VISION 20003/2017
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Die eigenen Fehler entdecken lernen

Druckansicht Schritte, wie man das Vergeben einüben kann

Dass Beichten mit Vergebung zu tun hat, wusste man die längste Zeit. Nun stehen aber die Beichtstühle leer, während Psychotherapeuten Hochkonjunktur haben. Ein adäquater Ersatz? Gespräch mit einem Psychotherapeuten.

Ist Vergebung überhaupt ein Thema für die Psychotherapie?
Univ. Doz. Raphael Bonelli: Ja, ein großes. Allerdings benennen es die meisten Kollegen mit dem Terminus „Verbitterung“. Darin kommt zum Ausdruck, dass ein Mensch, der nicht vergeben kann, immer unglücklicher wird. Es gehört zur Realität des Menschen, dass wir Unrecht erleiden und Unrecht tun. Der gesunde und weise Umgang mit erlittenem Unrecht ist mitentscheidend dafür, ob man fähig ist, ein glückliches Leben zu führen. Daher ist es so wichtig, das Vergeben zu lernen oder es in einer Psychotherapie langsam zu entwickeln.

Verbitterung also als Folge der Unfähigkeit zu vergeben. Aber ist nicht auch Verdrängung eine Möglichkeit, mit erlittenem Unrecht umzugehen?
Bonelli: Ja, das kann sein. Aber im Allgemeinen verdrängt der Mensch eher die eigene Schuld als das, was ihm angetan wurde. Das klassische Verdrängen besteht darin, dass die Leute nicht erkennen, dass auch sie Fehler haben. Ich habe relativ viele Paar­therapien. Und in einer Paartherapie wird deutlich, dass die Menschen sehr sensibel dafür sind, was ihnen alles zugestoßen ist. Aber sie erkennen im Allgemeinen kaum, was sie selbst falsch gemacht haben.

Ist die Unfähigkeit, vergeben zu können, ein weit verbreitetes Phänomen?
Bonelli: Ja. Viele Menschen glauben, dass ihr Unglück damit zusammenhängt, dass andere etwas falsch gemacht haben. Es gab eine Zeit in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in der man darauf fixiert war, den Eltern die Schuld zu geben für alles, was einem im Erwachsenenleben – oft Jahrzehnte später – passiert ist. „Was war denn da in ihrer Kindheit?“, war eine klassische Frage. Diese Form der Schuldzuweisung endet immer in einer Sackgasse. Dem anderen die Schuld zuzuschieben, nützt niemandem. In dieser alten Form der Psychotherapie bewegte man sich nie in Richtung Vergebung. Ich erinnere mich noch gut an einen 60-jährigen Mann: Er hatte acht Jahre Psychoanalyse hinter sich. Jetzt wolle er wissen, was die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse seien. Dann erzählte er mir, er habe mit seinen verstorbenen Eltern gebrochen, ebenso mit seinen Geschwistern. Alle seien böse zu ihm gewesen. Ich sagte ihm darauf: „Ich sehe Sie unversöhnt. Haben Sie schon darüber nachgedacht, an der Vergebung zu arbeiten?“ Also das habe er noch nie gehört, war seine Antwort. Und dann ist es in vier Stunden gelungen, dass er auf seine noch lebenden Geschwister zugegangen ist. Nach Jahrzehnten der Verbitterung, der Trennung, des Schweigens kam es wieder zu Kontakten.

Vergebung also ein Schlüssel für psychische Gesundung?
Bonelli: Jedenfalls ein wichtiger Faktor, wenn sie auch nicht alles ist. In den USA wird viel über das Thema Vergebung – unter der Bezeichnung „Forgiveness“ – geforscht. So bezeichnet man die Fähigkeit einer Person, anderen zu vergeben. Es geht da um eine innere Haltung, eine Tugend. In Studien wird deutlich: Forgive­ness steht in enger Beziehung mit psychischer Gesundheit.

