VISION 20002/2017
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Realismus im Glauben ist gefragt

Artikel drucken Gedanken zur Krisensituation in der Kirche des Westens

Viele haben den Eindruck, in der Kirche gehe es drunter und drüber. So schlimm sei es noch nie gewesen. Das folgende Gespräch relativiert diese Sichtweise und richtet den Blick auf Zeichen der Erneuerung.

Herr Kardinal, sind Auseinandersetzungen in der Kirche, auch schwere und heftige, eigentlich normal?
Karinal Paul Josef Cordes: „Normal“ würde ich sie nicht nennen. Aber klärende Diskussionen, Spannungen, auch schmerzhafte Konflikte gehören zur Geschichte der Kirche. Da war das 1. Konzil in Nizäa (325). Es reagierte gegen die Irrlehre des Arius, der leugnete, Jesus Christus sei dem Gott dem Vater wesensgleich. Der Häretiker hatte vor dem Konzil schon fast die ganze Kirche auf seine Seite gebracht, so dass Historiker urteilen: „Die Christenheit erwachte und glaubte nicht mehr an die Gottheit Christi.“ Konfusion und Turbulenzen in den allermeisten Diözesen. Ein Kämpfer für die Gottessohnschaft Jesu, der Heilige Bischof Athanasius von Alexandrien (+ 373), überstand zwanzig Exile, in die er verbannt wurde. Das waren keine Ferienreisen! Oder etwa die Zeit der Renaissance-Päpste im 15. und 16. Jahrhundert, die das Fernsehen uns so gern unter die Nase reibt. Weltlicher Machtsinn, Nepotismus (Familien-Protektion) und Simonie (Ämtervergabe durch Geld-Bestechung) machen an der Spitze der Kirche aus Jesu Gleichnis vom Guten Hirten eine traurige Farce. Oder denken Sie für unsere Tage an die Welle der Aggression gegen den Heiligen Johannes Paul II. Die „Kölner Erklärung“ von 1989 nahm ihren Ausgang bei deutschen Professoren, beschuldigte den Papst u. a. des „absolutistischen Gehabes“ und verbreitete sich unter den Hochschullehrern der ganzen Welt. Da zittert die Seele so manches Glaubenden.

Und unsere Sehnsucht, in der Kirche eine heile Welt zu erleben?
Cordes: Nun, gelegentlich mangelt es uns der Kirche gegenüber wohl an Glaubens-Realismus. Wir sollten mal wieder in die Bibel schauen. Gewiss, da steht in der Apostelgeschichte über die junge Gemeinde: „Sie waren ein Herz und eine Seele.“ Aber es gibt auch andere Verse. Sogar im Munde Jesu selbst. Beim Unkraut unter dem Weizen wendet er sich gegen eine rasche Säuberungsaktion. Er sagt: „Lasst alles wachsen bis zur Ernte.“ Oder: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Mt 10,34). Es kommt noch schlimmer: „Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf“ (Lk 22,31). Da verfliegt alle romantische Sentimentalität; die Feststimmung mit Beethovens „Hymne an die Freude“: „Seid umschlungen Millionen …diesen Kuss der ganzen Welt…“ Freilich enthält die bestürzende Warnung Jesu auch einen Trost: Obwohl es der Teufel ist, der uns mit Anfechtungen quält, bleiben wir unter des Vaters liebendem Beistand.

Wir erleben in den letzten Jahren eine sich verschärfende Grabenbildung und Polarisierung in unserer Kirche hierzulande. Was können wir tun, um in unserer Kirche die mittleren Positionen wieder zu bestärken?
Cordes: Als erstes: Im Geist der Verkündigung Jesu und im Licht der Geschichte sollte sich niemand wundern! Darüber hinaus müssen wir immer wieder anfangen, aus dem militärisch-politischen Schema auszusteigen. Gruppenkampf und Mehrheitsentscheidungen dienen der Sendung der Kirche nicht. Gefragt ist der größere Glaube, die vom Glauben erleuchtete Nächstenliebe, ein authentisches Zeugnis.Und unsere Gottverbundenheit zeigt uns den individuell-persönlichen Weg. Wenn dann Mehrheiten von den pastoralen Gremien wenigstens zugelassen werden und entstehen, werden sie anziehend. In meiner Arbeit mit den neuen Geistlichen Bewegungen habe ich immer die „Pastoral der Spaghetti“ empfohlen: andere für Christus gewinnen durch liebevollen Umgang. Das ist weder Taktik noch Strategie. „Kommt und seht!“ sagte der Herr seinen ersten Jüngern.

