VISION 20006/2017
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Rückkehr ins Leben

Artikel drucken Über das Phänomen der „Nahtoderfahrungen“: eine Klarstellung (Anton Wengersky)

In mehreren Leserbriefen wurde zuletzt auf „Nahtoderfahrungen“, insbesondere von Gloria Polo, hingewiesen. Im folgenden ein Beitrag, der dieses Phänomen einzuordnen gestattet und aus christlicher Sicht deutet.

Nahtoderfahrungen“ (Englisch: „near death experiences, NDE“) begleiten uns durch die Menschheitsgeschichte. Schon Hieronymus Bosch (1450-1516) hat in einem Bild über des Menschen Tod viele Einzelheiten (das Verlassen des eigenen Körpers, der Tunnel, die Lichtgestalt an dessen Ende) so dargestellt, wie sie uns heute von Wissenschaftlern in vielen Büchern als Fakten berichtet werden, die sie von Menschen mit Nahtoderfahrungen erfragt haben. Der folgende Text versucht, die einander immer wieder ähnlichen Fakten bei Nahtoderfahrungen knapp darzustellen und sich dann einem mit den Fakten verträglichen Verständnis solcher Nahtoderfahrungen zu nähern.
Vorab zwei typische Beispiele für Nahtoderfahrungen:
Pamela Reynolds war 35, als die Ärzte bei ihr ein großes Aneurysma tief im Gehirn entdeckten. Für die notwendige Operation wurde ihr Körper heruntergekühlt, bis ihr Herz aufhörte zu schlagen und ihr Kreislauf zum Stillstand kam: Der klinische Tod als Teil moderner Operationstechnik.
Ins Leben zurückgekehrt, konnte sie zutreffend Einzelheiten der Operation und zum Aussehen der zur Schädelöffnung verwendeten Säge („wie eine elektrische Zahnbürste“), sowie Gespräche des Operationsteams wiedergeben. Sie habe dem Chirurgen bei seiner Arbeit an ihrem Körper über seine Schulter zugeschaut.
Stefan von Jankovich, Beifahrer im Alfa eines Freundes, wurde beim Zusammenstoß mit einem LKW auf die Straße geschleudert: „Ich schwebte über der Unfallstelle und sah dort meinen eigenen Körper liegen. Ich konnte genau hören, was die Leute untereinander sprachen. Und dann hörte ich den Arzt sagen, dass ich tot sei. Plötzlich kam ein Mann in der Badehose mit einer kleinen Tasche. Er sprach schriftdeutsch im Gegensatz zum Berner Dialekt des ersten Arztes. Ich konnte mir sein Gesicht sehr gut einprägen. Als er einige Wochen später im normalen Straßenanzug in mein Krankenzimmer kam, habe ich ihn sofort wiedererkannt.“
Sein Tod störte Stefan von Jankovich überhaupt nicht: „Im Gegenteil, ich fand das eher komisch, wie sich aufgeregte Menschen um mich bemühen. Ich hatte das Gefühl, dass mich jemand trägt, ruft, tröstet, leitet, immer höher, in die andere Welt. Ich war restlos glücklich.“
Später wollte niemand seinen Erzählungen so recht glauben: „Ich glaube, dass sogar meine Frau insgeheim dachte, ich sei nicht mehr normal.“ Aber: „Das haben schon viele Menschen vor mir erlebt, die klinisch tot waren, dann aber mit den Mitteln der neuen Medizin wieder ins Leben zurückgeholt wurden.“ Sein entscheidender Satz: „Seit meinem Tod bin ich ein anderer Mensch!“
Nach der umfangreichen Literatur vieler Wissenschaftler über Berichte von Nahtoderlebnissen sind vielen NDE´s einige Fakten gemeinsam:
1. Der Mensch (sein „Ich-Subjekt“) verlässt den eigenen Körper und sieht diesen von außen daliegen, häufig von oben.
2. Der aus dem Körper Herausgetretene vermag mit den Lebenden nicht mehr zu kommunizieren.
3. Er sieht und hört jedoch die Vorgänge rings um seine Leiche im Detail, kann sie später bis ins Einzelne schildern und erkennt später auch ihm bis dahin unbekannte Personen wieder, die sich um seinen Corpus bemüht hatten.
