VISION 20001/2017
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Mission unter Esoterikern

Artikel drucken Begegnungen mit Menschen, die verzweifelt auf der Suche nach Sinn sind

Das Geschäft mit Esoterik boomt. Angebote, wohin man schaut: in Apotheken, Bücherläden,  eigenen Messen, etwa in der Wiener Stadthalle. „Geht an die Ränder, um den Glauben anzubieten,“ hat Papst Franziskus gefordert. Diesem Appell folgte ein Kapuzinerpater – mit einem Stand auf der Wiener Esoterik-Messe.

Sie hatten einen Stand bei der Esoterik-Messe in Wien – ein eher ungewöhnliches Umfeld für kirchliche Aktitvitäten. Wie kam es dazu?
P. Marek Krol OFMCap: Im Zuge einer Wallfahrt nach Krakau im Jahr der Barmherzigkeit sind wir in Kontakt mit dem Ehepaar Widder-Plöchl aus Sauerbrunn gekommen, das uns Folgendes erzählt hat: Sie hatten einen Stand bei der Esoterik-Messe in der Wiener Stadthalle gehabt und dort Gegenstände religiöser Kunst aus ihrer Kunstwerkstatt und Infos über die katholische Kirche angeboten: Programme von Radio Maria, Anleitungen zur Gewissenserforschung… Mich hat ihre Erzählung von der Not der Menschen, denen sie begegnet sind, besonders betroffen gemacht. Und so habe ich mir gedacht: Eigentlich möchte ich gern dort dabei sein.

Wie hat das Ehepaar reagiert?
P. Marek:  Beide waren sich einig: Wunderbar! Wir freuen uns, wenn Sie mitmachen.

Es sollte diesen Stand also bei der nächsten Messe wieder geben – diesmal aber mit einem Priester…
P. Marek:  Genau. Die Esoterik-Messe findet zweimal im Jahr statt. Nächster Termin war im November. Dann aber hat sich herausgestellt: Das Ehepaar kann zu diesem Zeitpunkt nicht. Also habe ich das Projekt übernommen, und die beiden haben uns bei den Vorbereitungen geholfen. Unseren Gruppen hier in Wiener Neustadt habe ich von dem Projekt erzählt, und die Reaktion war sehr positiv. Zuletzt habe ich mich für vier Personen – alle zwischen 30 und 50, im Glauben gereift – aus dem Interessentenkreis entschieden.

Wie lange vorher ist diese Gruppe entstanden?
Gertrude Köck: Etwa zwei Monate. Wir haben das im Gebet getragen. Die meisten von uns sind ja in einem Gebetskreis. Wir haben auch Klöster – insgesamt sechs – um Gebetsbeistand gebeten. Sie haben schon im Herbst damit begonnen. Wir wussten ja, dass wir uns in einen Raum der geistigen Konfrontation begeben würden.

Mit welchen Gefühlen sind Sie an das Projekt herangegangen?
P. Marek:  Angemeldet waren wir als Kunstwerkstatt. Aber ganz sicher war ich mir nicht, ob es wirklich Sinn machen würde, als katholische Kirche in diesem Umfeld aufzutreten. Ich wollte ja im Habit hingehen, und wir hatten auch vor, den Barmherzigen Jesus in die Auslage zu stellen.

Und wie war dann die Reaktion des Umfelds, also der anderen Stände, als diese ihren Auftritt gesehen haben?
P. Marek:  Überraschenderweise durchaus positiv – auch bei den Besuchern der Messe. Ich habe ja Erfahrungen mit der Reaktion der Leute bei Straßeneinsätzen oder Hausbesuchen. Da trifft man im allgemeinen auf weitaus weniger Offenheit, als wir sie dort bei der Esoterik-Messe erlebt haben. Diese Menschen sind auf uns zugekommen, haben sich interessiert…

Man musste also gar nicht auf die Leute zugehen?
Gertrude Köck: Das schon. Aber wenn man sie angesprochen hat, sind sie stehen geblieben, waren sofort zu einem Gespräch bereit, haben sich nicht bitten lassen, waren dankbar. Das ist ein Publikum, das irgendwie offen für alles ist.
P. Marek:  Natürlich waren die Leute schon auch verwundert, dass die katholische Kirche hier zu finden sei. Wir haben ihnen geantwortet, dass es eigentlich normal sei, dass die Kirche dort anzutreffen sei, wo Menschen auf der Suche sind. Einer hat dann gesagt: „Die katholische Kirche segnet alles Mögliche, nur die Menschen lassen sie im Stich.“ Ihm haben wir antworten können, dass wir eben da seien – und das wurde positiv aufgenommen.