Praktisch in der gesamten westlichen Kultur verstärkt sich der gesellschaftliche Gegenwind gegen das Christentum, von der Gesetzgebung bis hin zur Darstellung von Christen und ihren Themen in den Medien (sowohl im Nachrichten- wie auch im Unterhaltungssektor)…


Cordes: Ihre Beobachtung schmerzt auch mich. Und das christenfeindliche öffentliche Klima nimmt uns die Glaubensfreude und unterhöhlt die Glaubenskraft. Aber es mindert auch das halbgare Mitläufertum und reinigt die Verwaltung von Karteileichen. So wichtig soziale Leitplanken für das Kennen und Tun des Glaubens sind, so offensichtlich entwachsen sie der personalen Gottesbeziehung. Diese gilt es zu stärken. Die Mittel sind bekannt: Gebet des Herzens und Sakramente, die Heilige Schrift und das geistliche Gespräch; kluge Auswahl der Medien und eine Gemeinschaft mit Glaubensdichte – ein Klub mit „Small-Talk“ reicht nicht hin. Und dann gelegentlich auch das Eingreifen in die Räder der Gesellschaft – so geschickt wie möglich. Ohne Fanatismus, im Wissen, dass Gott auf der Seite der Wahrheit ist. Im Rückblick auf das Urchristentum ist unsere heutige Situation sogar beneidenswert. Vor meinem Fenster sehe ich immer den Petersdom. Er steht genau dort, wo der Kaiser Nero nach dem Brand von Rom im Jahr 64 eine „riesige Menge“ (Tacitus) von ihnen verbrennen ließ. Welch ein Sieg Christi über alle Widersacher!

Wir erleben hierzulande einen erschreckenden Rückgang der Kirchenbesucher und viele Kirchenaustritte. Wohin könnte die Entwicklung laufen? Wo bricht das Christentum in neuer Lebendigkeit auf? Wie wird der katholische Christ der nahen Zukunft wohl aussehen?


Cordes: Der sogenannte Säkularismus prägt über weite Strecken das moderne Lebensgefühl. Papst Benedikt hat vor und während seines Pontifikats immer wieder auf die moderne „Gottvergessenheit“ hingewiesen. In dieser Anamnese steckt schon die Therapie: Ein neues Bewusstsein ist zu wecken. Kardinal Döpfner formulierte schon bei der Würzburger Synode: „Wir können dem Menschen von heute keinen besseren Dienst erweisen, als ihn sicher zu machen, Gott ist, und Er ist für mich, er ist für uns da“ (November 1973). Diskussionen um Pastoral-Strukturen und Dialogprozesse um neue Kompetenz-Verteilung kosten viel Zeit, Geld und Energie. Sie bleiben generell im innerweltlichen Horizont und kirchenzentriert. Doch es gibt andererseits in Deutschland Aufbrüche des Glaubens, für die „Gott“ nicht Binsenwahrheit oder Ladenhüter ist: Pontifex und Jugend 2000, Nightfever, Fokolar-Bewegung und Neukatechumenat, Charismatische Erneuerung und Schönstadt, Facenda, Seligpreisungen und Opus Dei, Taizé und Shalom – um einige zu nennen. Die älteren von ihnen waren Geburtshelfer für die Internationalen Weltjugendtage, die so vielen jungen Menschen neue Glaubensfreude gegeben haben. Für all diese Initiativen ist Gott ein Thema, mehr noch ein Wirklichkeit, der man sich zuwendet wie zu einer begehrten Person – in Neugier und Gebet, ohne die Welt zu vergessen. Leider finden sie im engmaschigen Netz der pastoralen Räte kaum Lebensraum, auch nicht Förderung und Wohlwollen.

Aus einem Gespräch, das Petra Lorleberg für kath.net v. 12.12.16 geführt hat. Kardinal Cordes war vor seiner Emeritierung Präsident des Päpstlichen Rates „Cor unum“ und Mitinitiator der Weltjugendtage.

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