4. Blinde sehen in diesem extrakorporalen Zustand wieder, Ertaubte hören: Nahtod-„Sinneswahrnehmungen“ bedürfen also keiner physiologischen Abstützung durch den Körper.
5. Es gibt keine körperlichen Schmerzen mehr.
6. Das aus dem Körper herausgetretene Ich-Subjekt unterliegt nicht mehr den Naturgesetzen, etwa der Schwerkraft.
7. Mit der Rückkehr in den Körper bei Erfolg der Wiederbelebung enden die extrakorporalen Wahrnehmungen abrupt. Der Blinde ist wieder blind, der Taube wieder gehörlos. Die Schmerzen kehren zurück. Der Mensch ist durch seinen Körper wieder den Naturgesetzen unterworfen.
Diese Fakten werden uns lediglich erzählt. Naturwissenschaftlich zu beweisen sind sie nicht. Ihre Faktizität wird allerdings durch die Tatsache belegt, dass die NDE´s für den Betroffenen oft radikale Konsequenzen haben.
Dazu Enno Edzard Popkes, Vorsitzender des „Netzwerks Nahtoderfahrung“ bei dessen Jahrestagung 2017: „Die Konsequenzen, die sind messbar, sowohl physiologisch als auch psychologisch.“ Das Nahtoderlebnis führt oft zu einer grundsätzlichen Änderung des Lebensstils: „Seit meinem Tod bin ich ein anderer Mensch.“ Es ist ein entschlossenes Herumwerfen des Ruders für den weiteren Lebensweg.
Überraschendste Konsequenz aus der NDE ist für mich der Verlust der Todesangst. Der völlige Verlust der uns Menschen gemeinsamen natürlichen Todesangst setzt wohl voraus, dass man den Tod schon einmal erlitten hat. Personen mit Nahtoderlebnis leben danach häufig, obwohl ihnen der Tod jetzt erneut bevorsteht, ohne jede Todesangst, ja sie bedauern oft, dass sie ins irdische Leben zurückkehren mussten.
Andererseits zeigen nach negativen Nahtoderlebnissen Rückkehrende oft allergrößte Erleichterung: Nie wieder wollen sie dahin zurück, wo sie kurz­zeitig waren. Auch Selbstmörder mit Nahtoderfahrungen sind nach eigener Aussage meist heilfroh, dass sie gerettet wurden und es mit dem Selbstmord nicht geklappt hatte.
Wie können wir diese Fakten bei Nahtoderfahrungen verstehen und einordnen? Schon die Bezeichnung „Nahtoderfahrung“ ist ein Versuch einer solchen Einordnung. Der Ausdruck will besagen, die betroffene Person sei ihrem Tod nahe gewesen, habe ihn aber noch vor sich gehabt.
Rein naturwissenschaftlich argumentierende Ärzte sagen mit Recht: „Wir sind doch keine Wundertäter, die Tote ins Leben zurückholen können!“ War die Reanimation erfolgreich, dann war der, der uns jetzt als lebender Mensch von seiner NDE erzählt, eben noch nicht tot, sondern dem Tod nur nahe.
Ist das plausibel? Kann ein lebender Mensch sich selbst auf den Hinterkopf schauen oder seinen Körper von außen daliegen sehen? Kann ein lebender Mensch in tiefer Operationsnarkose die Gespräche der Ärzte mithören und später Ärzte als mitwirkend wieder erkennen, die seine leiblichen Augen nie gesehen haben? Wie kann ein Blinder während seiner NDE wieder sehen, obwohl er ins Leben zurückgekehrt wieder blind ist? Hier stößt der vom rein naturwissenschaftlichen Standpunkt gewählte Terminus „Nahtod“ offensichtlich an nicht überwindbare Erklärungsgrenzen.
Allerdings kommt der holländische Kardiologe Pim van Lommel in seinem Buch Endloses Bewußtsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung (Patmos 2009) aufgrund seiner Forschungen zu Nahtoderlebnissen auch als Mediziner zu dem Ergebnis, dass der Mensch ein „endloses Bewußtsein“ hat, das mit dem Absterben des Körpers nicht ebenfalls stirbt. Schon W.H. Myers (1843-1901), so Lommel, habe die Auffassung vertreten, dass die Persönlichkeit des Menschen seinen physischen Tod überlebe, das menschliche Bewusstsein sei unsterblich (William James 1842-1910).
