VISION 20002/2019
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Priester: umstritten, aber unerlässlich

Artikel drucken Rückbesinnung auf das wahre Wesen des durch die vielen Skandale verunstalteten Priesterbilds (Von Kardinal Paul Josef Cordes)

Die weltweit aufgebrochene Missbrauchskrise hat einen fa­ta­len Effekt: Weitverbreitet ist der gesamte geistliche Stand ins Zwielicht, ja in Misskredit gera­ten. Das ist ein arges Unrecht, das der Mehrzahl der Priester, die hingebungsvoll ihren Hirten­dienst erfüllen, angetan wird. Allerdings ist das Wissen, was das entscheidende Merkmal dieses Dienstes ausmacht, leider – auch in der Kirche – verloren gegangen. Im Folgenden eine Klarstellung.

Weltliches Denken hat in die katholische Theologie und ihre pastorale Planung Einzug gehalten. Solch theologischer Substanzverlust tritt etwa vor Augen, wenn man der Veränderung nachgeht, die die Bezeichnung für den Priester erfahren hat. Die klassische Theologie und das Vaticanum II benennen den Einsatz des kirchlichen Amtsträgers als „Hirtendienst“. Die Metapher „Hirt“ wird direkt auf den Aufbau der Gemeinde angewandt: „Die Pries­ter üben entsprechend ihrem Anteil an der Vollmacht das Amt Christi, des Hauptes und Hirten, aus.“ (PO Nr. 6)
Das Wort „Hirt“ wird in der Heiligen Schrift als Bild für den Herrscher, sogar für Gott selbst verwendet. „Hirt“ meint dann das zuverlässige Sorgen für die Anvertrauten. Andererseits zeigt sich, dass Hirten durch Selbstsucht verführbar sind und von ihrem Dienst abirren können. Sie ziehen sich deshalb die Kritik der alttestamentlichen Propheten zu, die im Namen Gottes den Schaden beanstanden, den schlechte Hirten anrichten. Darum wird Gott selbst den fälligen Hirtendienst übernehmen. „Er, der Israel zerstreut hat, wird es auch sammeln und hüten wie ein Hirt seine Herde“ (Jer 31,10).
Jesus nimmt im Neuen Testament die Klage über die zerstreute Herde wieder auf. Die vielen Menschen, die ihm in eine einsame Gegend gefolgt sind, wecken sein Mitleid; sie erscheinen ihm „wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mk 6,34). Im Johannes-Evangelium macht Christus sich dann die Selbstaussage Gottes im Alten Testament zu eigen und nimmt den Titel „Hirt“ für sich in Anspruch: „Ich bin der gute Hirt“ (10, 11.14). Mehrfach konkretisiert er diesen Titel: Er kennt die Seinen. Er ist gekommen, dass sie das Leben haben; Er gibt selbst Sein Leben hin für die Schafe (Joh 10). Die Bibel scheut sich dann sogar nicht, auch die „Ältesten“ der Gemeinde als Hirten zu bezeichnen: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes … Seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde!“ (1 Petr 5,2.4).
All diese Impulse weckt der Begriff „Hirte“ in jemandem, der sich auf Gottes Wort einlässt. Auch wenn sein Gebrauch den Zeitgenossen ungewohnt ist: Dürfen wir ihn streichen und nur noch „Zeitungs-Deutsch“ sprechen?
Im deutschen Sprachraum ist es üblich geworden, den geweihten Priester als „Seelsorger“ zu bezeichnen. Mit diesem Titel hat der „Hirte“ nicht nur eine neue Benennung gefunden; auch sein Dienst bekommt ein neues Gesicht. Seine Arbeit bedient sich vieler neuer Methoden zum Umgang mit den Gläubigen; sie nutzt Pastoralpsychologie, Telefonseelsorge, Supervision, Krankenhausseelsorge, Psychoanalyse… So verändert sich über die Begriffsveränderung hinaus der Horizont der Interessen. Er orientiert sich zuvörderst am Lebensraum der Klienten. Je nach Materie kann die Tätigkeit sogar von religionskritischer, sogar feindlicher Empirie bestimmt werden.
Eine unausweichliche Folgerung: Das neue Arbeitsfeld relativiert für den Priester seine Eingliederung in den Kontext der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen. Auch seine Wahrnehmung durch die Gemeinde wird profan. Immer weniger tritt zutage, wieso sich sein Tun auf das Weihesakrament stützt. Auch wenn Gottes besondere Gnade formaliter nicht ausgeschlossen wird, so schwächen sich doch für ihn selbst und die Gemeinde sein Transzendenzbezug und seine Christus-Beziehung ab. Dieser Umbruch in der Deutung des priesterlichen Selbstverständnisses wird noch bestätigt, wenn der Empfang des Weihesakraments als Bedingung für pastorale Vollzüge ganz zu entfallen scheint. Mir ist aufgefallen, dass etwa das deutsche Brevier eine terminologische Veränderung eingeführt hat: Die offiziellen Fürbitten übersetzen das lateinische „pastor – pastores“ nicht mehr mit „Hirten“, sondern mit „Seelsorger“. Es zeichnet sich in den deutschen Diözesen ein Prozess ab, das Ordo-Sakrament zurückzudrängen und die Geweihten den Laien gleichzuschalten.