Lässt sich Forgiveness einüben?
Bonelli: Es gibt konkrete Traumata, in denen man in der Psychotherapie üben kann zu vergeben.

Wie funktioniert das?
Bonelli: Da gibt es verschiedene Schulen. Aber in allen wird ein Zweischritt genannt. Der erste Schritt: die Entscheidung zu vergeben („Decisional forgive­ness“); der zweite: „Emotional forgiveness“ – dass man also auch gefühlsmäßig vergibt. Zuerst muss man verzeihen wollen – erst dann kann man auch emotional vergeben. Entscheidend ist der erste Schritt. Für diesen ist es sehr hilfreich, wenn der andere um Vergebung bittet. Aber das ist nicht unbedingt notwendig. Man kann auch Tätern verzeihen, die schon tot sind, oder solchen, die einfach nicht um Verzeihung bitten. Aber das ist viel schwerer.

Es geht also zunächst um einen Willensakt. Wie übt man einen solchen ein?
Bonelli: Es gibt in diesem Zusammenhang eine Studie, die mir wichtig erscheint. Sie geht der Frage nach, wer sich leicht bzw. wer sich schwer mit dem Verzeihen tut. Das Ergebnis: Am leichtesten tun sich jene, die eigene Fehler erkennen können. Je mehr ein Mensch erkennt, dass er selbst fehlerhaft ist, umso eher kann er anderen einen Fehler zugestehen und deshalb verzeihen. Menschen, die sagen: „Mir wäre das nie passiert!“ und sich über den anderen empören – insbesondere Perfektionisten und Narzissten – tun sich ganz schwer mit dem Vergeben. Und das hat viel mit Schuldverdrängung zu tun. Wie erwähnt, tun wir Unrecht und erleiden es – etwa 50 zu 50. Wenn nun jemand den eigenen Anteil verdrängt, hat er große Schwierigkeiten, anderen Fehler zuzubilligen. Denn er selbst macht ja angeblich keine. Dabei verbittert man, weil man den Eindruck hat, der einzige Unschuldsengel zu sein, während die anderen gemein sind. Wer also erkennt, dass er selbst auch „Dreck am Stecken hat“, hält leichter erlittenes Unrecht aus.

Fähig zur Selbstkritik zu werden, ist also eine Form, wie man das Vergeben einübt…
Bonelli: Genau. Die regelmäßige Gewissenserforschung, die Beichte sind psycho-hygienisch ganz wichtig. Auch die Worte aus dem Vaterunser „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ passen hierher: Diese Verkoppelung hat empirisch, wissenschaftlich viel Sinn. Wenn ich merke, dass ich der Vergebung bedürftig bin, tue ich mir auch leichter, dem zu vergeben, der sich gegen mich versündigt hat.

Nun aber zu dem zweiten Schritt: der emotional erfahrbaren Vergebung. Schafft man das aus sich selbst heraus?
Bonelli: Der Schritt, den man selbst tun kann, ist die Entscheidung: „Ich will dir vergeben!“ Das soll man sich immer wieder in Erinnerung rufen, wenn der Groll hochkommt: „Ja, ich habe ihm vergeben.“ Ein zweiter Schritt, den wir in der Psychotherapie gehen, ist, dass wir Empathie für den anderen stärken. Da möchte ich die Paartherapie zitieren: Da ist es wichtig zu verstehen, wie es dem anderen geht: Wie hat er oder sie gedacht, empfunden? Je mehr man die Umstände des „Täters“ versteht, umso leichter tut man sich beim Verzeihen. In der Rolle als Paartherapeut wundere ich mich immer wieder, wie schnell man die eine und die andere Seite versteht. Fast nie ist die Schuld einseitig, dass also nur einer der Täter, der andere das Opfer ist. Bemerkenswert ist, dass beide Seiten das im Allgemeinen nicht wahrnehmen können, weil sich jeder so schwer mit der eigenen Schuld tut.
Wenn man dann beispielsweise der Frau sagt, das oder jenes habe sie gemacht  und sie sieht das ein – dann flippt der Mann richtig aus und sagt: „Seit Jahrzehnten habe ich dir das auch gesagt! Warum hörst du nicht auf mich?“ Irgendwie können sie nicht aufeinander hören, obwohl die Wahrheit auf der Hand liegt. Nur wird sie meist so formuliert, dass sie unannehmbar ist. Außerdem ist man taub für Kritik, wenn man im Streit liegt.