Welche Art von Menschen trifft man bei einer Esoterik-Messe an?
Gertrude Köck: Leute jeden Alters, vom Säugling bis zur Oma. Es sind suchende Menschen, viele sind verzweifelt, Menschen in Not. Man konnte spüren, dass fast alle eine große Sinnlosigkeit mit sich herumtragen. Soweit ich beobachtet habe, waren es nur wenige, die wegen irgendwelcher Krankheiten dort waren. Die meisten hatten seelische, geistige Probleme. Und dann waren eben Leute, die ganz tief in der Esoterik verfangen waren und arge Probleme damit hatten, Erscheinungen und Ängste… Und dann eben viele, die dankbar für Ansprache und Zuwendung waren.

Ist der Andrang bei dieser Messe sehr groß?
Gertrude Köck: Da war ständig etwas los. Als wir in der Früh gekommen sind, stand an einem Tag schon eine Schlange vor der Tür, die darauf gewartet hat, dass aufgesperrt würde. Es gab auch Leute, die alle drei Tage gekommen sind. Schließlich kostet das ja viel Geld. Da wurde bei einem Stand etwa 100 Euro für drei Gebete, bei einem anderen für eine Schamanen-Beratung von wenigen Minuten 70 Euro verlangt.

Ihre Gebete waren wohl gratis…
P. Marek:  Klar. Wir haben nicht einmal einen Spendenkorb aufgestellt. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.
Gertrude Köck: Unser größtes Anliegen war zu vermitteln: Das Heil ist gratis. Eine Dame, schwer krebskrank, hat zu weinen begonnen und gesagt: „Das habe ich so ersehnt… Nicht immer nur viel Geld für irgendwelche Energien! Die Leute haben sehr wohl den Unterschied wahrgenommen. Es sind auch immer wieder andere Standler gekommen, die gesagt haben: „Bei euch fühlt man sich so wohl. Da kann man auftanken…“ Irgendwie haben die Menschen wahrgenommen, dass bei uns ein anderer Geist geherrscht hat. Sie haben auch für sich beten lassen. Etwa ein Hypnotiseur gleich zweimal.

Gibt es Begegnungen, an die Sie sich erinnern?
P. Marek:  Freitag Nachmittag, also am Anfang, waren wir noch sehr schüchtern… Da sind die Leute eben vorbeigekommen, haben sich die Papiersäcke angeschaut, die wir angeboten haben. Wir sagten, dass dies Geschenke seien: ein Radio-Maria-Programm, ein Weihwasser-Flascherl mit einer Beschreibung, wie man es verwendet, eine Hilfe zur Gewissenserforschung, ein Bücherl über Barmherzigkeit mit Gebeten, ein Rosenkranz mit Beschreibung, wundertätige Medaillen mit Beschreibung – und einen Hinweis auf Kontaktmöglichkeit… Von letzterem hat bisher nur eine Person Gebrauch gemacht.

Und die Reaktion?
Gertrude Köck: Dankbarkeit. Manche sind am nächsten Tag, nachdem sie sich den Inhalt angeschaut hatten, noch einmal vorbeigekommen, um zu danken: „Ein Geschenk…“
P. Marek:   Ab Samstag haben wir dann angeboten, für die Leute zu beten. Und da hatten wir dann die Hände voll zu tun – bis zur letzten Minute. Meist haben wir zu dritt, fürbittend, segnend gebetet… Sie sollten erfahren, dass sie Kinder Gottes sind, dass Gott sie liebt. Manche sind daraufhin ruhiger geworden, haben geweint. Wir haben die Gebete kurz gehalten und konnten auch nicht näher auf irgendwelche Themen eingehen.

