VISION 20003/2017
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Robert Schuman

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Helmut Hubeny)

Jean-Baptiste Nicolas Robert Schuman wird am 29. Juni 1886 in Clausen, einem Vorort von Luxemburg, in Lothringen geboren. Er bleibt Einzelkind. In der Familie wird das Fundament für sein späteres religiöses und politisches Leben gelegt. Ein fester Bestandteil seines Lebens ist von früh an der Besuch der Messe. Sein Vater, Jean-Pierre Schuman (1837-1900), stammt aus Frankreich, nach der teilweisen Annexion Lothringens durch das Deutsche Reich 1871 wird er zum Reichsdeutschen. Seine Mutter, Eugénie Duren (1864-1911), stammt aus Luxemburg. Nach dem frühen Tod ihres Mannes widmet sich die Mutter ganz der Ausbildung und Erziehung ihres Sohnes.
Ihn prägte der in Luxemburg übliche Unterricht in lëtzeburgischer, deutscher und französischer Sprache. Er legt 1903 die Reifeprüfung in Metz ab. Im Sommer 1904 immatrikulierte er sich an der Universität Bonn und wurde Mitglied der katholischen Studentenverbindung Unitas-Salia mit dem Wahlspruch „Im Notwendigen die Einheit, im Zweifel die Freiheit, in allem die Nächstenliebe.“ Er studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, politische Philosophie, Theologie und Statistik, zuerst in Bonn, dann in Berlin, München und Straßburg. Das erste Staatsexamen legte er 1908 in Straßburg ab, verbrachte dort und in Metz seine Refendarszeit und promovierte 1910 zum Dr. jur. Nach dem Unfalltod seiner Mutter im Jahr 1911 trug er sich mit dem Gedanken, Priester zu werden. Er heiratete nie. Ein Freund der Familie legte ihm ans Herz, Laie zu bleiben, sich den Herausforderungen der Welt zu stellen, denn „die Heiligen dieses Jahrhunderts tragen Straßenanzüge“. 1912 legte er das zweite Staatsexamen ab und wurde Rechtsanwalt in Metz.
Seit 1910 war er der Görres-Gesellschaft, einer der ältesten deutschen katholischen Wissenschaftsgesellschaften, 1912 dem „Volksverein für das katholische Deutschland" beigetreten. Schuman war mitverantwortlich für Vorbereitung und Organisation des Katholikentags 1913 in Metz. Er profilierte sich als verlässlicher kirchlicher Mitarbeiter und wurde vom Metzer Bischof Willibrord Benzler zum Vorsitzenden der katholischen Jugendverbände von Metz mit 4.000 lothringischen Jugendlichen ernannt. Schumans Begeisterung für Benedikt von Nursia und dessen Leitspruch „Ora et labora" bildeten den Maßstab für sein geistliches und weltliches Leben.
Während des ersten Weltkrieges arbeitete Schuman im Bezirkspräsidium in Boulay Moselle, wurde 1918 Stadtrat in Metz und 1919 bei der ersten Wahl zur Assemblée Nationale Abgeordneter der katholischen Volkspartei Lothringens. Das blieb er mit Ausnahme der Zeit des zweiten Weltkrieges bis 1962, ein Jahr vor seinem Tod. Beim Ausbruch des zweiten Weltkrieges war er Staatssekretär für das Flüchtlingswesen, flüchtete mit seinen Landsleuten nach Bordeaux, kehrte aber wieder nach Metz zurück, um seinen Lothringern in dieser bitteren Zeit beizustehen. Im Herbst 1940 wurde er von der Gestapo verhaftet, konnte 1942 ins freie Frankreich fliehen und wurde 1945 wieder als Abgeordneter zur Assemblée Nationale gewählt.
Nun war seine große Stunde der Bewährung angebrochen. Als langjähriger Präsident des Finanzausschusses der Assemblée wurde Robert Schuman 1947 Finanzminister, dem man die Rettung des Francs zutraute. Er schaffte es mit eiserner Disziplin gegen den Generalstreik der kommunistisch gelenkten Gewerkschaften, die den Umsturz des Staates im Auge hatten. 1946 erklärte der amerikanische Außenminister Burnes die Kriegspartnerschaft mit der UdSSR für beendet, der „kalte Krieg“ war damit eingeleitet. Ein halbes Jahr später verkündete Außenminister George Marshall den nach ihm benannten Plan zum wirtschaftlichen Aufbau Europas, um es gegen das Expansionsstreben der UdSSR zu „immunisieren“.  
