VISION 20005/2018
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Der heilige P. Pio

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Dom Antoine-Marie OSB)

Francesco Forgione wurde 1887 in Pietrelcina, einem süditalienischen Marktflecken geboren. Bereits in sehr jungem Alter wurde ihm die Gnade häufiger Visionen der seligsten Jungfrau zuteil. Auch der Teufel erschien ihm, oft in der Nacht, in schrecklichen Gestalten. Bereits in seinem neunten Lebensjahr betrat er sozusagen einen Kreis schwerer Krankheiten, die erst bei seinem Tod aufhörten. Trotzdem wurde er mit 16 in den Kapuzinerorden aufgenommen und legte seine Gelübde unter dem Namen Bruder Pio ab.
Doch die Gesundheit des jungen Mönches besserte sich nicht: Der linke Lungenflügel war schwer geschädigt; seine Fieberschübe brachten die Thermometer zum Platzen! In der Hoffnung, dass ein milderes Klima der Heilung dieser unerklärlichen Krankheit dienlich ist, ließ man ihn mehrfach das Kloster wechseln, dann kehrte er zwischen 1910 und 1916 nach Pietrelcina zu seiner Familie zurück.
Am 10. August 1910 wurde er trotz allem zum Priester geweiht: „Wie war ich glücklich an diesem Tag,“ sagte er später. „Mein Herz brannte vor Liebe zu Jesus... Ich begann, das Paradies zu schmecken.“ Im Juli 1916 gelang es ihm schließlich, sich im Kloster San Giovanni Rotondo in Apulien niederzulassen.
Im September 1918 empfing er im Alter von 31 Jahren die Gnade der Stigmatisation: Er bekam blutende Wunden an den Händen, den Füßen und an der Seite, die denen des gekreuzigten Jesus entsprachen. Von da an verlor er 50 Jahre lang täglich etwa so viel wie ein Glas Blut. „Er wies nicht nur Flecken auf,“ wie einer seiner Mitbrüder bezeugt, „sondern wirkliche Wunden, die durch seine Hände und Füße gingen.“ Diese Wunden verursachten eine andauernde körperliche Schwäche.
Seine Vorgesetzten zogen namhafte Ärzte zu Rate, um die Wundmale zu untersuchen. Die Spezialisten bestätigten die Echtheit der Verletzungen. Manche führten sie auf eine magnetische Kraft, andere auf Autosuggestion, andere auf „physiologisch-pathologische Zu­sammenhänge“ zurück; doch viele gaben zu, dass die Ursache dieser Wunden der medizinischen Wissenschaft entging.
Anfang Mai 1919 wurde ein Mädchen plötzlich geheilt, nachdem ihr P. Pio erschienen war. Am 28. Mai ließ sich ein junger Soldat, der im Krieg verletzt und von den Ärzten für unheilbar erklärt worden war, zu P. Pio transportieren, der ihn segnete: Er war augenblicklich völlig geheilt. Diese zwei Wunder, von denen auch in der Presse berichtet wurde, rührten die Massen: Ab da kamen täglich bis zu 500 Pilger oder Neugierige nach San Giovanni Rotondo.
Es wurde das Gerücht verbreitet, dass P. Pio im Inneren der Seele lesen könne. Und wirklich, das kam häufig vor. Die hübsche und reiche Luisa V., die aus reiner Neugier nach San Giovanni Rotondo gekommen war, fühlte sich gleich nach ihrer Ankunft von einem solchen Schmerz wegen ihrer Sünden übermannt, dass sie mitten in der Kirche in Tränen ausbrach. Der Padre ging zu ihr und sagte: „Beruhigen Sie sich, mein Kind, die Barmherzigkeit kennt keine Grenzen, das Blut Christi wäscht alle Verbrechen der Welt hinweg.“ Luisa V. hatte seit ihrer Kindheit nicht mehr gebeichtet.
