VISION 20002/2019
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Wie ein zweiter Vater

Artikel drucken Zeugnis einer Berufung zum Priester (Rupert Santner)

Es war die Begegnung mit Priestern, väterlichen Männern, die in einem „Problemkind der Familie“ den Gedanken geweckt hat, selbst diesen Weg einzuschlagen. Im Folgenden das Zeugnis von Rupert und seine Gedanken über die große Bedeutung des priesterlichen Dienstes.


Wenn ich mich als Seminarist heute frage, warum ich Priester werden will, dann sind vor allem Priester selbst entscheidend, warum ich diesen Weg eingeschlagen habe, zumal ich neben einer eher rebellierenden Kindheit mit dem Glauben für mich selbst schon abgeschlossen hatte. Für mich (dem „Problemkind der Familie“) machte es einfach keinen Sinn, dass man sich nach Traditionen und Gebräuchen richtet, welche offensichtlich keine Freude schenken. Der Glaube war damals einfach nur „uncool“ und dumm.
Dieses Bild wandelte sich augenblicklich in dem Moment, als ich von sehr coolen Jugendlichen zu einem Jugendtreffen eingeladen wurde, mit dem Hinweis: „Wenn du ein echter Mann werden willst, dann musst du nach Pöllau (siehe S. 6-7) kommen.“ Ok, das hat mich angezogen. Nicht wissend, dass das Leben im Glauben auch cool und „lässig“ sein kann. Vor allem auch, dass es eine solche Freude und ein so großes Glück schenkt, wie ich es bis dahin nicht gefunden hatte.
Eine besondere Freude des Glaubens hatte ich am Jugendtreffen in den Priestern erlebt, die voll Ehrfurcht und Hingabe die Messe feierten und den Lobpreis leiteten. Dass das Herz von Gott so erfüllt sein kann, schien mir (bis dahin) angesichts des unattraktiven zölibatären Lebens eher untypisch.
Außerdem hatte mich noch etwas angezogen, und zwar ein besonderer Blick von mehreren Priestern, welche anscheinend in dem kleinen verschlossenen Burschen (in mir) etwas sahen, das ich selbst noch nicht kannte. Kein verurteilender Blick, sondern einer, der mich liebte und mich annahm, aber auch verwandelte. Wie wenn ich danach süchtig gewesen wäre, nahm ich ganz kleine Aufmerksamkeiten sehr tief in mich auf.
Von dieser Erfahrung her, konnte ich etliche Konflikte mit meinem eigenen Vater überwinden, welche sich bis dahin aufgestaut hatten. Es tat gut, einen „Vater“ in den Priestern zu erleben. Das schenkte mir besondere Begegnungen, die ich bis dorthin nicht kannte.
Es ist schwer zu beschreiben, was sich in mir alles getan hat und warum mich so scheinbar alltägliche Begegnungen mit angeblich „normalen“ Priestern so bewegten. Jedenfalls hat es mich eines Abends sehr bewegt, als die Frage nach der Berufung und der persönlichen Nachfolge Jesu als Priester von einem dieser „erwählten Väter“ (welche die Priester für mich waren), gestellt wurde. Das war nicht nur zweidimensional! Auf keinen Fall! Es war mit einer Anfrage und einem Wort eines Vaters verbunden, der mir durch die Gegenwart der Priester vertraut erschien und doch Himmel und Erde übersteigt. Die vertraute überzeugende Gegenwart eines Himmlischen Vaters, der hier zu mir sprach.
Und in diese geborgene Präsenz hinein und unter diesem wohlwollenden Blick konnte ich damals als Jugendlicher meine ersten Schritte auf dem Weg der Berufung gehen! Voll Freude und mit einer inneren Leichtigkeit, vom priesterlichen Blick eines Vaters getragen.
Seitdem war eine Verbindung geschaffen, die mich in Entscheidungen und auch Krisen immer wieder getragen hat. Die persönliche Beziehung zu Priestern war ein Geschenk! Noch dazu, weil man durch die unbedingte Verschlossenheit des Beichtgeheimnisses seine Fragen und Nöte „angstfrei“ teilen konnte! Die Priester waren für mich Menschen, bei denen man einfach merkte, dass man sich nicht verstellen oder verstecken muss. Stattdessen war es eine Beziehung, in der man ohne Probleme alles sagen konnte, und einen Vater hatte, welcher mich in den Sorgen nicht allein ließ sondern mitkämpfte! Einfach super!
Seitdem bin ich einige Meter gegangen und selbst in schwierigen Situationen nie allein gelassen gewesen, sondern immer wieder vor allem von Priestern bestärkt und beschenkt worden. Mir ist dabei bewusst, dass dies ein besonderes Geschenk des Himmels ist, denn das Heil der Seele hängt sehr an guten geistlichen Begleitern, welche in „geistigen Kämpfen“ oft die einzige Hilfe sind. Das kann man sich nicht selbst schenken. Es gibt keine spirituelle Autonomie! Wir brauchen Priester, welche uns das ewige Leben bereiten, gleich wie wir eine Mama und einen Papa brauchen, um das physische Leben zu empfangen und darin wachsen zu dürfen. Diese geistige Vaterschaft habe ich vielfach empfangen dürfen, wofür ich unendlich dankbar bin. Sonst wäre ich mit Sicherheit nicht mehr am Weg, selbst Priester zu werden.
Freilich hat sich das Beziehungsverhältnis zu vielen Priestern inzwischen gewandelt. Sie wurden vom Vater zum Mitbruder. Doch bleiben auch priesterliche Mitbrüder immer auch eine väterliche Gegenwart, selbst für den Priester. Der Priester ist in seinem Vatersein deshalb auch nicht allein gelassen, sondern darf unter einem Bischof stehen, welcher ihm in Schwierigkeiten beisteht. Zum Vatersein braucht es natürlich auch die Kinder, für welche der Priester durch den Dienst an den Familien sorgen darf. Der Priester ist meines Erachtens vor allem für die Kinder und Jugendlichen ein unersetzlicher „geistiger Vater“.
Wenn ich nun auf die eigene Berufung schaue, die (so Gott will) in einigen Monaten zu meiner Weihe führen wird, so ist die Vaterschaft des Priesters eine Dimension, welche ich mit der Gnade Gottes verwirklichen möchte. Das Leben zu fördern und das geistige Leben auf unterschiedliche Weise zu schenken und zu stärken, ist der besondere Dienst, in den der Priester gerufen ist. Das ist die Freude eines jeden Priesters, aber auch die Herausforderung, die eine besondere Hingabe erfordert: Die Hingabe an Christus mit seinem ganzen Leben und seiner ganzen Person. Denn jeder geistige Vater muss zuerst Sohn sein, um Vater sein zu können! Ganz Sohn Gottes zu sein, um für die Welt ganz Vater sein zu können, ist meines Erachtens das Geheimnis jedes guten Priesters.


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