auch, warum Paare es als so leidvoll erleben, wenn der ersehnte Nachwuchs ausbleibt.
Wie kann man aber mit dem unerfüllten Kinderwunsch umgehen? So wie uns und anderen betroffenen Paaren, die nach Jahren der Kinderlosigkeit nach Lösungen suchen, springen da oft die Plakate und Zeitungsanzeigen von Babywunschkliniken ins Auge. Die Versprechen der modernen Fortpflanzungsmedizin klingen auf den ersten Blick sehr verlockend. Aber abgesehen davon, dass die Erfolgsraten auch bei den besten Instituten bei ca. 20-25% liegen, gibt es viele medizinische Risiken, wie z.B. die Auswirkungen der bei vielen Verfahren nötigen Hormonbehandlungen, das erhöhte Risiko von Fehlgeburten und natürlich auch ethische Fragen wie der Umgang mit den überzähligen Embryonen, die Abkoppelung des Zeugungsaktes von der geschlechtlichen Vereinigung der Ehepartner.
Auch wenn uns viele dieser Argumente damals noch nicht bewusst waren, haben wir uns gegen eine künstliche Befruchtung entschieden, weil uns dieser Weg falsch erschienen ist.
Rückblickend bereuen wir diese Entscheidung nicht, aber sie hat uns doch eine Zeit der Unsicherheit und des Ringens gebracht. Geholfen hat uns letztlich, dass wir unseren Kinderwunsch immer wieder im Gebet vor den Herrn gebracht und uns viele Freunde darin unterstützt haben. Dadurch konnten wir irgendwann die Frage „Kind – wo bleibst du nur?“ loslassen und offen werden für neue Wege, auf die uns Jesus führen wollte.
Bei einer Familienfreizeit mit den Schwestern der Jüngersuche sind wir mit einem Ehepaar ins Gespräch gekommen, das gerade eine Tochter adoptiert hatte. Heute können wir sagen, dass sich durch das Wirken des Heiligen Geistes die Türen für uns in diese Richtung mehr und mehr geöffnet haben.
 Im Jahr 2001 haben wir ein sechs Tage altes Mädchen, unsere Adoptivtochter Sarah, bekommen. Im Vorfeld hatten wir einen Vorbereitungskurs absolviert, in dem wir auch viel über Pflegeelternschaft erfahren durften. Ohne dieses Rüstzeug hätten wir uns nicht zugetraut, ein Pflegekind aufzunehmen, als sich 2004 plötzlich die Möglichkeit dazu ergab. Inzwischen durften wir dieses Kind, unseren Sohn Benedikt, auch adoptieren.
Uns hat Gott auf diese Weise die Sehnsucht nach dem Elternsein erfüllt, aber es ist uns bewusst, dass Adoption und Pflegeelternschaft nicht für alle kinderlosen Paare die richtige Lösung ist. Trotzdem sind wir überzeugt, dass er für alle einen Weg hat, die eheliche Liebe fruchtbar werden zu lassen.
Viel häufiger als Kinder, die zur Adoption oder Pflege freigegeben werden, gibt es Jugendliche, aber auch Erwachsene, die unter einem Mangel an elterlicher Zuwendung leiden. Oft sind die leiblichen Eltern dazu nicht in der Lage oder nicht vorhanden.
Wir kennen aus unserem Bekanntenkreis ein Beispiel, wo ein kinderloses Paar sich für solche Menschen engagiert und eine Art geistige Elternschaft übernommen hat.
Johannes Paul II. schreibt dazu in seinem apostolischen Schreiben Familiaris consortio: „Die Fruchtbarkeit der Familien muss stets schöpferisch sein – als wunderbare Frucht des Geistes Gottes, der die Augen des Herzens öffnet, um die neuen Bedürfnisse und Leiden unserer Gesellschaft zu entdecken, und dazu ermutigt, sich ihrer anzunehmen und eine Antwort darauf zu geben. Hier tut sich den Familien ein weites Wirkungsfeld auf; noch besorgniserregender als die Vernachlässigung von Kindern ist heute nämlich das Phänomen der sozialen und kulturellen Verdrängung an den Rand der Gesellschaft, welche die Alten, Kranken, Behinderten, Süchtigen, Haftentlassenen und viele andere schmerzlich trifft.
Auf diese Weise weitet sich der Horizont der Vaterschaft und Mutterschaft der christlichen Familien ganz entscheidend; ihre geistig fruchtbare Liebe wird von den genannten und vielen anderen Nöten unserer Zeit herausgefordert. Mit den Familien und durch sie übt der Herr weiter "Mitleid mit den Menschen". (Familiaris consortio  41)
Ungewollte Kinderlosigkeit kann Paaren oft als hartes Los erscheinen. Es kann sehr schmerzhaft sein, sich vom Wunsch nach einem eigenen, leiblichen Kind zu verabschieden. Aber wenn man diese Lücke zulässt und nicht nur den Weg zur Kinderwunschklinik als einzige Lösungsmöglichkeit sieht, öffnen sich oft ganz neue Türen.
Wir haben erfahren dürfen, dass Gott das Seine dazutut und uns in unserem Elternsein mit einer überreichen Fülle beschenkt.
Kinderlosigkeit ist kein böses Schicksal, sondern eine Chance, die Fruchtbarkeit des Ehesakramentes auf eine neue Art an sich und seinem Partner zu entdecken und sie zu leben.

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