Ist Vergebung nicht eigentlich ein einseitiger Akt, bei dem es nicht darauf ankommt, dass der andere darum bittet?
Bonelli: Ja, aber die Bitte erleichtert das Vergeben erheblich. Wenn der Täter meint, sein Verhalten sei „eh ganz in Ordnung“, so macht dies das Verzeihen äußerst schwierig. Selbst dann aber ist es gut zu vergeben. Denn sonst bleibt man unfrei. Aber jemandem zu vergeben, der womöglich stolz auf sein Tun ist – das ist die Königsdisziplin. Leider kommt es immer häufiger vor, dass Leute stolz auf ihr Verhalten sind, auch wenn es verletzt. Das hat mit der Erziehung zu tun, die im Moment praktiziert wird. Es wäre so wichtig, den Kindern beizubringen, dass sie sich prüfen: Was mache ich falsch?

Du hast vom Befreien gesprochen. Ist das Vergeben im Grunde genommen nicht auch ein Akt der eigenen Befreiung?
Bonelli: Ja. Eine starke Gottesbeziehung macht einem das noch viel leichter. Und so verwende ich bei religiösen Patienten auch religiöse Bilder. Da ist es für mich als Therapeuten sehr hilfreich, auf die Leiden Christi hinzuweisen. Ich habe nämlich noch niemanden kennengelernt, der mehr als Jesus Christus gelitten hätte – und noch dazu ganz unschuldig. Und dennoch hat Er vergeben: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Das einem religiösen Menschen vor Augen zu führen, kann ihm helfen, mit innerer Verbitterung zurecht zu kommen – auch im Gebet.

Leben wir Deinem Eindruck nach in einer Zeit, in der das Vergeben schwieriger wird?
Bonelli: Ich bin überzeugt, dass es schwieriger wird, weil wir in einer perfektionistischen und narzisstischen Zeit leben. Perfektionismus heißt: Ich mache keinen Fehler. Viele Menschen kreisen da nur mehr um sich selber. Sie haben immer weniger Verständnis für die Fehler der anderen. Aber genau das ist, wie gesagt, eine Voraussetzung für die Fähigkeit zu vergeben.

Auch Christen scheinen davon betroffen zu sein…
Bonelli: Sicher. Viele wissen ja auch nicht mehr, dass man beichten gehen sollte. Die Vorstellung, Gott sei so barmherzig, dass Er für alles Verständnis hat und irgendwie alles gut findet, hat sich etabliert. Und so wissen auch viele nicht, dass es überhaupt etwas gibt, was sie beichten könnten.

Das zu erkennen, würde aber voraussetzen, dass man sein Leben regelmäßig Revue passieren lässt…
Bonelli: Ja, aber kritisch. Allerdings beobachte ich, dass die Selbstkritik bei sehr vielen umso mehr abnimmt, als man die Gebote demontiert. Denn diese sind eine Richtschnur. Wenn man sich ihnen demütig nähert, erkennt man: Ich habe Probleme mit dem vierten, fünften, achten… Da muss ich beichten, um zu wachsen. Das tut der Seele gut. Dann weiß man, wo man hin muss. Wenn man aber meint, diese Gebote seien antiquiert,  die Kirche müsse sich da endlich an die heutigen Gegebenheiten anpassen – meistens gilt das nicht für vier oder acht, sondern für sechs –, dann kann man nicht wachsen und meint, man sei ohnedies ok.  