Der Verzicht auf die theologischen Inhalte des „geistlichen Hirten“ findet seinen Endpunkt in einer Bezeichnung, die gegenwärtig in einigen Diözesen lanciert wird: Er wird „Leiter“ genannt, und man spezifiziert ihn mit dem Genitiv-Objekt „Gemeinde“. So versucht man ihn abzusetzen von einer Vielzahl ähnlicher Titel – wie „Schulleiter“, den Vorgesetzten der Lehrkräfte, oder den „Büroleiter“, den Office-Manager etwa der parlamentarischen Abgeordneten.
Jeder Wachsame weiß, dass Sprache Bewusstsein bildet. So ist hier ein gravierender Verlust anzuzeigen. Die sakramental vorgegebene Kirchenstruktur wird verdunkelt und die ohnehin angeschlagene geistliche Identität der Priester geschwächt. Schlimmer noch: Sie verkürzt die Kirche auf einen Gesellschaftsfaktor, der wie alle Multinationalen aus eigener Kraft funktioniert. Christus, präsent im Tun des Geweihten, ist nicht länger ihr Hauptakteur. Kirche säkularisiert sich selbst.
Angesicht der Konfusion muss wenigstens kurz das verbindliche Verständnis der katholischen Lehre referiert werden. Wir finden es etwa im Vaticanum II im Dekret Über Dienst und Leben der Priester: „Da das Amt der Priester dem Bischofsstand verbunden ist, nimmt es an der Vollmacht teil, mit der Christus selbst seinen Leib auferbaut, heiligt und leitet. Darum setzt das Priestertum der Amtspriester zwar die christlichen Grundsakramente voraus, wird aber durch ein eigenes Sakrament übertragen. Dieses zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können“ (Nr. 2).
Diese Verortung des kirchlichen Amtsträgers spricht von einer kennzeichnenden Vollmacht, die ihn qualifiziert. Sie hebt das Handeln des Priesters von der Sendung aller Getauften ab. Das Fundament wurde gelegt, als der Kandidat das Sakrament der Weihe empfing. Die konziliare Bestimmung des Priesters setzt damit nicht bei Diensten an, die seine Nützlichkeit beweisen. Es macht sich primär überhaupt nicht an dessen einzelnen Tätigkeiten fest, sondern beschreibt seine Besonderheit als generelles „Handeln in der Person Christi“. So verankert es alles priesterliche Wirken in der einzigen ermöglichenden Wurzel: Christus ist der eigentliche Priester.
Auf diese Weise sichert der katholische Glaube dem Volke Gottes zu: Nicht mehr der Amts­träger, sondern Christus selbst ist der Akteur des Heils-Geschehens. So ist rechtes Verständnis des Priesters nur im Glauben möglich. Missverständnisse sind auszuschließen: Die Bestellung zum Dienst erfolgt nicht durch die Aushändigung eines Arbeitsvertrags, sondern in der Weihe durch den Empfang eines Sakraments; die Weiheliturgie will nicht ein stimmungsvolles Hochgefühl vermitteln, sondern dem Kandidaten durch Handauflegung des Bischofs und das Gebet der Gemeinde die Gabe des Heiligen Geistes vermitteln. Sie hebt ihn heraus aus den übrigen Getauften und gibt ihm eine Vollmacht für die Verkündigung des Wortes Gottes, die Spendung der Sakramente und den Aufbau der Gemeinde, die den Laien nicht zukommt, auch nicht den Mitgliedern der Laienräte auf diözesaner oder pfarrlicher Ebene.
Jean-Marie Vianney, der Pfarrer von Ars, hat beobachtet, dass sich ohne Priester die Gott-Offenheit des Menschen an das Diesseits verliert. Von ihm stammt die aufreizende Behauptung: „Lasst eine Pfarrei 20 Jahre ohne Priester, und man wird das Vieh anbeten.“ Der Heilige stellte demnach fest, wie Frömmigkeit in die Anbetung des Geschaffenen umschlägt, wenn nicht Priester sie auf Gott hin lenken. Er warnt uns, dass sich ohne Begleitung durch den geweihten Hirten unser Sinn für Gott erschreckend verbiegen lässt.
Wissenschaftliche Forschung – etwa der US-Soziologe Werner Stark – geht davon aus, dass große Charismen und epochale Intuitionen nach und nach durch Routine verflachen; Lebensumfeld und Alltag verwässern die Neuaufbrüche. Geistig-geistliche Impulse trotzen aber dann „dem Zahn der Zeit“, wenn sie Schützer und Verteidiger haben. „Gesellschaftliche Systeme bestehen nur so lange, wie sie sozial kontrolliert werden.“ Das gilt auch für das Christentum, für Offenbarung und Kirche. Und in diesem Feld sind es die geweihten Amts­träger, denen die Aufgabe zukommt, „das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig (zu) bewahren“ (Offenbarungskonstitution Nr. 7). Demnach wäre – sogar soziologisch abgestützt – der geweihte Amts­träger als „Siegelbewahrer“ von Gottes Heilswerk unersetzlich.
