VISION 20002/2017
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Und das Leben nach dem Tod?

Artikel drucken Ermutigung, die eigene Sterblichkeit nicht zu verdängen († Christine Ponsard)

Die Zukunft kennen wir nicht, aber eines ist sicher: Wir werden alle sterben. Jeder steht also vor der Frage:  Ist der Tod eine un­aus­weichliche Katastrophe, die man am besten verdrängt oder der wichtigste Moment in unserem Leben?

In der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod lassen sich drei Haltungen unterscheiden. Es gibt sie in mehreren Abwandlungen und Kombinationen: die Zurückweisung, die Angst und das Vertrauen.
Zurückweisung: Man versucht, seine Sterblichkeit zu verdrängen oder zu verleugnen, indem man sich mit Vergnügungen ablenkt und die Lebensgrenze dank wissenschaftlichen Fortschritts hinauszuschieben.
Angst: Alle empfinden sie – in unterschiedlichem Ausmaß. Sie kann aber so beherrschend werden, dass sie das Leben vergiftet.
Vertrauen: Der Tod wird als Übergang, als Tor zum ewigen Leben gesehen.
Es abzulehnen, sich dem Tod zu stellen, bedeutet letztendlich: Ich weigere mich zu erkennen, was das Leben seinem Wesen nach ist, und begnüge mich mit der Oberfläche der Dinge. Betrachtet man den Tod aber aus der Warte des Glaubens, wird deutlich, dass sich das wahre Leben nicht im Vergänglichen, sondern im Unvergänglichen abspielt. Der Tod lädt uns ein, über das Äußerliche hinauszugehen, um uns in dem festzumachen, was bleibt, um für das Reich Gottes, das schon hier begonnen hat, zu leben. Er lehrt uns zu unterscheiden, was wirklich wichtig ist – und was nicht.
Sich vor dem Tod zu fürchten, ist normal: vor allem weil er Leib und Seele trennt, tut er unserer Natur gewissermaßen unerträglich Gewalt an. Außerdem: weil er uns von geliebten Menschen, die zurückbleiben, trennt; wie sollte beispielsweise einem Ehemann nicht das Herz brechen, sich von seiner Frau und seinen Kindern trennen zu müssen? Schließlich wissen wir nicht, wann und wie wir sterben werden: im Frieden oder in der Auflehnung; plötzlich oder nach langem Leiden, indem wir das Leben hingeben oder uns daran klammern… Und dann gibt es die schwerwiegende Frage nach der Hölle, der wir nicht ausweichen können. Denn die Heilige Schrift und die Lehre der Kirche weisen ausdrücklich auf die Existenz der Hölle und deren Ewigkeit hin.
Der auferstandene Christus lädt uns ein, über diese Angst hinauszuwachsen – besser gesagt: uns von Ihm, dem Retter, von ihr befreien zu lassen. Es geht ja nicht darum, die mit dem Tod einhergehenden Fragen und Leiden zu leugnen, sie durch Willensakte zum Schweigen zu bringen – und schon gar nicht darum, sie lässig zu verharmlosen. Echter Mut leugnet die Ängste nicht, sondern begegnet ihnen mit den wahren Antworten auf den Tod. Und diese Antwort ist Jesus. Besser als sonst jemand kennt er den Horror der Agonie und die Zerrissenheit, die der Tod bedeutet: „Vater, wenn Du willst, nimm diesen Kelch von mir…! In Ihm und durch Ihn können wir erst sagen: „Vater, nicht mein, sondern Dein Wille soll geschehen.“ (Lk 22,42)
Was das konkret bedeutet? Zunächst: Sich der Frage nach dem Tod zu stellen: Ja, ich werde sterben und weiß weder den Tag noch die Stunde. Dann: sich vorzubereiten: „Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ (Lk 12,40)
Wir sollten nicht trotz des Todes leben, sondern im Hinblick auf den Tod. Genaugenommen: im Hinblick auf das ewige Leben, in das uns der leibliche Tod einführt. Sich auf das Sterben vorzubereiten, heißt, die Augen zu dem zu erheben, der uns jenseits des Todes erwartet. Es heißt, schon von jetzt an für und mit Ihm zu leben.
Maria ist die Mutter einer guten Sterbestunde. In jedem „Ave Maria“ bitten wir sie, „in der Stunde unseres Todes“ für uns zu beten. Wenn wir bei ihr Zuflucht suchen, können wir dem Tod entgegensehen, ohne uns zu ängstigen, und uns ohne Unruhe auf den Tag der Begegnung vorbereiten.
„Gleichzeitig empfinde ich einen großen Frieden, wenn ich an den Augenblick denke, in dem der Herr mich zu sich rufen wird: vom Leben ins Leben! Darum kommt mir häufig, ohne jeden Anflug von Traurigkeit, ein Gebet auf die Lippen, das der Priester nach der Eucharistiefeier spricht: In hora mortis meae voca me, et iube me venire ad te — in der Stunde des Todes rufe mich und lass mich zu dir kommen. Das ist das Gebet der christlichen Hoffnung, das der Freude über die gegenwärtige Stunde keinen Abbruch tut, während es die Zukunft dem Schutz der göttlichen Güte anheimstellt.“ (Johannes Paul II., Brief an die alten Menschen)

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