Und damit wird wohl das Zusammenleben schwieriger…
Bonelli: Genau an dem scheitern viele Ehen. Ohne Vergebung kann keine Ehe funktionieren. Da man als Mann und Frau eng zusammenlebt, ist es notwendig, regelmäßig um Verzeihung zu bitten. Papst Franziskus sagt uns, Danke, Bitte, Entschuldige seien die Zauberworte für das Gelingen der Ehe. Ich finde das großartig. Als Psychiater kann ich das nur 100-prozentig bestätigen.

Lassen sich also Ehekrisen durch Vergebung bewältigen?
Bonelli: Folgendes erlebe ich immer wieder: Es kommt ein Paar, und sie erzählt, was ihr der Mann angetan hat. Dann frage ihn, ob das so stimme. Worauf er sagt: „Ja, auch wenn sie etwas übertreibt.“ Ich frage dann: „Tut Ihnen das leid?“ Er darauf: „Ja, ja…“ „Haben Sie sie da um Vergebung gebeten?“ „Nein, das brauchen wir nicht. Sie weiß ja, dass ich sie lieb hab…“ Worauf ich sie frage: „Wie geht es Ihnen damit?“ Da höre ich: „Schön wär’s schon, wenn er um Verzeihung bitten würde.“ „Na, wäre das nicht jetzt eine Gelegenheit?“, wende ich mich an ihn. „Soll ich hinausgehen?“ Er darauf: „Nein, nein…“, klopft ihr auf den Schenkel und sagt: „Entschuldige, Schatzerl“,  ohne sie anzuschauen, um dann zum nächsten Thema überzugehen. Wenn ich die Frau dann frage, wie das emotional bei ihr angekommen sei, sagt sie: „Na, ist schon gut…“ „Wirklich?“ „Na ja…“ Dann lade ich den Mann ein zu sagen: „Liebling, es tut mir wirklich leid, dass ich Dir das angetan habe und dass Du Dich gekränkt hast.“ Und tut er das dann, ist der Bann gebrochen: Sie fängt an zu weinen, er ebenso – und auch ich hab’ Tränen in den Augen. Die Stimmung im Raum kippt – die Therapie ist praktisch beendet. Das sind unheimlich starke Momente für einen Therapeuten. Da wird eine Ehe in wenigen Sekunden saniert.

Am leichtesten tut man sich also mit dem Vergeben, wenn man darum gebeten wird. Also wäre es gut, sich darin zu üben, um Vergebung zu bitten…
Bonelli: Das müssen wir lernen. Wenn ich öfter um Vergebung bitte, erleichtere ich es dem anderen, das Gleiche zu tun. Das Schöne an der Bitte um Vergebung ist, dass ich mich bildlich vor meiner Frau hinknie. Damit mache ich mich von ihr abhängig. Damit übergebe ich ihr die Macht  zu verzeihen oder eben nicht. Nur, das trauen sich viele nicht. Sie haben Angst, dass der andere dann den Zeigefinger erhebt und weiteres Versagen anspricht. Genau das ist aber in einer solchen Situation überhaupt nicht angebracht. Denn jetzt geht es um Versöhnung, um Heilung.

In der Beziehung zu den Kindern gilt wohl dasselbe Prinzip?
Bonelli: Es gibt Kulturen, in denen die Eltern ihre Kinder zwingen – vielleicht sogar handgreiflich – sich zu entschuldigen, selbst aber nicht auf die Idee kommen, sie einmal um Vergebung zu bitten. Dann lernen die Kinder, dass es das Recht des Stärkeren ist, Vergebungsbitten einzufordern. Verloren hat, wer sich entschuldigen muss. Solche Kinder tun sich später ganz, ganz schwer. Bitten Eltern aber die Kinder um Verzeihung, wenn sie selbst etwas falsch gemacht haben – vielleicht erklärend: „Ich war sehr nervös, es tut mir leid“ –, so tut das den Kindern sehr, sehr gut. Dann lernen sie einen natürlichen Zugang zum Verzeihen.

Das Gespräch hat Christof
Gaspari geführt.

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