Robert Schuman konnte diese Wende in der Weltpolitik als Rückenwind für seine Deutschland- und Europapolitik nützen. 1948 fand in Luxemburg eine Konferenz der Präsidenten ihrer christlich-demokratischen Parteien unter Vorsitz des italienischen Priesters Liugi Sturzo statt. Sturzo gehörte 1919 mit De Gasperi zu den Gründern der Vorläuferpartei der italienischen Democrazia Cristiana. Er hatte schon nach dem ersten Weltkrieg für einen „Mercato Communo“ (Gemeinsamen Markt) in Europa plädiert und diesen zwischen 1925 und 1932 in fünf Kongressen bei den „Parteien christlicher Prägung“ angemahnt (Helmut Zenz). Robert Schuman (FR), Alcide De Gasperi (IT), Konrad Adenauer (DE), Paul van Zeeland (BE), Dirk Stikker (NL) und Joseph Bech (LU) waren zugleich die Ministerpräsidenten ihrer Länder. Sie beschlossen, die bereits im März 1944 ausgearbeitete „Deklaration über die europäische Zusammenarbeit“ zur Grundlage ihrer gemeinsamen Politik zu machen.
Die politische Großwetterlage begann sich zu ändern. Mit einer Härte, die ihm niemand zugetraut hätte, mit militärischer Verstärkung der Polizei und mit rigorosen Entlassungsdrohungen hat Robert Schuman den linken Umsturzversuch in die Knie gezwungen. Staatspräsident Auriol – kein Freund Schumans – bedankte sich bei ihm als „Retter des Vaterlandes“, „befreite“ ihn aber vom Amt des Ministerpräsidenten. So konnte er als Außenminister die Außenpolitik Frankreichs zunehmend „europäisieren“. Bald erhitzte sich der „kalte Krieg“. Der Eiserne Vorhang, die Gründung Israels, die Berlinblockade und der Koreakrieg beschleunigten die Gründung der NATO als „Schutzschild Europas“, eng verknüpft mit der Frage nach der Wiederbewaffnung Deutschlands.
1950 legte der Unternehmer Jean Monnet seinem Außenminister Schuman einen Entwurf zur Zusammenlegung der westeuropäischen Schwerindustrie unter Verwaltung einer „Hohen Behörde“ (Montanunion) vor. Daraus entstand Robert Schumans „Historische Erklärung vom 9. Mai 1950“, aus der ich fünf Kerngedanken herauslese, die auch für uns heute höchst gültig sind:
1. Geduld, Europa lässt sich nicht mit einem Schlag herstellen.
2. Solidarität der Tat in einem begrenzten, aber entscheidenden Punkt.
3. Die europäische Produktion ist weltoffen.
4. Afrikas Entwicklung ist eine wesentliche europäische Aufgabe.
5. Die Europäische Föderation ist zu Bewahrung des Friedens unerlässlich.
Weitere Pläne der Gründerväter zum Aufbau einer Verteidigungs- und einer politischen Gemeinschaft wurden von der Assemblée verworfen. Frankreich war in den Abzug aus Vietnam verstrickt und blockierte alle Abstimmungen über europäische Verträge. Dennoch gelang am 25. März 1957 die Unterzeichnung der Römischen Verträge, deren 60-jähriges Jubiläum wir heuer gefeiert haben.
1952 musste Robert Schuman sein Amt niederlegen, weil er für seine Ideen im damaligen Frankreich kein Verständnis fand. 1953 wurde die von ihm maßgeblich mitgestaltete Straßburger Menschenrechtskonvention von 26 europäischen Staaten unterzeichnet. Er selbst warb auf zahllosen Vortragsreisen für die Idee eines geeinten Europas. 1955 wurde er zum Justizminister, 1958 zum ersten Präsidenten des Europäischen Parlaments berufen.
Im Oktober 1959 treten erste Zeichen schwerer Krankheit auf. Inmitten einer öffentlichen Rede verliert er den Faden: Gehirn­sklerose. 1960 folgt er schweren Herzens dem Rat, auf sein Amt als Parlamentspräsident zu verzichten. Er zieht sich in sein Haus in Scy-Chazelle bei Metz zurück. Robert will seine Schriften vernichten, lässt sich aber von seinem Freund Beyer bewegen, wichtige Auszüge zu einer Synthese seiner politischen Ideen zusammen zu fassen.
Roberts Kräfte nehmen ab, aber er klagt nicht. Seine Pflegerin beschreibt ihn als geduldig, überaus bescheiden, freundlich, immer mit einem Lächeln: „Er war ein ganz einfacher Mensch, ein guter Mensch, ein Mann des Gebets.“ Auch an seinem Lebensabend besuchte er, wie in allen Tagen seines Lebens, die Heilige Messe. Zum Schluss sagt er, der Einsamkeit und Stille schätzte, zu seinem Freund Beyer: „Vor allem, lass mich nicht allein!“ Am 4. 9. 1963 tritt Robert Schuman nach einer schweren Nacht der Agonie in das neue Leben ein, ganz nahe bei Gott. Zu Pfingsten 2004 übermittelt der Metzer Bischof Pierre Raffin die Unterlagen zur Selig­sprechung Robert Schumans nach Rom.
Unter welch widrigen weltpolitischen Umständen hat doch der tiefgläubige Christ Robert Schuman an der  Einigung Europas gewirkt! Und wie verzagt und wehleidig be­klagen wir heutige Christen, dass in Europa „nichts weitergeht“? Wissen wir europäische Christen überhaupt, was wir wollen?






 



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