Warum?
P. Marek:  Weil der Andrang zu groß und daher die Zeit zu kurz war.
Gertrude Köck: Dennoch war noch so viel Zeit, dass die Leute auch ihr Herz ausschütten konnten. Wir wussten also schon, warum sie uns um Gebet gebeten hatten.
P. Marek:  Aber zu einem geistlich begleitenden Gespräch fehlte die Zeit. Gertrude hat sich dann später auch getraut, Leuten zu sagen: „Lassen Sie die anderen Stände, gehen Sie lieber nach Hause…“
Gertrude Köck: Sie haben den Rat allerdings meistens nicht befolgt.

Können Sie vielleicht doch noch von einem Gespräch erzählen?
P. Marek:  Ich denke besonders an einen Mann, ein Energetiker, um die 40 Jahre, der von esoterischen Praktiken lebt. Er steckte in einer totalen Sinnkrise. Er war gekommen, um Hilfe für sich zu suchen. Er litt unter körperlichen und geistigen Zuständen, die er sich nicht erklären konnte. Er war völlig orientierungslos. Mit ihm haben wir eine zeitlang gebetet und ihn dazu ermutigt, eine Lösung in der Kirche zu suchen, was er mit Wohlwollen aufgenommen hat. Und eine zweite Begegnung: eine Kartenleserin, eine praktizierende Hexe. Sie war in einer totalen Lebenskrise. Alles rundherum brach zusammen. Sie fühlte sich von Geistern verfolgt, hatte nichts mehr in der Hand.… Es waren beeindruckende Begegnungen, auch mit Menschen, die schon Jahre Hilfe in der Esoterik suchen und jetzt eine zerstörte Existenz haben. Etwa eine junge Frau, sehr talentiert, begabt, die nichts davon umsetzen kann, weil sie geistig enorm bedrängt ist. In der Nacht werde sie von Händen hochgehoben. Ihr einziger Wunsch war zu sterben. Sie hatte sich schon in der Schweiz um Euthanasie umgeschaut.

Sie sind also mit vielen Menschen in Kontakt gekommen, die tief in esoterischen Praktiken gefangen sind…
Gertrude Köck: Eine Frau hat mir erzählt, sie hätte ein Haus bauen können mit dem Geld, das sie für Esoterik ausgegeben habe – und nichts sei besser geworden. Immer wieder sind die Leute auf der Suche nach neuen Angeboten, um tiefer spirituell einzudringen. Wir haben extreme Dinge kennengelernt, wie sich Menschen verändern.

Wie ist es Ihnen selbst in diesen Tagen ergangen?
Gertrude Köck: Ich bin sehr zuversichtlich gewesen. Ich habe mich gefreut, es zu machen, weil ich selber auch in der Esoterik gefangen gewesen war. Daher weiß ich, was für ein wertvolles Geschenk es ist, wenn Jesu kostbares Blut einen aus dieser Welt herausholt. Ich weiß daher auch, welche Gnade aus den Gebeten, die P. Marek gesprochen hat, auf die Leute kommt. Es ist mir nicht schwergefallen, auf die Menschen zuzugehen. Ich habe es mit Freude und Wertschätzung getan. Bei der Nachbesprechung ist uns bewusst geworden, dass wir mit viel Liebe und Respekt auf die Menschen zugehen konnten – ganz ohne den Gedanken: Schrecklich, was die da machen…Dieses Wohlwollen hat unseren Stand getragen.

Sie haben also den Großteil der Zeit damit verbracht, für Leute zu beten.
P. Marek:  Ja. Wir haben meist zu dritt gebetet, während der vierte Mitarbeiter Kontakte geknüpft hat. Das war zwar nicht im voraus so abgemacht, sondern hat sich einfach ergeben.

Haben Sie diese Tage als geistigen Kampf erlebt?
P. Marek:  Mir war klar, dass wir unter einem geistigen Schutz stehen. Unsere Gebetskreise und Freunde haben ja, ebenso wie die kontemplativen Klöster, für uns gebetet. Wir waren daher sehr getragen. Außerdem haben wir vor jedem Einsatz um Schutz gebetet und danach Gott alles zurück in die Hände gelegt.

P. Marek Krol ist Guardian des Kapuzinerklosters in Wiener Neustadt und Gertrude Köck Religionslehrerin. Sie wirkt ehrenamtlich in der Seelsorge. Das Gespräch hat CG geführt.

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