VISION 20005/2018
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Den Zeitfressern Grenzen setzen

Artikel drucken Plädoyer für einen vernünftigen Umgang mit Medien im Zeitalter der Informationsüberflutung (Stephan Baier)

Die Informationsgesellschaft war gestern, als Informationen einen hohen Wert hatten und die Medien und der Journalismus großes Ansehen genossen. Das hat sich im Zeitalter der Digi­talisierung deutlich geändert.

Heute herrscht eine Hyperinflation an Information. Das Internet überschwemmt uns in einer Raum und Zeit relativierenden Allgegenwart und Unaufhörlichkeit mit nicht mehr verdaubaren Strömen an Information – und Desinformation. Denn diese Zwillingsschwestern kommen online in gleicher Schönheit auf uns zu. Selbst jene, die sich professionell mit Nachrichtenverarbeitung beschäftigen, können Information und Desinformation nur mehr schwer unterscheiden, trittsicher nur auf jenen Gebieten, auf denen sie festen Boden unter den Füßen fühlen.
Wie also sollten Menschen, die weder Publizisten noch Politiker sind, sondern einer anständigen Arbeit nachgehen, sich also nicht zwölf bis 16 Stunden täglich mit News versus Fake-News befassen, noch Wahres von Falschem unterscheiden können? Wo Wahrheit zum unerreichbaren Ideal entgleitet, begnügen wir uns gerne mit Wahrscheinlichkeit. Gerade das aber stärkt die Monopolisten unserer Epoche der Digitalisierung: Was Google uns unter den ersten zehn Treffern serviert, hat die Plausibilitätsgrenze übersprungen. Wer hat oder nimmt sich in unserer schnelllebigen Gegenwart die Zeit zu verifizieren, was die Algorithmen bereits für wahr erklärt haben?
Wikipedia hat der katholischen Kirche in Sachen Unfehlbarkeit längst den Rang abgelaufen, ja „Wiki“ ist online die Glaubenskongregation schlechthin. Selbst über die Kernbotschaften und Glaubensfeste der Christenheit befragen mehr Menschen das online-Lexikon als die Kirchen. Waren Helden und Heilige die (unerreichbaren, aber bewunderten) Vorbilder unserer Ahnen, so sind die „Influencer“ auf Youtube die (ebenfalls unerreichbaren) Vorbilder unserer Generation.
Doch unsere neuen Gurus (des-) informieren uns nicht nur, sie sammeln auch unsere Daten, erstellen unsere Profile, vermarkten unsere Kaufkraft. Sie steuern uns durch jene virtuellen Märkte, in denen wir individuell verlorener wären als auf dem Großen Basar von Istanbul. Weiß Wikipedia, was wir wissen wollen, so weiß Amazon, was wir kaufen könnten, weiß Google, was wir suchen sollen, dann weiß Facebook, wen und was wir mögen müssen. Wir sind, was wir liken und posten.
Und damit wir nicht verzweifeln angesichts des Stumpf- und Schwachsinns, den unser virtueller Stammtisch da so postet und liked, bekommen wir artgerecht Dopamin verabreicht: In der Emotionalisierungsspirale befinden wir uns mit den immergleichen „friends“, die mit uns hysterisch „Fake-News“ teilen, „Fake-Accounts“ auf den Leim gehen und sich in einer gereizten Hysterisierung ergehen.
Was früher allenfalls nach dem dritten Bier oder dem zweiten Viertel Wein am Stammtisch sagbar war, jetzt darf es die ganze Welt online erfahren: Jede Beleidigung und Beschimpfung ist elektronisch in Stein gemeißelt, denn unsere Daten leben ewig. Wie Sachlichkeit auf der Strecke bleibt und Differenzierung im Nirwana verschwindet, wie seriöse Zeitgenossen, die im realen Leben keiner Fliege etwas zuleide täten, mit angelegter Lanze zum virtuellen Turnier ausreiten – auf Facebook kann man es in Echtzeit verfolgen.
Die Psychiater diagnostizieren neue Süchte, die unsere Großeltern nicht ahnen konnten: Sex-, Spiel- und Chatsucht heißen die großen Früchte vom Baum der Internet-Erkenntnis. Das Smartphone steuert uns nicht nur dank Navi in fremden Städten, sondern ständig – so als sei es nicht zur Befriedigung unserer Bedürfnisse (nach Kommunikation und Orientierung) erfunden worden, sondern wir zur Befriedigung seiner Bedürfnisse (nach unaufhörlicher Aufmerksamkeit). Schulbusse und Züge sind voll von hochkonzentrierten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die gebannt auf ihre Smartphones einhämmern, ohne das Gegenüber, den Nachbarn oder die alte Dame, die den Sitzplatz dringender bräuchte, wahrzunehmen.
Als seien sie alle Generaldirektoren globaler Konzerne oder Minister unter permanentem Entscheidungsdruck, fokussieren tausende und abertausende Mitmenschen auf jede neue SMS, Whatsapp-Nachricht oder Mail, die das Smartphone anzeigt. Welche Chance hätte da noch ein langweiliger Ehepartner oder gar das eigene Kind, die Wahrnehmungsschwelle zu überschreiten?
