VISION 20003/2018
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Der heilige Thomas v. Aquin

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Dom Antoine-Marie OSB)

Um das Jahr 1244 war Donna Theodora auf Schloss Roccasecca im damals zum Königreich beider Sizilien gehörenden Kampanien sehr besorgt. Ein Diener hatte ihr mitgeteilt, dass ihr jüngster Sohn Thomas, Student an der kaiserlichen Akademie von Neapel, sich einem kurz zuvor gegründeten Bettelorden mit schwarz-wei­ßem Habit angeschlossen habe. Dieser Sohn sollte eigentlich Abt von Monte Cassino werden – und nun bettelte er auf der Straße um Brot wie ein Landstreicher.
Die ganze Familie fühlte sich durch ihn entehrt! Von solchen Gedanken erfüllt brach die Gräfin eilends nach Neapel auf, um Thomas zur Besinnung zu rufen. Vergeblich! Er hatte die Stadt bereits verlassen… Ausgerechnet dieser verlorene Sohn, der den guten Ruf der Familie zu gefährden schien, sollte ihr höchste Ehre einbringen: Seine Heiligkeit und sein Wissen erleuchten die Weltkirche bis in unsere Tage.
Thomas wurde um 1225 als jüngstes Kind des Grafen Landulf von Aquino und seiner normannischen Frau Theodora geboren. Die älteren Söhne Raynald und Landulf dienten als kaiserliche Offiziere. Der jüngste Sohn sollte Abt von Monte Cassino werden und wurde bereits mit fünf Jahren dem Benediktinerkloster anvertraut. Thomas verfolgte das Leben der Mönche voller Bewunderung und war von allem tief beeindruckt – von der Ruhe, dem stillen Gebet, dem Studium sowie dem Gottesdienst…
Als Thomas 15 Jahre alt war, wurde er zur weiteren Ausbildung nach Neapel geschickt. Dort lernte er die armen, gelehrten und frommen „Dominikaner“ des Predigerordens kennen. Die evangelische Armut der Mönche sowie ihr Wunsch, die Früchte ihrer Betrachtungen an andere weiterzugeben, beeindruckten Thomas so sehr, dass er im Alter von 20 Jahren um Aufnahme in den Orden ersuchte.
Da seine Vorgesetzten mit einer heftigen Reaktion der Familie Aquino rechneten, schickten sie Thomas nach Rom. Donna Theodora beauftragte daraufhin ihre älteren Söhne, Thomas nach Hause zu bringen. Raynald und Landulf fanden ihn bald, konnten ihm jedoch wegen seiner Körpergröße und seiner imposanten Statur die Ordens­tracht nicht ausziehen. Sie hievten ihn auf ein Pferd und brachten ihn in das im Besitz der Familie Aquino befindliche Schloss San Giovanni.
Thomas saß in Gefangenschaft, wurde jedoch gut behandelt; er war nun den Schmeicheleien, Drohungen und Versprechen seiner Mutter und seiner drei Schwestern ausgesetzt, die ihm die Mahlzeiten brachten. Um ihn von seinem Plan abzubringen, führten seine beiden Brüder eines Nachts sogar eine Prostituierte in das Zimmer des Novizen. Thomas erhob sich, griff nach einem glühenden Scheit aus dem Ofen und ging damit entschlossen auf das Mädchen zu, das erschrocken davonlief. An die Tür, die er hinter ihr geschlossen hatte, malte Thomas mit dem glimmenden Holzscheit ein großes Kreuzzeichen. Die Überlieferung sagt, dass er an jenem Abend die Zusicherung ewiger Keuschheit empfing. Die Haft des Gefangenen wurde nach und nach gelockert.
Seine Schwestern brachten ihm eine Bibel, die er bald auswendig konnte, und ein paar theologische und philosophische Bücher. Ihnen hatte es Thomas zu verdanken, dass er Verbindung zu den Dominikanern aufnehmen und schließlich nach über einem Jahr Gefangenschaft fliehen konnte.
