VISION 20004/2016
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Geistliche Lebenswenden

Artikel drucken Zehn Zeugnisse von Spätberufenen (Christof Gaspari)

Immer öfter hört man heute, dass Priester- und Ordensberufung sich ganz anders abspielen als in früheren Zeiten: Viele schlagen diesen Weg nicht schon in der Jugend, nach abgeschlossener Schulbildung ein, sondern später, oft sogar sehr spät im Leben. Die Zisterzienserin und Äbtissin der Abtei Mariastern-Gwiggen in Vorarlberg, Hildegard Maria Brem, hat dieses Phänomen aufgegriffen.
In ihrem Buch Zweite Liebe? unterscheidet sie einleitend drei Phasen im Leben des Menschen, in denen wichtige Weichenstellungen erfolgen: Das ist zunächst die Jugend, heute durch viele verlockende Angebote und Möglichkeiten gekennzeichnet, gleichzeitig auch von hohen Anforderungen und starker Konkurrenz sowie von geringer Selbsterkenntnis und Lebenserfahrung geprägt.
Eine zweite für viele Leute entscheidende Phase stellt die Lebensmitte dar. Die inneren Bedürfnisse des Menschen machen sich nach Jahren starker Anpassung an äußere Anforderungen bemerkbar. Durch das Erwachsenwerden der Kinder steht man vor neuen Herausforderungen. Viele entdecken zum ersten Mal den Glauben oder finden zu ihm zurück.
Und schließlich die dritte Phase, die Zeit des Übertritts in den Ruhestand. Vielfach noch bei guter Gesundheit sieht sich der Mensch nun vor einer Phase des Alters, die heute durchaus lange währen kann. Finanziell oft gut abgesichert, reicht vielen die Perspektive, ab nun ausgiebig zu reisen und es sich einfach gut gehen zu lassen, nicht. Es tritt einem die Endlichkeit des Lebens vor Augen und es stellen sich religiöse Fragen.
Im Hauptteil des Buches stellt die Äbtissin dem Leser 10 Personen vor, die entweder in der Lebensmitte oder an der Schwelle zum Pensionsalter einem Ruf zum Priester- oder Ordensleben gefolgt sind. Der Weg von drei dieser Personen sei im Folgenden kurz skizziert.
Da ist zunächst Hans Tinkhauser, Pfarrer in Vandans im Montafon. Aufgewachsen in einer „normal katholischen“ Familie in Vorarlberg, möchte der kleine Hans schon als Volksschüler Pfarrer werden. Nach der Hauptschule schließt er jedoch eine Lehre als Einzelhandelskaufmann ab, besucht danach noch Kurse und hat im Beruf Erfolg. Zuletzt leitet er eine Eurospar-Filiale in Bregenz.
Als Nebenbeschäftigung leistet er Chauffeurdienste für den Vorarlberger Bischof Klaus Küng. 1997 bei einer Fahrt mit dem Bischof nach Horn und Maria Roggendorf kommt die Wende: „… nach dem Gottesdienst in der Wallfahrtskirche stand fest, dass er Priester werden und seinen Beruf kündigen würde!”
Viel Unverständnis rundherum und die Sorge, ob er das Studium bewältigen würde, begleiten den damals 33-Jährigen… Elf Jahre später wird Hans Tinkhauser jedenfalls zum Priester geweiht.
57 Jahre alt ist Hildegard Brem, als sie 1989 in das Zisterzienserinnen-Kloster Seligen­thal eintritt. Im bayrischen Deggendorf wächst sie mit vier Geschwistern geborgen auf. Ihr Weg war vorgezeichnet: Wie der Vater, so würde auch sie den Lehrberuf ergreifen. Ihn übt sie, wie sie berichtet, „mit großer Freude “ aus, bleibt unverheiratet und engagiert sich vielfach nebenberuflich: Frauengymnastik, Schwimmkurse, Orgelspiel bei Wochentagsmessen… Freude über ihre schöne Wohnung, über Freiheit und Unabhängigkeit, Reisen in fremde Länder und Erdteile prägen ihr Leben.
Und dann die Wende am 15. August 1986 in einer Wallfahrtskirche, ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie versteht, dass der Herr sie zu einem Leben im Kloster beruft. Großes Entsetzen, Zögern, viele Fragen an Gott, viele Antworten – und schließlich der Eintritt ins Kloster… Ihre Bilanz: „Heute, nach 26 Klosterjahren, möchte ich betonen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich würde es wieder so machen.“
Und zum Schluss P. Anton Lässer, heute Direktor des überdiözesanen Priesterseminars Leopoldinum in Heiligenkreuz bei Wien. Ihn kenne ich schon länger.  Er hat ein spannendes abwechslungsreiches Leben hinter sich, das ihn von der elterlichen Land- und Gastwirtschaft über das Internat in Mehrerau, die Handelsschule in Bregenz, Matura in Telfs, Wirtschaftsstudium in Wien, stressreiche Arbeit als Unternehmensberater, Mercedes, Nadelstreif geführt hat…
Mehr erzähle ich jetzt nicht. Sie, liebe Leser, sollten sich die spannende Geschichte nicht entgehen lassen.

Zweite Liebe? Geistliche Lebenswenden. Von Maria Hildegard Brem. Bernardus-Verlag, Mainz 2016, 147 Seiten, 12,80 Euro.

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