VISION 20005/2017
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Eine Schule der Nächstenliebe

Artikel drucken Ein Philosoph plädiert für die Familie

Sie schreiben, dass jene, die  Familie auf Werten (Liebe, Erziehung, Freiheit) aufbauen wollen, die Familie verfremden. Wie kommen Sie dazu?
Fabrice Hadjadj: Weil weder die Liebe, noch die Erziehung, noch der Respekt vor der Freiheit spezifisch für die Familie sind. Wenn man versucht, die Familie auf solchen Werten aufzubauen, so begründet man im Grunde genommen ein prima Waisenhaus. In einem vorzüglichen Waisenhaus liebt man die Kinder, respektiert man sie und erzieht sie durch die besten Spezialisten… Im Grunde genommen ist es das, was heute stattfindet: Im Namen des Kindeswohls vergisst man, was es ausmacht, Kind zu sein. Damit sind wir mitten in der Verhütungs- und Abtreibungsmentalität: Der Kleine, der da unterwegs ist, hat möglicherweise nicht alles, was für sein Wohlbefinden (und das der Eltern) notwendig ist, also hindern wir ihn daran, zur Welt zu kommen!  Wir stehen hier vor dem Konzept, das den Vater durch den Experten ersetzt: Ist nicht so wichtig, dass der Kleine einen Papa und eine Mama hat, Hauptsache er hat gute Erzieher.  (…)

Also, was ist jetzt die Familie?
Hadjadj: Genaugenommen ist es der Ort, der uns gegeben ist, uns durchdringt und uns übersteigt: Sei es durch die Sehnsucht, die einen Mann zu einer Frau hinzieht oder durch die Ankunft von Kindern, die nicht geplant, nicht maßgeschneidert, nicht entsprechend der vorherrschenden Vorurteile fabriziert sind. Bekommt ein Ehepaar von Ingenieuren ein Kind mit Down-Syndrom, so mag das zunächst ein Drama sein, aber es ist kein Fehlschlag, es ist vielmehr symbolhaft für jede Geburt. Sie ist immer die Ankunft eines Urwüchsigen unter vermeintlich Zivilisierten; eine Kette zukünftiger Ereignisse, die weit über alle unsere künftigen Erfolge hinausreicht; ein Ereignis, das eher die Freude am Dasein lehrt als die Selbstbefriedigung des Besitzens. Die Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom abzulehnen, heißt, die Geburt an sich abzulehnen und in ein Projekt optimaler Kinder­erzeugung abzugleiten…

Ist die Familie also das Gegenteil von einem Elite-Club?
Hadjadj: Um ehrlich zu sein, sie ist der  Ort des Streits, aber auch des Spiels vom älteren mit dem jüngeren Bruder. Sie geht aus dem Einssein eines Mannes mit einer Frau hervor, also dem Zusammenstoß von zwei Welten. Denn der Mann und die Frau werden nicht wegen ihrer Affinität zusammengeführt – da wären Personen desselben Geschlechts geeigneter – sondern wegen ihrer Verschiedenheit, ihrer geheimnisvollen Unfähigkeit, sich gegenseitig zu verstehen. Ich habe Rémi Brague einmal in Gegenwart seiner Frau schelmisch sagen gehört: „Nun sind es schon 40 Jahre, dass Françoise und ich einander nicht verstehen.“  Das Prinzip ihrer Fruchtbarkeit und die Gastlichkeit des Paares liegt genau darin, bereit gewesen zu sein, das Unverständliche anzunehmen und damit ja zum Leben gesagt zu haben.

Ist diese Einrichtung auch eine „Schule der Liebe“?
Hadjadj: Christus ist nicht gekommen, uns die Liebe zu den guten Freunden zu lehren – wäre zu selektiv –, oder die Liebe zur Menschheit – ist zu abstrakt. Sondern die Liebe zum Nächsten, zu dem, der da ist, den man sich nicht ausgesucht hat. Und die ersten „Nächsten“ finden wir in den uns Nahestehenden vor. Die Kinder haben sich nicht ihre Eltern ausgesucht. Der Bruder nicht den Bruder. Die Eltern nicht ihre Kinder. Jeder muss den anderen lieben, weil er eben da ist und nicht weil er diese oder jene Eigenschaft hat. In dieser Hinsicht ist die Liebe in der Familie eine Schule der Nächstenliebe. Aber nicht etwa, weil es kein Versagen, keinen Krach gäbe. Sondern weil man trotz all dem zusammenhält – weil ein Vater der Vater bleibt, auch wenn man sich über ihn ärgert – während ein Freund dann möglicherweise kein Freund mehr ist.

Ist die Nächstenliebe nicht eine frei gewählte Liebe?
Hadjadj: Nein. Sie beruht auf den Banden durch das Blut Christi, die uns wirklich und übernatürlich zu Kindern Gottes und zu Geschwistern machen. An dem wird auch erkennbar, warum die Autorität des Vaters nicht identisch mit der Kompetenz des Experten ist. Es ist wichtig, dass der Vater nicht perfekt ist – er kann es nicht sein, weil er selbst Sohn und nicht der absolute Ursprung des Lebens ist! Auf diese Weise ist er gezwungen, sich und sein Kind auf den ewigen Vater auszurichten. Weil er also Fehler macht, kann er darüber hinaus etwas viel wichtigeres vermitteln, als es Experten vermögen: das Wissen um die Vergebung. Vielleicht ist nichts wichtiger als das: Man hat etwas falsch gemacht, zu laut geschrien – und dann sein Kind um Vergebung gebeten…

Das Gespräch führte Luc Adrian für Famille Chrétienne v. 22.9.14. Den ersten Teil des Interviews haben wir in Vision 4/16 unter dem Titel: Wozu beweisen, was offenkundig ist? gebracht.


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