VISION 20004/2017
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Heilige des Alltags

Artikel drucken In Russland blüht der Glaube neu auf (Christoph Hurnaus)

Kürzlich fiel mir ein wunderbares Buch in die Hand, ein Buch, von dem in Russland innerhalb kurzer Zeit über eine Million Exemplare verkauft wurden, und das dort bereits jetzt als Klassiker der neueren spirituellen Literatur gilt. Der Autor, Tichon Schewkunow, studierte an der Filmhochschule Moskau und trat 1982 in das Höhlenkloster Petschory ein. 1998 erhielt er den Rang eines Archimandriten und wurde 2015 zum Bischof von Jegorjewsk geweiht.
Im Vorwort zu seinem Buch spricht Bischof Schewkunow über die Beweggründe junger Männer, am Ende der sowjetischen Ära in ein Kloster einzutreten. Der Bischof stellt fest, dass die jungen Mitbrüder von damals keine Fanatiker, sondern, im Gegenteil, jung, gutaussehend und gebildet waren. Von den fünf Anwärtern waren vier in nicht-religiösen Familien aufgewachsen. Allen gemeinsam winkten glänzende Karrieren. Warum waren sie also ins Kloster gegangen?
Der Autor berichtet, dass sich für seine Kommilitonen mit dem Klostereintritt eine wunderbare neue Welt eröffnete: „Von dieser wunderbaren Welt, in der man nach völlig anderen Gesetzen lebt als im gewöhnlichen Leben, von dieser unendlich hellen Welt voller Liebe und freudiger Entdeckungen, voller Hoffnung und Glück, voller Erfahrungen, Siege und lehrhafter Niederlagen, von einer Welt, die – und das ist das Wichtigste – von der machtvollen Anwesenheit und Hilfe Gottes erfüllt ist,“ erzählt Bischof Tichon in dem Buch.
Es sind Geschichten, die der Autor als Seminarist, Mönch und Bischof persönlich erlebt hat. Porträts von Menschen, die sich in ihren jeweils sehr unterschiedlichen Biographien zu geistlicher Größe und Heiligkeit emporgeschwungen haben. Bischof Tichon stellt den Lesern seines Buches so manche merkwürdige und kantige Persönlichkeit vor und erzählt Geschichten, die immer wieder Mal zum Schmunzeln anregen.
Bewegend sind die Berichte über das „Geheime Mönchtum“, das im 20. Jahrhundert während der totalitären kommunistischen Herrschaft in Russland entstand. Diese Mönche und Nonnen hatten im Geheimen ihre Gelübde abgelegt und lebten normal gekleidet in der Welt. Einige dieser heroischen Geschichten, die sich während der Zeit der schlimmsten Christenverfolgungen in Russland ereigneten, werden in dem Buch erzählt.
Unter dem Titel „Der schönste Gottesdienst meines Lebens“ schildert Bischof Tichon einen bewegenden Besuch in einem der „geheimen Klöster“ während der Sowjet-Ära. Es handelte sich um einen verdeckten Besuch bei Schwestern, die in einem kleinen schiefen Häuschen in der Nähe des vom heiligen Seraphim von Sarow gegründeten Diwejewskij-Klosters wohnten. Gemeinsam mit Vater Wonifatij, den der Autor des Buches begleitete, trafen sie auf zehn einfach gekleidete alte Frauen, von denen die jüngste achtzig und die ältesten sicher über hundert Jahre alt waren. Die Schwestern hatten wegen ihres Bekenntnisses zu Christus lange Jahre und sogar Jahrzehnte in Gefängnissen und Lagern verbracht, aber ihrem Glauben niemals abgeschworen. Die „geheimen Nonnen“ waren in Besitz persönlicher Gegenstände des heiligen Seraphim, die jahrzehntelang von Hand zu Hand weitergegeben worden waren.
Die Liturgie mit diesen einfachen Nonnen bewegte Tichon so sehr, dass er glaubte, sich im Himmel zu befinden: „Diese alten Nonnen verfügten über solche geistliche Kraft, eine solche Stärke des Gebets, ein solches Maß an Mut, Sanftheit, Güte und Liebe, einen solchen Glauben, dass ich damals bei diesem Got­tesdienst begriff: Sie würden alles überwinden. Sowohl die gottlose Staatsgewalt mit all ihrer Macht als auch den Unglauben der Welt und selbst den Tod, den sie nicht im Geringsten fürchteten.“ Einer dieser beeindruckenden alten Schwestern, „Matuschka Frojsa“, hat Bischof Tichon in dem Buch sogar ein eigenes Kapitel gewidmet.
Wie sehr diese Glaubenszeugen das Angesicht des heutigen Russland veränderten, zeigt auch ein Bericht der Stiftung „Pro Oriente“, der vor einigen Tagen veröffentlicht wurde. 1.600 Männer traten demnach im vergangenen Jahr in russisch-orthodoxe Priesterseminare ein. Im Moment bereiten sich in Russland fast 6.000 Studenten auf die Priesterweihe vor. Das sind beeindruckende Zahlen angesichts des Schwundes an geistlichen Berufungen in der Kirche Westeuropas. Die wunderbaren Zeugnisse über das machtvolle Wirken Gottes, die sich in dem Buch „Heilige des Alltags“ finden, sind für uns manchmal müde und resigniert gewordene Gläubige im Westen wie „Balsam auf die Seele“.

Heilige des Alltags, Von Bischof Tichon Schewkunow, EOS Verlag, 20,60 Euro.

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