Vom Heiligen Papst Johannes Paul II. haben wir die Enzyklika fides et ratio von 1998: Rationalität des Verstandes und Glaubenswissen widersprechen einander nicht, sie ergänzen und helfen einander. Auch beim Verständnis der Nahtoderfahrung müssen sie zusammenwirken. Denn beim Tod des Menschen haben wir die Grenzen von Medizin und Naturwissenschaft erreicht. Die Ärzte sind bei Tod und Reanimation auf unseren Körper konzentriert, unsere Biologie, nicht auf unser Personsein.
Nach den Erfahrungen von Menschen mit Nahtoderlebnissen gibt es aber nach der ärztlichen Feststellung des Todes noch ein erlebnisfähiges Subjekt, eine Person, das von seinem toten Körper getrennte „Ich“. Dieses „Ich-Subjekt“ nennt die Kirche „Seele“ und lehrt uns (KKK 366), dass sie sich im Tod vom Leib trennt. Dieses Ich-Subjekt, Lommels „endloses Bewußtsein“, existiert, wie wir aus den Berichten von Menschen mit Nahtoderlebnissen wissen, nach dem klinischen Tod des Leibes weiter.
Schauen wir mit dieser aus Verstandeswissen und Glaubenswissen kombinierten Erkenntnis jetzt noch einmal auf die Fakten, dann fallen alle Puzz­lesteine von selbst auf ihren Platz:
Nach den Fakten nimmt die Nahtoderfahrung ihren Anfang jeweils im Augenblick des Unfalls oder des klinischen Todes. Allenfalls einsetzende hektische Bemühungen um seinen Leib beobachtet das Ich-Subjekt schon in der Außenansicht, extrakorporal. Die Unzulänglichkeiten und Unzuträglichkeiten seines verlassenen Leibes, wie Blindheit oder Schmerzen, sind vom Ich-Subjekt mit dem Verlassen des Leibes abgefallen, sein toter Körper bleibt wie ein verlassenes Gefängnis zurück. Und, das ist in allen Fällen gleich, mit dem Wiedereinzug des Lebens in den toten Körper aufgrund des Erfolges der Reanimation ist abrupt das Ende der extrakorporalen Nahtoderfahrung außerhalb der Naturgesetze gekommen.
Der menschliche Körper benötigt, um lebendig zu sein, sein inkorporiertes Ich-Subjekt (KKK 365). Die Reanimation als Wiederbelebung (= Wiederbeseelung) ist vom Leib her gesehen, was man bei diesem Vorgang des Wiederanspringens der Lebensfunktionen des toten Körpers auch als Rückkehr des „Ich“, als „Reinkorporation“ in den eigenen Körper sehen kann. Reanimation und Reinkorporation, Wiederbeseelung und Wiedereinleibung im eigenen Leib sind zwei Seiten ein und desselben Ereignisses.
Die uns von lebenden Mitmenschen berichteten Nahtoderlebnisse sind also – dann und nur dann sind alle berichteten Nahtodfakten zu erklären – in einer mit dem klinischen Tod beginnenden und mit dem Erfolg der Reanimation endenden Zeitspanne einzuordnen. Sie sind weder Traum, noch Hirngespinst oder Halluzination, sondern Wirklichkeit, reales Erleben. Sollten wir dann in Ansehung der uns berichteten Fakten vielleicht statt  von „Nahtoderlebnissen“ zutreffender von „Nachtoderlebnissen“ sprechen?
In VISION2000 4/17 und 5/17 fand ich Hinweise auf das Nahtoderlebnis von Gloria Polo Ortiz, aber auch den den Satz „... es ist ja noch niemand von Drüben zurückgekommen“. Mit diesem Zurückkommen ist die Rückkehr eines Toten ins irdische Leben gemeint. Das ist etwas anderes als die Auferstehung Jesu am Ostermorgen.
Im Gegensatz dazu ist Lazarus, der von Jesus aus dem Grab ins irdische Leben zurückgeholte Freund, später ein zweites Mal gestorben. Was er seinen Schwestern von seinem Nahtoderlebnis erzählt hat, können wir nicht wissen. Was aber Wissenschaftler an Berichten über die Nahtoderfahrungen unserer Zeitgenossen zusammengetragen haben, kann uns helfen, besser einzuordnen, was Nahtoderfahrungen sind. Sie lassen uns staunen und stärken unseren Glauben.



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