P. Pio kam ihr bei der Aufzählung der Sünden zu Hilfe und sagte dann: „Erinnern Sie sich an nichts weiter?“ Luisa erzitterte beim Gedanken an eine schwere Sünde, die sie nicht zu bekennen wagte. P. Pio wartete und bewegte still die Lippen... Sie fasste sich schließlich: „Es bleibt noch dieses, mein Vater.“ – „Gott sei gelobt! Ich erteile Ihnen die Absolution, meine Tochter...“
Mitunter widmete er 15 bis 17 Stunden täglich dem Anhören der Pönitenten. Sein Beichtstuhl war mehr eine Seelenklinik denn ein Richter- oder ein Lehrstuhl. Die Beichtenden wurden von ihm in unterschiedlicher Weise begrüßt. Dem einen streckte er mit überschäumender Freude die Arme entgegen, anderen verpasste er Vorwürfe; er ermahnte und bedrängte sie sogar. Streng fiel sein Urteil über die Sünden gegen die Reinheit und gegen die Gesetze der Weitergabe des Lebens aus; er vergab sie nicht, bevor er sich nicht von der festen Absicht des Beichtenden überzeugt hatte, und manch einer musste Monate der Bewährung hinter sich bringen, bevor er die Absolution erhielt. P. Pio unterstrich so die Bedeutung der Reue und des festen Vorsatzes zur Besserung vor dem Empfang des Sakraments der Buße.
Es kam vor, dass der Pater das Beichtkind noch vor dem Ende wegschickte: „Hinaus! Geh fort! Ich will dich nicht wiedersehen, bevor...“ Er wusste, dass das „Fortschicken“ eine heilsame Maßnahme war, die den Sünder erschütterte, zum Weinen brachte und ihn zu einem Anlauf zur Umkehr zwang. Einem Mitbruder bekannte er, nachdem er einen schlecht vorbereiteten Pönitenten weggeschickt hatte. „Wenn ich aber nicht so handle, würden sich so viele nicht zu Gott bekehren!“
Die übernatürliche Kraft, das Böse zu bekämpfen, schöpfte P. Pio aus dem Gebet. Trotz seiner durch die fünf Wundmale verursachten Schmerzen betete er viel. Jeden Tag widmete er sich vier Stunden lang religiösen Betrachtungen. Er betete mit dem Seufzen seines Herzens, mit Stoßgebeten (kurzen Gebeten, die wie Pfeile zum Himmel geschleudert werden), vor allem aber mit seinem Rosenkranz. Man hörte ihn oft sagen: „Geht zur Madonna, lasset sie geliebt werden! Betet immer den Rosenkranz. Betet ihn richtig! Betet ihn so oft, wie ihr könnt! … Das Gebet bezwingt das Herz Gottes, es erwirkt die notwendigen Gnadengaben!»
Der Höhepunkt des Tages und des Betens von P. Pio war die Zelebrierung des heiligen Messopfers. Die Messe von P. Pio konnte anderthalb bis zwei Stunden dauern. Ein französischer Botschafter beim Heiligen Stuhl, der einer dieser Messen beiwohnen durfte, schrieb: „Nie in meinem Leben habe ich eine so erschütternde Messe erlebt. … Als die Glocke zur Elevation der Hostie und dann des Kelches erklang, erstarrte P. Pio in Betrachtung. Für wie lange Zeit?... Zehn, zwölf Minuten, vielleicht mehr...»
P. Pio betete nicht nur viel, er brachte auch andere zum Beten. Die von ihm ins Leben gerufenen Gebetsgruppen verbreiteten sich in der ganzen Welt. Zu seinem 80. Geburtstag entsandten mehr als tausend dieser Gruppen Vertreter nach San Giovanni Rotondo.
Der apostolische Eifer des jungen Kapuziners rief Widerstand hervor. Einem Teil der örtlichen Geistlichkeit missfiel die plötzliche Berühmtheit des Stigmatisierten, der Zustrom der Pilger und die reichlich fließenden Almosen für sein Kloster. Der Ortsbischof, dessen Ruf schlecht war, ließ von Priestern und Gläubigen eine Anzeige über angebliche Skandale im Kloster San Giovanni Rotondo unterschreiben und leitete einen langen, in Rom geführten gerichtlichen Prozess ein.
Als Folge der schweren Verleumdungen wurden ab Juni 1922 strenge Maßnahmen gegen P. Pio verfügt: Verbot jeglicher geistlicher Korrespondenz, selbst mit seinen Beichtvätern; Verbot öffentlicher Messfeiern; Verlegung des Paters in ein anderes Kloster. Tatsächlich konnten die letzten beiden Verfügungen wegen des heftigen Widerstandes der örtlichen Bevölkerung nicht durchgesetzt werden. 1931 gipfelte die Verfolgung darin, dass ihm die Ausübung jeden Amtes untersagt wurde, mit Ausnahme privater Messfeiern. Diese schmerzliche Situation dauerte zwei Jahre, danach erhielt der Padre alle priesterlichen Befugnisse wieder (Juli 1933).
