VISION 20005/2018
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Plant Stille ins Leben ein!

Artikel drucken Über die Notwendigkeit, Abstand zu gewinnen, um Gott zu hören (von Kardinal Robert Sarah)

Im täglichen Leben, sei es das Leben eines Laien oder Geistlichen, ist eine äußere Stille unerlässlich. Thomas Merton schrieb im Das Zeichen des Jonas: „Äußere Stille ist besonders notwendig in einer Welt, die so voll ist von Lärm und leerem Gerede. Als Protest und Gegengift gegen die ,Sünde’ des Lärms. Nun ist die Stille keine Tugend und der Lärm keine Sünde. Aber der Tumult und die Verwirrung und der ständige Lärm, die die moderne Gesellschaft beherrschen, sind gleichwohl Ausdruck ihrer größten Sünden – ihrer Gottlosigkeit, ihrer Orgien moralischer Verworfenheit, ihrer Arroganz gegen das Ewige, ihrer Verzweiflung. Eine Welt der Propaganda, der endlosen Streitigkeiten, des Geschimpfes, des Kritizismus oder einfach des Geschwätzes ist eine Welt, für die es sich nicht zu leben lohnt…“
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Wie können wir in unserer hochtechnisierten und geschäftigen Welt von heute Stille finden? Der Lärm macht uns müde, und wir haben das Gefühl, dass die Stille eine unerreichbare Oase geworden ist. Wie viele Menschen müssen in einem Wirrwarr arbeiten, der ihnen Angst macht und sie entmenschlicht! Die Städte sind zu lärmenden Schmelztiegeln geworden, wo selbst die Nacht voll dröhnender Feindseligkeiten ist.
Ohne Lärm fällt der postmoderne Mensch in eine dumpfe, quälende Unsicherheit. Er ist den ständigen Lärm gewohnt, der ihn einlullt und zugleich krank macht.
Ohne Lärm ist der Mensch angespannt, gereizt und verloren. Der Lärm verschafft ihm Sicherheit, gleich einer Droge, von der er abhängig geworden ist. Nach außen scheint dieses Getöse wie ein Fest, aber es ist ein Wirbel, der den Menschen davon abhält, sich selbst anzuschauen, wie er wirklich ist. Die Unruhe wird zum Anästhetikum, zum Beruhigungsmittel, zur Morphiumspritze, zu einem fadenscheinigen Traumbild. Aber dieser Lärm ist ein gefährliches und illusorisches Medikament, eine teuflische Lüge, die den Menschen nur davon fernhält, seinem leeren Inneren zu begegnen. Das Erwachen wird schmerzhaft sein.
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Ich will Gott schauen, schreibt Pater Marie-Eugène vom Kinde Jesus: „Wir leben ja in einem unablässigen Bewegungs- und Betätigungsfieber. Das Übel liegt indessen nicht nur in der Organisation des modernen Lebens, in der aufgezwungenen Hast oder der großen Verkehrsmöglichkeit. Es liegt tiefer, und zwar in der fieberhaften Nervosität der Lebensweise. Man hat keine Geduld mehr abzuwarten oder sich stiller Sammlung hinzugeben. Zwar scheint es, als sehne man sich nach Stille und Einsamkeit, aber meistens verlässt man das familiäre Milieu nur, um neue Horizonte, eine andere Atmosphäre und neue Zerstreuungsanlässe aufzusuchen. Inmitten aller Veränderungen und allen Wechsels der Zeit bleibt Gott immer derselbe (…) und nur in der Stille spricht er Sein Wort aus und kann es die Seele aufnehmen. Das Gesetz der Stille verpflichtet uns nicht weniger als die heilige Theresia. Die fieberhafte Hast und die Nervosität der heutigen Lebensweise machen uns dieses Gesetz noch mehr zur Pflicht und verlangen von uns weit größere Anstrengungen, um es zu achten und uns ihm zu unterwerfen.“
Die Geräusche und Leidenschaften entfernen uns von uns selbst, während die Stille den Menschen stets zwingt, über sein eigenes Leben nachzudenken.
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Die Menschheit muss Widerstand leisten. Was wird aus unserer Welt werden, wenn sie keine Orte der Stille sucht? Innere Ruhe und Ausgeglichenheit können nur der Stille entspringen. Ohne sie existiert das Leben nicht. Die größten Geheimnisse der Welt entstehen und entfalten sich in der Stille. Wie entwickelt sich die Natur? In größter Stille. Ein Baum wächst in Stille, und die Wasserquellen fließen zuerst in der Stille der Erde. Die strahlende, herrliche Sonne, die über der Erde aufgeht, wärmt uns – in Stille…
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Ohne Gott und das Licht, das Seine Wahrheit aufleuchten lässt, vermag der Mensch die Sterne des Himmels nicht mehr zu sehen. Die Städte glühen wie Fackeln, die unsere Pupillen blenden. Das moderne Leben gönnt unserem Blick keinen Frieden. Unsere Augenlider sind ununterbrochen geöffnet, unsere Augen steif vom Betrachten eines permanenten Schauspiels. Die Diktatur des Bildes, die den Blick in einen ewigen Strudel zieht, hasst das stille Verweilen. Der Mensch ist gezwungen, immer neue Wahrheiten zu suchen, die seinen Hunger nach Besitz vergrößern; doch seine Augen sind gerötet, verstört und krank. Unablässig wollen die künstlichen Spektakel und erleuchteten Bildschirme unsere Intelligenz und unsere Seele betören. In seinem Gefängnis aus Licht entfernt sich der Mensch in der heutigen Welt von sich selbst und von Gott. Er ist an Vergängliches gefesselt, entfernt sich immer mehr vom Wesentlichen.
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Das Schweigen des Blicks bedeutet, die Augen schließen zu können, um Gott in unserem eigenen tiefsten Inneren zu betrachten. Die Bilder sind Drogen, denen wir uns nicht mehr entziehen können, denn sie sind immer und überall gegenwärtig. (…)  
Ist die Menschheit bei der traurigen Prophezeiung Jesajas angelangt, auf die Jesus hinwies: „Weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen. (...) Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden und mit ihren Ohren hören sie nur schwer und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile“?

Auszüge aus dem lesenswerten Buch Die Kraft der Stille. 312 Seiten, fe-medienverlag, 17,80 €

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