Ohne Frage müssen solche Garanten und Protektoren mit Welt und Gesellschaft fest vernetzt sein. Priester haben ihren Ort mitten im Leben. Er muss dem Chris­ten ja beistehen, wenn es gilt, in einer konkreten Alltagssituation den Glaubensweg zu finden. Es bleibt nicht aus, dass er dann und wann auf eine vergessene Wahrheit hinzuweisen hat. „Wächter der Tradition“ nennt ihn daher die Soziologie. Solche Verpflichtung kann zur Last werden.
Um den Buchstaben und Geist von Gottes Wahrheit wach zu halten, muss der Priester sich unterscheiden. Wenn er dem Glaubensleben Stabilität geben soll, bleibt ihm nicht erspart, dem Irrtum und der Glaubensentstellung zu wehren.
Priester bleiben exponiert. Auch weil ihnen Autorität zukommt, auf die ja schon eine irdische Organisation für ihren Leitungs-Dienst nicht verzichten kann. Dabei hat solche Vollmacht beim Amtsträger keine individuellen oder natürlichen Wurzeln.
Die Person des Amtsträgers ist bestimmt von Priesterweihe und Kirchenbindung. Wenn er Sakramente spendet, braucht der Empfänger nicht nach der Makellosigkeit des Dieners zu fragen. Der Heilige Augustinus hat ein für allemal sichergestellt: Auch wenn ein sündiger Amtsträger das sakramentale Zeichen setzt, wird die zugesagte Gnade vermittelt. Mit Augustinus erreicht der pries­terliche Dienst jedoch nicht nur eine pastoral höchst bedeutsame Absicherung. Es tritt auch der Kulminationspunkt priesterlicher Identität zutage: Christus ist selbst am Werk. Nicht der Amts­träger, sondern Christus allein ist und bleibt Träger des Heils-Geschehens; er ist der Garant von dessen Wirksamkeit.
Trotz dieser Absicherung des sakramentalen Dienstes unterstreicht die Kirche für die pries­terliche Berufung, Ausbildung, Einsetzung und Tätigkeit, er müsse heilig sein. Es war der Theologe Karl Rahner, der die Auffassung, die Kirche brauche heilige Priester, überzeugend begründet.
Sein Argument: Das Wort des Priesters wird nur dann als wahr aufgenommen, wenn der Wille des Hörenden bereitet und sein inneres Ohr geöffnet ist. Solche Bereitschaft aber ist unlösbar gebunden an die geistliche Authentizität des Spenders. Deshalb muss – so Rahner – der zum sakramentalen Wort Gottes Bevollmächtigte auch die „Disposition“ oder „Situation“ schaffen, „innerhalb derer diese sakramentalen Worte überhaupt gesagt und glaubend gehört werden können“.
Heute muss ein Priester wohl mehr denn je eine solch spezifische Glaubwürdigkeit verbreiten. Eine besondere Hilfe, sie zu gewinnen, möchte ich zum Schluss wenigstens streifen: Der Christ – ob Priester, Seminarist oder Laie – braucht für seinen Glaubensweg mehr als ein religiöses Umfeld und eine fromme Begleitung. Glaubensbegleitung, Belehrungen anderer, Gewohnheiten und Zeugen sind gut. Doch all das zielt nur darauf hin, dass mein Glaube zu einer ganz persönlichen Hingabe an Gott reift.
Auch kein Geweihter sollte meinen, sein berufsmäßiger Umgang mit dem Heiligen brächte ihn von selbst Gott nahe. Alle Getauften, vor allem die theologisch Interessierten, rüttelt der große Mystiker Meister Eckhart auf. Er unterscheidet den „gedachten“ von dem „anwesenden Gott“– den Gott in unserem Kopf von dem Gott in unserem Herzen, im Gemüt, im Streben, in der Liebe. Und er ruft uns allen zu: „Deines bloß gedachten Gottes sollst du quitt werden.“
Daher muss der Priester Gottes Angesicht suchen. Mit diesem Ausdruck zeigen die Psalmen des Alten Bundes immer wieder den Weg zu Gott; wer Gott nahen will, muss sich Ihm bewusst zuwenden. Häufig spricht das Evangelium davon, dass Jesus sich zum Gebet zurückzog, oft nächtelang – Er,  der Sohn Gottes, Er wollte beim Vater sein.
Daher ist es entscheidend, dass wir in aller Hektik und Überaktivität unserer Tage Gott dieses Kostbarste nicht vorenthalten: die Zeit. Die Liturgie, das Psalmengebet, der Blick in die Heilige Schrift, die gelegentliche Beichte – sie helfen uns, dass wir uns Seinem Du nähern. Und uns an Gott verschenkend, sind wir letztlich selbst die Beschenkten. Unsere Hingabe vergilt Er mit der Erfahrung des Geborgenseins in Ihm.

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