VISION 20005/2018
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Nein zur Verhütung heißt Ja zur Liebe

Artikel drucken Rückblick: vor 50 Jahren veröffentlichte Papst Paul VI die Enzyklika Humanae vitae (von Weihbischof Andreas Laun)

Ein Jubiläumsjahr: Vor 50 Jahren erschien die Enzyklika Humanae vitae (HV). Sie löste einen Tsunami der Empörung aus, der rund um den Erdball lief – mitgetragen und massiv verstärkt auch von einem Erdbeben bei Nicht-Katholiken.

Papst Paul VI. hat sicher vorausgesehen, dass es Protest und Widerstand geben werde, aber wohl nicht das Ausmaß der Empörung auch in der katholischen Kirche, einschließlich derer bei vielen Bischöfen und ihrer Konferenzen. Theologen haben durch ihre „Beratungen“ und „Gutachten“ das Ihre beigetragen. Seit damals „steht“ die Debatte, man hat sich weitgehend gewöhnt, HV auf sich beruhen zu lassen und dem Zeitgeist zu folgen, wie er sich ja auch in den „Erklärungen“ der deutschen, österreichischen und anderer Bischofskonferenzen niedergeschlagen hat.

Schlimm: der Ungehorsam führender Kirchenleute

An diesem „abgesegneten“ Ungehorsam konnte auch der hl. Papst Johannes Paul II. mit seiner Bitte an die Bischöfe, ihre Stellungnahme zu revidieren, nichts ändern. Ein Versuch, der in Österreich, vor allem von Bischof Kurt Krenn betrieben wurde, scheiterte kläglich. Freilich, bestimmte Gruppen sprechen zur Zeit über HV, organisieren Tagungen und publizieren, aber vorläufig bleibt in der kirchlichen Öffentlichkeit alles still. Eine Überraschung, die wie ein Blitz aufleuchtete, bereitete Kardinal Christoph Schönborn, als er bei einer Predigt in Jerusalem sagte, Europa habe dreimal Nein zu seiner Zukunft gesagt: mit der Entscheidung für freie Abtreibung, mit seinem Nein zu HV (siehe Maria Troster Erklärung) und dem Ja zur Homo-Ehe. Im Gegensatz dazu hieß es 2008 in Die Furche: „Nicht die Maria Troster Erklärung stellt eine Sünde dar, von der man sich abzuwenden hätte, sondern eher ein gefährlicher Rigorismus, der sich verengt, totalisiert und das Heiligste im Menschen zerstört: sein von Gott geheiligtes Gewissen.“ Noch direkter als Schönborn hat sich der Pariser Kardinal André Vingt-Trois bei der Bischofssynode geäußert: „Viele katholische Paare sind sich heute nicht mehr darüber im Klaren, dass die Anwendung künstlicher Verhütungsmittel anstelle der von der Kirche empfohlenen natürlichen Methoden eine Sünde sei.“ Aber dieser Analyse der Situation ist man in der katholischen Kirche nicht nachgegangen: weder in der Ehepastoral, noch in Büchern zum Religionsunterricht oder gar von Seiten der Theologen.

Ja, man sollte die Frage neu aufgreifen. Mit „neu“ meine ich: Nicht bloß wiederholen, was früher schon gesagt wurde, sondern wirklich in den Blick nehmen, welche Folgen der Ungehorsam gegenüber dem Lehramt der Kirche hatte, zumal schon Papst Paul VI. einige dieser Schäden klar vorausgesagt hatte. Neu durchdenken sollte man auch die Begründungen für HV. Drei Folgen der künstlichen Verhütung zählte Paul VI. in HV auf:

– Der Papst gab zu bedenken, dass sich bei dieser Handlungsweise ein breiter Weg sowohl zur ehelichen Untreue wie zur allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht auftun könnte – vor allem unter Jugendlichen.

– Zu befürchten sei zudem: Männer, die sich an empfängnisverhütende Mittel gewöhnen, könnten die Ehrfurcht vor der Frau verlieren, und - ohne auf ihr körperliches Wohl und seelisches Gleichgewicht Rücksicht zu nehmen - sie zum bloßen Werkzeug ihrer Triebbefriedigung erniedrigen, sie nicht mehr als Partnerin ansehen, der man Achtung und Liebe schuldet.

– Regierungen könnten versucht sein, empfängnisverhütende Methoden zu fördern, ja sogar deren Anwendung allgemein vorzuschreiben, wo immer es ihnen politisch notwendig erscheint. Es sind allerdings auch noch andere schlimme Folgen der Verhütung zu nennen:

– Erhöhtes Scheidungs-Risiko: Empirische Studien haben gezeigt, dass der Gebrauch von Verhütungsmitteln das Risiko, dass Ehen scheitern, deutlich erhöht.

