VISION 20001/2017
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Intoleranz im Namen der Toleranz

Druckansicht Wie Christen heute in Europa bedrängt werden (Von Gudrun und Martin Kugler)

Das zunehmend christenfeindliche Klima in Europa macht deutlich, wie dringend notwendig die Neuevangelisierung des Kontinents ist. Sie wird nicht vom Himmel fallen, sondern erfordert den Einsatz jedes einzelnen Gläubigen.

Ein Fall wie viele andere in Europa: Sarah Kuteh ist seit vergangenem August arbeitslos. Die junge dreifache Mutter mit afrikanischen Wurzeln wurde vom „Darent Valley Hospital“ in Kent  suspendiert, weil sie als Krankenschwester unerwünschte religiöse Gespräche mit – später angeblich verärgerten – Patienten geführt hätte.
Frau Kuteh kann es noch immer nicht glauben: nach 14 Jahren erfolgreicher Arbeit auf der Intensivstation war sie Ende 2015 in die Patientenbetreuung vor größeren Operationen gewechselt. Zu ihren neuen Aufgaben gehörte es, gemeinsam einen Fragebogen auszufüllen, in dem auch Religion ein Thema ist. Bei über 1.000 geführten Gesprächen hat sie auch manchmal über Jesus und ihren Glauben geredet, ja fallweise auch angeboten zu beten. Das wurde ihr zum Verhängnis, weil einige Patienten sich angeblich darüber beschwerten. Konkrete, schwerwiegende Vorwürfe wurden ihr allerdings nicht mitgeteilt. Trotzdem wurde sie aus dem Krankenhaus eskortiert, als hätte sie Material aus dem OP gestohlen. „Es war sehr beschämend für mich. Und auch schmerzlich, nach allem, was ich in meinen Jahren als Krankenschwester getan hatte.…“
Der Fall, der immerhin von mehreren großen britischen Tageszeitungen berichtet wurde,  reiht sich in zahllose ähnliche Fälle ein.
Und er wirft viele Fragen auf: Was ist der Hintergrund solch antireligiöser Intoleranz? Was geht in den Köpfen der Exponenten extremer Political Correctness vor? Sind die vorgeblich liberalen Politiker und Meinungsmacher Europas Vorboten eines neuen „viktorianischen“ Zeitalters mit verordneter Gesinnung zuzüglich staatlicher Überwachung? Und wird die Kirche, die Christenheit im gegenwärtigen Europa zunehmend die letzte starke Anwältin individueller und kollektiver Freiheiten?
Sarah Kutehs Geschichte ist wie gesagt kein Einzelfall, sondern bezeichnend für die zunehmende Bedrängung praktizierender Christen und christlich geprägter Positionen in der Öffentlichkeit. Natürlich gehört es zu unserer Berufung, Nachteile und Ablehnung zu erfahren. Doch zugleich sollten wir die Rechte unserer Geschwister im Glauben nach unseren Möglichkeiten verteidigen.
Wie fühlt sich ein junger Familienvater, der als Krankenpfleger seinen Job riskiert, wenn er sich gegen Euthanasie ausspricht? Oder eine Hebamme, die plötzlich bei Abtreibungen assistieren soll, weil ihre Gewissensfreiheit vom Gesetz nicht mehr geschützt ist? Oder eine Medizinstudentin, die Frauenärztin werden möchte, aber auch während der Ausbildung nicht an Abtreibungen mitwirken will? Diese Beispiele sind nicht erfunden, sie sind aktuell und stammen aus Deutschland, Frankreich und England.
Neben diesen rechtlichen Einschränkungen, mit denen Christen in Europa zunehmend leben müssen, gibt es das weitgehend unbemerkte Phänomen des Vandalismus und der Störung religiös motivierter Veranstaltungen (z.B. Lebensrechtkundgebungen, siehe S. 26). Gleichzeitig existiert seit einem Jahr eine neue Herausforderung für Europa, der Schutz der am meisten bedrohten Asylsuchenden: Christen, die vor Verfolgung und Genozid flüchten. Nachdem sie ihr Leben aufs Spiel setzten, um nach Europa zu gelangen, schlägt ihnen hier in den Unterkünften oft erneut Gewalt, Bedrohung und Diskriminierung aufgrund ihres christlichen Glaubens entgegen: seitens moslemischer „Sicherheitsdienste“ (in Deutschland), aber leider auch durch Mit-Flüchtlinge.