„Nach dem Sündenfall,“ sagte P. Pio, „wurde das Leiden zum Hilfsinstrument der Schöpfung; es ist der mächtigste Hebel zur Wiederaufrichtung der Welt; es ist der rechte Arm der Liebe, die unsere Wiederherstellung erreichen will.“ Da er jedoch Schmerz und Krankheit aus eigener Erfahrung kannte, war er bemüht, sie bei anderen zu lindern. Zu diesem Zweck fasste P. Pio die Errichtung eines Krankenhauses in San Giovanni Rotondo ins Auge. 1947 wurde mit dem Bau der Casa Sollievo della Sofferenza (des Hauses zur Linderung des Leidens) begonnen, eines der modernsten Krankenhäuser Italiens.
Dieses Werk führte allerdings zu einer erneuten Verfolgung des Padre, der auf Grund einer ausdrücklichen Dispens vom Armutsgelübde durch Papst Pius XII. Besitzer des Krankenhauses wurde. Denn mehrere Diözesanverwaltungen und religiöse Einrichtungen Italiens waren in eine Finanzaffäre verstrickt und hatten hohe Geldverluste und da versuchten einige Kapuzinerpatres und andere Kleriker, sich an den finanziellen Reserven des P. Pio schadlos zu halten. Drohungen und Pressekampagnen sollten den Padre sowie die Führung der Casa in Verruf bringen.
Um das Werk des Krankenhauses vor aller Begehrlichkeit zu schützen, ersuchte der Heilige Stuhl 1961 den Padre, das Ganze ihm zu vermachen, was dieser mit beispielhaftem Gehorsam auch tat. Dennoch wurde er immer noch wie ein „Verdächtiger in Halbfreiheit“ behandelt, bis Papst Paul VI. zu Beginn des Jahres 1964 ihm die völlige Freiheit zur Ausübung seines Priesteramtes wieder verlieh.
Bei all diesem Ärger übte P. Pio heldenhaft beständigen Gehorsam. „Den Vorgesetzten gehorchen, heißt Gott gehorchen,“ pflegte er zu sagen. Für P. Pio waren die Liebe zu Christus und die Liebe zur Kirche untrennbar. In der Kirche sah er eine Mutter, die trotz der Schwächen ihrer Kinder immer geliebt werden muss. Sein Herz bebte vor Liebe für den Stellvertreter Christi, wie ein kurz vor seinem Tod an Papst Paul VI. gesandter Brief zeigt: „Ich weiß, dass Ihr Herz in diesen Tagen viel leidet … Ich biete Ihnen mein Gebet und mein tägliches Leiden an..., damit der Herr Sie durch seine Gnade trösten möge und Sie den geraden und schweren Weg weitergehen können, indem Sie die ewige Wahrheit verteidigen... Ich danke Ihnen auch für die klaren und entschiedenen Worte, die Sie insbesondere in der letzten Enzyklika Humanæ vitæ gesprochen haben, und ich bekenne erneut meinen Glauben und meinen unbedingten Gehorsam Ihren erleuchteten Weisungen gegenüber.“
P. Pio erfüllte bis zum Schluss seine Mission als Beichtvater und Opfer. Im Jahre 1967 nahm er etwa 70 Personen täglich die Beichte ab. Unter seiner Ausstrahlung gab es immer mehr Wunder, Prophetien, Bekehrungen und religiöse Berufungen. Doch sein eigenes spirituelles Leben spielte sich in der „Nacht des Glaubens“ ab. „Ich weiß nicht, ob ich richtig oder falsch handle,“ gestand er. „Und das überall, in allem, am Altar, im Beichtstuhl, überall… Ich überlasse Jesus Christus die Sorge, darüber nachzudenken.“
Und in einem seiner Briefe heißt es: „Ich sage euch, liebt eure Zerstörung. Das besteht darin, in den Zeiten der Finsternis und der Ohnmacht demütig, heiter, sanft und vertrauensvoll zu bleiben; das besteht darin, euch nicht zu sorgen, sondern euer Kreuz und eure Ungewissheiten bereitwillig auf euch zu nehmen – ich sage nicht freudig, sondern entschlossen und standhaft.“ Doch über all seine verschiedenen Belastungen hinweg war P. Pio im Grunde zufrieden, glücklich und fröhlich: Darin liegt das christliche Geheimnis.
P. Pio starb sanft am 23. September 1968 in seinem Kloster San Giovanni Rotondo.


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