Um 1245 begleitete Thomas den Ordensmeister Johannes Teutonicus nach Paris, um dort beim heiligen Albertus Magnus Theologie zu studieren; 1248 reiste er nach Köln, wo er zum Priester geweiht werden sollte. Die Studenten machten ihren frommen und fleißigen Kommilitonen bald zur Zielscheibe ihres Spotts. Sie nannten ihn „großer stummer Ochse“.  Albertus Magnus wagte einmal folgende Prophezeiung auf der Kanzel: „Ihr nennt ihn ‚stummer Ochse’, und ich sage euch, dass das Muhen seines Wissens die Welt erschüttern wird!“
1252 wurde Thomas trotz seines jugendlichen Alters Dozent an der Universität von Paris. 1256 wurde er zum Magister regens im Kloster Saint-Jacques berufen. Die Aufgabe eines Magisters der Theologie bestand zunächst darin, die Heilige Schrift zu kommentieren, sodann schwierige Fragen zu erörtern, um sie zu klären, und schließlich vor dem versammelten Volk sowie der Universität zu predigen.  In fast allen seiner Werke benutzte Thomas die scholastische Methode, d.h. er stellte jedes Problem vollständig und systematisch dar – ein­schließlich der vorliegenden unterschiedlichen Meinungen dazu. So wurde die Wahrheit ans Licht gebracht und von den Irrtümern getrennt, die sie verdunkelt hatten.
Thomas von Aquins literarische Fruchtbarkeit war beeindruckend. Seine Organisiertheit, geistige Klarheit sowie außergewöhnliche Konzentrationsfähigkeit gestatteten es ihm, mitunter vier Sekretären parallel grundverschiedene Werke zu diktieren.
Thomas war nicht im Geringsten eingebildet auf seine Fähigkeiten: Er nutzte sie, um Gott und seinen Schöpfungsplan zu erkennen. Für ihn bezog die Theologie ihre Daseinsberechtigung aus der Frage des ewigen Heils, des höchsten Ziels menschlichen Lebens. Dieses Ziel bestehe in der ewigen Gottesschau und liege jenseits der natürlichen Fähigkeiten des Menschen. Der Mensch sei also auf eine höhere Erleuchtung angewiesen als auf die bloße menschliche Vernunft; er brauche das göttliche Licht, um den Weg zu finden, der zum höchsten Ziel führt, aber auch, um die Wahrheit über die Dinge dieser Welt besser zu erkennen. Die offenbarte Lehre, die uns dieses Licht schenkt und über die wesentliche, entscheidende Frage für unser Leben Auskunft gibt, sei wichtiger als jedes andere Wissen; sie heiße Theologie, d.h. Wissenschaft von den göttlichen Dingen.
Thomas von Aquins eifrige Tätigkeit wurde jedoch schon bald durch offene Anfeindungen seitens der Weltgeistlichen unter den Universitätsdozenten gestört. Thomas nahm diese Umtriebe mit Demut und Nachsicht hin. Im Hinblick auf die Wahrheit zeigte sich Thomas stets kompromiss­los, doch gegen seine Widersacher trat er stets überaus höflich und beherrscht auf. Er war ihnen sogar dankbar, denn für ihn gab es „kein besseres Mittel, die Wahrheit zu enthüllen und den Irrtum zu widerlegen, als das Diskutieren mit Leuten, die eine Gegenmeinung vertreten“.
Der heilige Thomas wurde 1257 – zusammen mit dem heiligen Bonaventura, seinem Freund und franziskanischem Mitbruder – offiziell unter die Magister der Pariser Universität aufgenommen. Die beiden Heiligen schätzten einander sehr. Als Thomas einmal Bonaventura aufsuchte, traf er ihn in einem entrückten Zustand an: Sein Freund war gerade dabei, die Lebensgeschichte des hl. Franziskus zu schreiben. Thomas zog sich sofort zurück und sagte zu einem Bruder, der ihm entgegenkam: „Lassen wir einen Heiligen die Lebensgeschichte eines Heiligen aufschreiben!“
Stieß Thomas auf Schwierigkeiten, fand er Hilfe im Gebet. Er verfasste mehrere Gebete, in denen er um die Erleuchtung Gottes für seine Arbeit bat, und betete stets zu Gottes Geist, bevor er sich ans Werk machte. Sein Mitbruder, Mitarbeiter und Vertrauter Reginald von Piperno berichtete, dass er einmal angesichts eines Problems beim Erklären einer Passage aus dem Buch Jesaja tagelang gefastet und gebetet habe; die Lösung erhielt er dann bei einer Erscheinung der heiligen Petrus und Paulus.