Darauf wird zwar von Menschenrechtsorganisationen immer wieder aufmerksam gemacht, aber die staatlichen Autoritäten reagieren ähnlich lau und halbherzig wie sie vorher auf die Bomben gegen christliche Kirchen in Pakistan, Ägypten und Nigeria reagiert haben.
Warum dieses Desinteresse des Westens am Leid anderer Christen? Der deutsche Journalist Alexander Kissler bringt es auf den Punkt: „Die Kopten in der Messe (Kairo), der Priester am Altar (Normandie): Sie wurden ermordet, weil sie ihren Glauben praktizierten. Sie waren identifizierbar als Menschen, die das Christentum zu ihrer persönlichen Sache gemacht hatten. Ein solches Naheverhältnis zur eigenen Religion erscheint den meisten Christen des Westens suspekt; als im besten Fall voraufgeklärt, im schlimmsten Fall unvernünftig. Deutschland ist das Land, dessen Bischöfe manchmal das Kreuz ablegen und in Predigten staatsnah politisieren. Was in vielen Ländern der Erde selbstverständlich ist, taugt hier zum Skandal: ein bekennendes Christentum.“ (Cicero, Dez. 2016) Hier schließt sich der Kreis zur britischen Krankenschwester.
Aber woher kommt die in der westlichen Welt dramatisch gewachsene Ablehnung, Christen ihren Platz im öffentlichen Raum zuzugestehen? Es mag daran liegen, dass die öffentliche Präsenz christlicher Überzeugungen per se ein mahnendes Zeichen, ja eine Provokation für das „schlechte Gewissen“ mancher Mächtiger ist. Und die katholische Kirche ist für viele die einzige Institution, mit der man über manches nicht verhandeln kann. Sie ist schlechthin der Feind dessen, was als „zeitgenössischer Relativismus“ bezeichnet wurde.  
Hat sich die Situation für Christen in Europa also in den letzten Jahren verschlechtert? Einerseits ja: es gibt das neue Phänomen der Diskriminierung christlicher Flüchtlinge, und es gibt deutlich mehr Fälle von Intoleranz und rechtlicher Einschränkung für gläubige Christen in unserer westlichen Gesellschaft.
Auf der anderen Seite reagieren Christen heute besser auf diese Probleme, und es gibt generell ein stärkeres Bewusstsein dafür. Das ist ermutigend. Vor zehn Jahren war es fast undenkbar, dass der Europarat oder die OSZE solche Missstände in Angriff nehmen. Wenn sich damals jemand dazu geäußert hat, wurde er abgewiesen mit dem Argument, dass Christen ohnehin die Mehrheit in Europa sind und sie daher „gar nicht diskriminiert werden können“. Jetzt gibt es viele Menschen, die sehen, dass es keine Frage der Mehrheit ist, sondern eine Frage der Rechte.
Einige wirklich dramatische Fälle wurden zu Alarmglocken für Christen in Europa: der „Fall Buttiglione“ oder evangelikale Pastoren, die – wegen ihren Anmerkungen zu Homosexualität – ins Gefängnis kamen oder zumindest vor Gericht gestellt wurden. Oder jüngst auch spanische Bischöfe, die aus dem gleichen Grund angezeigt und politisch isoliert wurden.
Zusammenfassend kann man sagen, dass engagierte Christen besser gelernt haben, wie eine „kreative Minderheit“ zu handeln anstatt wie eine beleidigte Mehrheit, die sich zwar vielleicht aufregt, aber nichts unternimmt.
Konkrete Fälle und weiterführende Texte: www.intoleranceagainstchristians.eu


Über die Autoren und ihre Initiativen

Martin Kugler ist promovierter Historiker und berät gemeinnützige Organisationen. Gudrun Kugler studierte Jus und Theologie und ist seit 2015 Landtagsabgeordnete in Wien.
Beide gründeten das Internetportal für Partnersuche www.kathTreff.org und das europäische Netzwerk www.europe4christ.
net sowie 2008 ein Dokumentationsarchiv (Observatory on Intolerance against Christians) und betreiben eine Webseite, die Beispiele dafür anführt, wie und wo Christen oder christliche Gemeinschaften in Europa benachteiligt oder diskriminiert werden.
Internationale Organisationen wie die EU-Grundrechteagentur und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa werden ebenso in Kenntnis gesetzt wie Politiker und NGOs. Auch für alle interessierte Einzelpersonen ist die Webseite als Quelle gedacht.

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