Längst warnen Pädagogen vor lern­unfähigen Kindern und Lehrherren vor arbeitsunfähigen Azubis. Längst verschwimmt die neuzeitliche Errungenschaft einer Trennung von Beruflich und Privat, weil unaufhörliche Erreichbarkeit für jeden und jederzeit zum neuen Ethos gehört. Das verändert nicht nur unser Sozialverhalten, unsere Konzentrationsfähigkeit, unsere Lebensplanung – es verändert uns.
Therapeuten erzählen von Schülern mit Schlafstörungen, die meinen, für so viele WhatsApp-Gruppen immer verfügbar sein zu müssen. Und wenn jedes „like“ auf Facebook uns vom„like“ des Gegenübers beim Dinner ablenkt, wird der Weg aus der demographischen Krise auch nicht leichter.
An dieser Stelle ließe sich jetzt über die „gute alte Zeit“ der Telefonzellen, Telexe und mechanischen Schreibmaschinen sinnieren, über Schwarz-Weiß-Fernsehen mit drei Programmen, die um Mitternacht mit der Hymne Feierabend machten. Doch die Digitalisierung lässt sich so wenig zurückdrehen wie die Erfindung des Buchdrucks, der Elektrizität oder der Atombombe. „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“, lässt Friedrich Dürrenmatt seinen „Physiker“ sagen.
Wir brauchen keine Tipps, wie Leben anno 1970 gelingt, sondern eine neue Lebenskunst für die Gegenwart. Leicht wird es jedenfalls nicht, aber wir könnten damit beginnen, uns die eigene Endlichkeit – und damit den Wert – unserer Lebenszeit klarzumachen. Weil unsere Lebenszeit endlich ist, müssen wir den Zeitfressern Grenzen setzen. Es geht nicht darum, Fernsehen, Internet, Smartphone & Co. zu verteufeln, sondern sie zu limitieren. Den Fernseher auszuschalten, kostet Überwindung, ist aber auch im Zeitalter von Netflix legal.
Das vorwurfsvolle „Du hast nicht reagiert“ lächelnd und ohne Schuldgefühl mit einem schulterzuckenden „Ich hatte das Smartphone ausgeschaltet“ zu beantworten, wird künftig als der wahre Hauch von Abenteuer und Freiheit gelten. Offline als neuer Luxus, den sich nicht alle leisten können, den aber immer mehr erstreben werden. Eine Familie, die sonntags komplett offline geht, um sich auf Gott und die (reale) Welt zu konzentrieren, wird als reich gelten. Sie wird nämlich wie Kolumbus abenteuerlich entdecken, was uns früher so vertraut war wie die amerikanische Steppe den Indianern vor 1492: die wirkliche Wirklichkeit.
Genau die droht uns nämlich derzeit zu entgleiten: Wenn uns unsere tausend „Facebook-friends“ vertrauter scheinen als unsere zehn besten Freunde, wenn wir im „secondlife“ mehr zuhause sind als im eigenen Kühlschrank – dann ist Gefahr in Verzug. Es gilt also, nicht nur die Verfügungsgewalt über die eigene Lebenszeit rückzuerobern, sondern auch selbst die Spielregeln zu setzen. Der freie Bürger in der freien Gesellschaft bestimmt selbst, wie viel Bier er trinkt und wie viel Zeit er täglich Facebook widmet. Alles andere ist Suchtverhalten.
Zu den Spielregeln, die wir selbst setzen, gehören in der tabufreien Gesellschaft auch die Axiome, wie wir die modernen (Des-)Informanten wahrnehmen wollen. Ein Luxus wären etwa diese frei erwählten Vorurteile: Was alle posten, ist für mich vermutlich irrelevant. Was alle glauben, ist höchstwahrscheinlich falsch. Wenn sich alle aufregen, hat die Sache vermutlich einen doppelten Boden.
So ausgestattet mit einer den aufgeklärten Bürger zierenden Portion Skepsis könnten wir moderne Tabus in Frage stellen, zu Sachlichkeit und Differenzierung einladen, den Hysterikern Argumente abverlangen.
Wenn wir – dadurch gestärkt – schließlich den Mut aufbringen, nicht jeden Hype mitzumachen, nicht jede Modewelle zu beachten, dann wären wir schon frei für das Bleibende, das Orientierung Gebende. Wir könnten etwa wieder Bücher lesen, die wir nicht über Amazon bestellt, sondern beim Buchhändler um die Ecke erstanden haben. Oder eine Zeitung wie Die Tagespost. Wir könnten versuchen, die Tweets und Posts von heute in geschichtliche und geografische Gesamtzusammenhänge einzuordnen.
Zur Rückeroberung der eigenen Souveränität gehört die Schlüsselfrage aller Zeiten: Wem will ich vertrauen? Beim Autokauf oder beim Arztbesuch ist die Vertrauensfrage zentral. Warum nicht auch beim Medienkonsum? Nicht, was „in“ ist, verdient mein Vertrauen, sondern was meinen Werten und Idealen entspricht. Wenn ich im realen Leben Wahrhaftigkeit relevant finde, warum dann nicht auch im virtuellen?
Zum Luxus der Verfügung über die eigene Zeit und der Auswahl derer, denen wir vertrauen wollen, können wir getrost einen dritten beanspruchen: den Luxus der eigenen Meinung, des eigenen Stils, des eigenen Geschmacks. Wenn also einer sagt, er lese Facebook nicht, weil er da die Druckerschwärze an den Fingern vermisse – wer wollte es ihm verdenken?

Der Autor ist Redakteur der Wochenzeitung Die Tagespost , deren Ausgabe v. 9.8.18 gekürzt entnommen ist.

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