Es kam regelmäßig vor, dass Thomas so intensiv mit der Wahrheitssuche beschäftigt war, dass er die Wirklichkeit und seine Umgebung ganz vergaß. Die Sorge um sein leibliches Wohl wurde daher Bruder Reginald anvertraut. Einmal kehrte Thomas zusammen mit seinen Schülern von Saint-Denis nach Paris zurück; die Gruppe betrachtete die Hauptstadt Frankreichs mit ihrer kurz zuvor fertiggestellten, herrlichen gotischen Kathedrale. „Was würden Sie tun, wenn der König Ihnen die Herrschaft über diese schöne Stadt schenkte?“, wurde Thomas gefragt. Er antwortete: „Ich hätte viel lieber das Manuskript des heiligen Johannes Chrysostomus über das Evangelium des heiligen Matthäus zur Verfügung!“
In seiner Pariser Zeit begann Thomas sein erstes theologisches Überblickswerk zu schreiben, die Summa contra gentiles (Summa gegen die Heiden). Das Werk stellte die katholische Lehre in apologetischer Weise für Nichtchristen dar und ist heute noch maßgeblich für den Dialog mit ihnen. Mangels eines gemeinsamen Bezugssystems auf der Grundlage der Heiligen Schrift lasse es sich nicht so leicht argumentieren, sagte Thomas; bei Nichtgläubigen könne man sich einzig und allein auf die allen verfügbare menschliche Vernunft berufen.
1263 schuf er auf Bitten von Papst Urban IV. das großartige Fronleichnamsoffizium, das heute noch in der römisch-katholischen Liturgie verbreitet ist. Es enthält die Sequenz Lauda Sion, in der der Heilige ebenso präzise wie poetisch die Theologie der Eucharistie zusammenfasst. Die Vesper enthält den Hymnus Pange Lingua, dessen letzten beiden Strophen als Tantum ergo bei der Begrüßung des Allerheiligsten gesungen werden.
Des Weiteren legte Thomas die von einem Mitbruder neu übersetzten Traktate des Aristoteles aus. Es ging ihm darum, die von dem griechischen Philosophen des 4. vorchristlichen Jahrhunderts entdeckten Wahrheiten herauszuarbeiten und dessen Handwerkszeug, das er für die Erarbeitung einer guten Theologie für unerlässlich hielt, für die Nachwelt festzuhalten.
„Der Glaube festigt, ergänzt und erleuchtet das Erbe der Wahrheit, das die menschliche Vernunft erwirbt. Das Vertrauen, das der hl. Thomas in diese beiden Werkzeuge der Erkenntnis – Glaube und Vernunft – legt, kann auf die Überzeugung zurückgeführt werden, dass beide der einen Quelle der Wahrheit entspringen, dem göttlichen ‚Logos’, der sowohl im Bereich der Schöpfung als auch in dem der Erlösung wirkt“. (Papst Benedikt XVI.)
1265 begann der heilige Thomas seine Summa Theologiae zu schreiben, ein monumentales Werk mit 2669 Artikeln, das eine meisterhafte Synthese des theologischen Wissens auf der Grundlage einer soliden, realistischen Philosophie erstellte.
Zwischen 1269 und 1272 lehrte Thomas ein zweites Mal an der Universität von Paris. Danach wurde er nach Neapel entsandt, wo er ein neues Studienkloster gründen sollte. Dort trafen ihn einmal Zeugen in der Kirche über dem Boden schwebend an, während eine Stimme vom Kruzifix herab erklang: „Du hast gut über mich geschrieben, Thomas, was möchtest du zum Lohn?“ Die Antwort sprudelte geradezu aus ihm hervor: „Dich allein, Herr!“
Am 6. Dezember 1273 beschloss Thomas nach einem mystischen Gnadenerlebnis aus Demut, künftig auf das Schreiben und Lehren zu verzichten. Dennoch wurde er vom Papst zum zweiten ökumenischen Konzil nach Lyon entsandt. Unterwegs erkrankte er und wurde in die Zisterzienserabtei Fossanova transportiert, wo er am 7. März 1274 starb.

Der Autor ist Abt der Abtei Saint-Joseph-de- Clarival. Siehe: www.clairval.com



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