– Homosexualität: Man muss auch die Frage stellen dürfen, ob nicht die mit der Verhütung verbundene Abwertung der Zeugung und deren Bedeutung für die Sexualität eine Ursache ist für die Anerkennung der Homosexualität in der öffentlichen Meinung und zu ihrer Verbreitung in der Gesellschaft.

– Risiken für die Gesundheit: Medizinische Probleme vor allem bei Frauen wie Krebs, Schlaganfälle, Thrombosen… sind ebenfalls Folgen.

– Frühabtreibung ist ein weiterer Aspekt von Pille, Spirale und anderen Eingriffen. Wenn man Frühabtreibung bedenkenlos als Risiko in Kauf nimmt, sinkt auf jeden Fall auch der Widerstand gegen jede andere Abtreibung im Bewusstsein der Menschen.

– Ungehorsam: Eine schlimme Folge für die Kirche kommt von führenden Leuten in der Kirche selbst: Mit ihrem Ungehorsam, ihren falschen Argumenten in den erwähnten „Erklärungen“ haben sie vorgemacht, wie man dem Lehramt der Kirche widersprechen kann und ihm nicht gehorchen müsste.

Es ist an der Zeit, die Argumente für und gegen HV kritisch zu prüfen. Ohne auf alle hier eingehen zu können, ist festzuhalten: Manches Argument hat nichts mit der moralischen Frage zu tun: Etwa, ob die „Pille“ medizinisch bedenklich ist oder nicht – das beurteilt weder der Papst noch das Konzil, sondern die Medizin. Es könnte passieren, dass die Medizin ein Präparat entwickelt, das medizinisch unbedenklich ist – hätte dann die Kirche kein Argument mehr gegen Verhütung? Ähnliches gilt für Argumente aus der feministischen Ecke, aus grüner oder demographischer Perspektive (Stichwort Überbevölkerung). HV argumentiert auf Grund anderer Voraussetzungen.

Selbst der Verweis auf die gute Wirkung der Enthaltsamkeit, die zur natürlichen Regelung der Kinderzahl gehört - etwa die verbesserte Gesprächskultur in der Ehe und das Mehr an Zärtlichkeit - ist in letzter Konsequenz kein Beweis für HV, so positiv diese Effekte sein mögen. Nein, das eigentliche Argument für HV kann sich nur aus der Betrachtung der leib-seelischen Vereinigung von Mann und Frau in der Ehe ergeben. Wenn in der Liebe alle Gebote enthalten sind, muss das auch für das Nein der Kirche zur Verhütung gelten: Das Argument muss von der sexuellen Liebe her verstehbar sein.

Gerade in der sexuellen Vereinigung bilden Leib und Seele eine wunderbare Einheit: Das Herz spricht sein Ja der Liebe, und der Leib tut es auf seine Weise. Er erwacht zur Liebe, obwohl der Orgasmus nur in körperlichen Vorgängen zu bestehen scheint und menschliche Liebe ein geistiges Ereignis des Herzens ist, ein Höhepunkt der Zärtlichkeit (so Dietrich von Hildebrand vor fast 100 Jahren) sein sollte. Dieses Miteinander von Seele und Leib ist in der Liebe genauso wunderbar und unbegreiflich wie das Mit- und Nebeneinander von Gehirnvorgängen und geistigen Akten im Denken und Wollen.

Vereinigung spielen und dennoch getrennt bleiben

Verhütung manipuliert den Akt des Leibes und hindert ihn, sein Wort der Liebe zu sprechen. Sie zwingt ihn, Vereinigung zu spielen und getrennt zu bleiben. Es ist, wie wenn man eine Melodie, die man nicht wirklich kennt oder will, auf einem schwer und absichtlich beschädigten Instrument spielen wollte. Als in Lourdes Maria eine Stelle angab, an der eine Quelle sei, bedurfte es eines Mannes und einer Schaufel, um sie freizulegen. Die Menschen heute brauchen den Verstand als Schaufel, um die Quelle der Wahrheit in HV, im Lehramt der Kirche freizulegen.

Daher: Wer HV verstehen will, muss „die einzigartige, außerordentliche Bedeutung des ehelichen Aktes“ betrachten, sagt Papst Johannes Paul II. Und ebenso: „Der Heilige Geist „entwickelt in den Eheleuten eine einzigartige Sensibilität. Dadurch wird der eheliche Akt sogar zu einem Akt der Heiligkeit.“ Die Wiederentdeckung von HV wäre ein wichtiger Beitrag zur viel beschworenen Neuevangelisierung der Welt und zuerst einmal der Kirche.

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