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Die Seele Europas

Artikel drucken Von Sinn und Sendung des Abendlandes (Christof Gaspari)

Kein leichtes Unterfangen über Die Seele Europas zu schreiben. Gibt es überhaupt so etwas wie eine Seele unseres Kontinents? Versinkt dieser nicht in einer nicht enden wollenden Serie von Krisen? Sie reichen von der Finanzkrise über die vom Flüchtlingsstrom ausgelöste Misere bis hin zur Krise, die der Austritt Großbritanniens jetzt hervorruft.
Als Redakteur der Tagespost und Kolumnist des Vatican-Magazins (seine Kolumne dort nennt sich „Europa im Sinkflug“) ist Stephan Baier mit all den Krisen vertraut. Und dennoch ist er „zuversichtlich, dass wir Europäer die Krise unserer Gesellschaften wie unserer Staatlichkeit überwinden können“. Voraussetzung dafür: Die Seele Europas „aufzustöbern, zu suchen, wiederzuentdecken – nicht zu basteln, zu konstruieren oder zu erfinden.“
Dabei setzt Baier auf die EU. „Der grüne Trieb am sterbenden Baum der europäischen Staatlichkeit könnte das vereinte Europa sein.“ Weltweit werde dieses Modell bewundert. Sein Problem? „Verunsichert durch die Fragilität der eigenen Staatlichkeit scheint ihnen (den Europäern, Anm.) die Europäische Union zu stark und zu schwach zugleich…“
Weil ich eher EU-kritisch eingestellt bin und die Sicht von Stephan – mit dem ich befreundet bin – kenne, zögerte ich, das Buch zu besprechen. Nach dessen Lektüre muss ich gestehen: Ich habe viel dabei gelernt.
Zunächst die Einsicht, wie vergänglich Europas Staaten sind. Baier illustriert das am Beispiel seiner Großmutter: In Österreich-Ungarn geboren, lebte sie als junge Frau in der Tschechoslowakei und dann im Großdeutschen Reich – ohne Wohnsitzwechsel wohlgemerkt. Sie starb in Bayern mit 98 Jahren und überlebte somit die Tschechoslowakei, aus der sie ausgewiesen worden war und die 1992 in zwei Staaten zerfiel.
Diese Labilität macht deutlich, dass Staaten als Glücksbringer – als solche missverstehen ihn weitverbreitet heute Bürger wie politisch Verantwortliche – ungeeignet sind. Dazu Baier: „Der Staat ist weder Gott noch Götze, weder Religionsersatz noch Heilslehre.“ Er sei eine Folge der Erbsünde, diagnostiziert Baier und habe im Dienst des Gemeinwesens zu stehen, um für ein halbwegs geordnetes Zusammenleben zu sorgen. Wie oft diese Aufgabe bis in jüngste Vergangenheit auch in Europa verfehlt wurde, illustriert Baier am Beispiel Jugoslawiens und der Sowjetunion.
Überraschend für mich auch die ausführliche Beschäftigung mit dem Nationalismus. Verständlich wird dies auf dem Hintergrund von Baiers Anliegen, das friedliche Zusammenleben verschiedener Völker zu sichern. Das Römische und das Oströmische Reich hätten jeweils ein Jahrtausend überlebt, „weil sie ihre Identität nicht an einem Staatsgebiet festmachten, sondern an einer Idee“, die das Zusammenleben einer Vielzahl verschiedener Völker ermöglicht hat. Die EU stehe in dieser Tradition, sie sei der Versuch, die Verheerungen, die der Nationalismus in Europa hervorgerufen hat, zu überwinden.
Denn der Nationalismus, der Europa im Anschluss an die Französische Revolution erfasst hatte, habe die letzten Vielvölkerstaaten, die für ein halbwegs friedliches Zusammenleben von Völkern gesorgt hatten, im Ersten Weltkrieg zu Grabe getragen und den Boden für den Zweiten Weltkrieg bereitet. Diese Ideologie „hat die Nationen nicht erfunden, sondern die je eigene in pseudoreligiöser Weise überhöht und verklärt.“ Sie habe sie „zum Gegenstand des Kultes, der Anbetung, der Verehrung, erklärt, jede Lästerung wider sie zur Sünde“ gemacht.
In unserer heutigen Geschichtsvergessenheit verlieren wir dies allzu leicht aus den Augen und verkennen so, welche Großtat die erfolgreichen Einigungsbemühungen nach dem Zweiten Weltkrieg darstellen. Baier zitiert Robert Schumann, einen der Hauptakteure dieses Werkes. Dabei wird deutlich: Diese Einigung ruht auf einem christlichen Fundament: „Wir sind dazu aufgerufen, uns auf die christlichen Grundlagen Europas zu besinnen, indem wir ein demokratisches Modell der Herrschaftsausübung aufbauen…“, zitiert Baier Schumann, der, nach seiner Motivation befragt, zur Antwort gab: „Ich tat es, weil ich an die christlichen Grundlagen Europas glaube.“ Würde sich die EU heute auf diese Wurzeln besinnen, wäre sie tatsaächlich ein Hoffnungsmodell.
Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist es wichtig, in Erinnerung zu rufen, wie kostbar dieses Einigungsprojekt namens EU war, insofern sie uns vor großen bewaffneten Konflikten auf unserem Kontinent bewahrt hat. Als EU-Kritiker verliert man das leicht aus den Augen.
Denn selbstverständlich ist auch einiges an der EU, wie sie sich heute präsentiert, zu kritisieren und Baier verschließt davor keineswegs die Augen. Ausführlich beschreibt er die bedrohlichen Entwicklungen, die von der EU im Bereich Ehe und Familie, gefördert werden. „In der Politik arbeiten Linke und Liberale emsig und erfolgreich daran, das bewährte Wertefundament des einst christlichen Abendlands auf den Kopf zu stellen,“ beschreibt der Autor, was sich da auf EU-Ebene abspielt.
Er illustriert das an den Forderungen, die das EU-Parlament in einem Bericht vom Juni 2016 erhob: „Sichere und legale Abtreibung und Verhütung, die Verknüpfung von Entwicklungshilfe und Abtreibungswerbung, mehr Sexualerziehung in den Schulen, der Kampf gegen sogenannte ,stereotype Geschlechterrollen und traditionelle Strukturen…“ Und wie üblich Rechte für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle.
Obwohl ich manches anders als Baier sehe, war für mich die Lektüre von Die Seele Europas ein großer Gewinn, vor allem auch wegen der interessanten Darstellung der Geschichte im Süd­osten des Kontinents sowie  im Vorderen Orient und der Bedeutung, die dem Geschehen dort für die Zukunft Europas zukommt. Baiers Buch ist jedenfalls eine Einladung, die EU differenziert zu betrachten: in ihren positiven und bedrohlichen Aspekten. In manchen Bereichen wäre sie zu stärken, in anderen aber zu beschneiden.
Wir müssen uns bewusst machen, dass alles von den gesellschaftspolitischen Weichenstellungen auf Staats- wie auf EU-Ebene abhängt. Da läuft vieles falsch. Es geht darum, der Botschaft Christi neuen Glanz zu verleihen. Nur, wenn dies geschieht, wird das Abendland seine Sendung gerecht. Stephan Baiers Analyse leistet einen wertvollen Beitrag dazu.

Die Seele Europas. Von Sinn und Sendung des Abendlands. Von Stephan Baier. fe-medienverlags GmbH, 195 Seiten, 8,95€.

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