VISION 20002/2019
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Das Ende der Christenheit

Artikel drucken Die erstaunlich präzise Diagnose des Zeitgeschehens aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts (Joseph Pronechen)

Er war ein Medienstar in den USA, Erzbischof Fulton Sheen (Vision 2/18). Ab den 30erJahren des vorigen Jahrhunderts predigte er im Radio, ab 1951 im Fernsehen. Mit enormem Enga­gement verkündete er die katholische Lehre. Mit prophetischem Bllick erkannte er schon in den Jahren nach dem 2. Welt­krieg wohin der Zeitgeist die Welt führen würde. Bedenkenswert auch seine Ratschläge, wie Christen im Gegenwind bestehen können.

Wir stehen am Ende des Christenheit,“ sagte Erzbischof Fulton Sheen während eines Vortrags im Jahr 1947. Er machte allerdings klar, dass er mit Christenheit nicht die Kirche meinte, und sagte: „Christentum ist das von christlichen Prinzipien inspirierte ökonomische, politische, soziale Leben. Das geht zu Ende – es liegt im Sterben, wie wir sehen. Ein Blick auf die Symptome: die Auflösung der Familie, Scheidung, Abtreibung, Unmoral, allgemeine Verlogenheit.“
Schon damals sah er das in einer Radiosendung am 26. Jänner 1947 prophetisch voraus und warnte. „Warum merken so wenige den Ernst der gegenwärtigen Krise?“, fragte er vor 72 Jahren. Und gab darauf die Antwort: „Zum Teil, weil die Menschen es einfach nicht glauben wollen, dass sie in bösen Zeiten leben, zum Teil, weil dies mit zu viel Selbstanklage verbunden wäre, vor allem aber, weil sie keinen von außen gegebenen Maßstab haben, mit dem sie ihre Zeit beurteilen können… Nur wer aus dem Glauben lebt, versteht, was wirklich in der Welt geschieht. Die breite glaubenslose Masse wird sich der zerstörerischen Prozesse, die stattfinden, nicht bewusst.“
(…) Sheen wunderte sich, dass wir die Zeichen der Zeit nicht erkannten, wo „sich doch grundlegende Dogmen der modernen Welt vor unseren Augen in nichts auflösen.“ Was diese ersetzte, war die Annahme, dass der Mensch 1. „keine andere Aufgabe im Leben habe, als zu produzieren und Reichtum anzusammeln,“ 2. die Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus gut sei und „Gott nicht brauche und Ihm keine Rechte einräumen müsse, dass er keinen Erlöser notwendig habe, der ihn von der Schuld befreit, denn dank der wissenschaftlichen Bildung und der Evolution gebe es automatisch Fortschritt“ und 3. die Idee, wir hätten die Vernunft, nicht „um den Sinn und das Ziel des Lebens, insbesondere die Rettung der Seele, zu entdecken, sondern nur um neue technische Errungenschaften zu entwerfen, damit die vom Menschen gemachte Stadt die von Gott errichtete ersetze.“
Und schreitet die Technik nicht in atemberaubendem Tempo voran, verlangt sie nicht Gehorsam von einem so großen Teil der Bevölkerung?
Sheen wies darauf hin, dass die Zeichen der Zeit deutlich machten, wir seien „endgültig angelangt am Ende einer nicht-religiösen Ära der Zivilisation, welche die Religion als Anhängsel am Leben ansah, einen frommen Zusatz, eine Moralinstanz für den einzelnen, aber ohne jede gesellschaftliche Bedeutung, eine Ambulanz, die sich solange der Ruinen der gesellschaftlichen Ordnung annimmt, bis die Wissenschaft soweit ist, dass es keine Wracks mehr gibt; ein Zeitalter, das Gott nur anrief, wenn es galt, nationale Ideale zu verteidigen, oder Ihn als stummen Partner ansah… der aber nichts zu sagen hatte, wenn es darum ging, in der Welt Entscheidungen zu treffen.“
Und dann sagte der Bischof etwas, was auf ersten Blick schockiert, wenn wir einen Blick auf unsere heutige Welt werfen: „Die neue Ära, in die wir eintreten, ist etwas, was man als die religiöse Phase der Menschheitsgeschichte bezeichnen könnte.“
Schnell fügte er jedoch hinzu, das bedeute nicht, dass die Menschen sich „Gott zuwenden“. Vielmehr würden sie die Gleichgültigkeit in eine Leidenschaft für „etwas Absolutes“ umwandeln. Es werde einen Kampf geben „um die Seele der Menschen… Die künftige Auseinandersetzung spielt sich ab zwischen dem Absoluten, nämlich dem Gottmenschen und dem Absoluten, dem Menschengott; dem Gott, der Mensch wurde und dem Menschen, der sich zu Gott macht; zwischen den Brüdern in Christus und den Genossen des Antichrist.“
Dann setzt Sheen fort, den Antichrist zu beschreiben (…) Er sagt, „seine Religion wird die Brüderlichkeit ohne Vaterschaft sein. Er wird sogar die Erwählten täuschen.“
(…) Der weitblickende Sheen erinnert aber daran: „Gott wird es nicht zulassen, dass das Unrecht ewig fortbesteht. Revolution, Zerfall, Chaos müssen Weckrufe sein, dass unser Denken falsch, unsere Träume heillos waren. Die moralische Wahrheit wird rehabilitiert durch die Zerstörung, die eintritt, wenn man sich von der Wahrheit abwendet. Das Chaos unserer Tage ist das stärkste negative Argument, das für die Christenheit ins Treffen geführt werden kann… Der Zusammenbruch, der auf die Preisgabe Gottes folgt, wird so zu einem Triumph von Sinn und Ziel… Elend ist der Ausdruck von Gottes Verurteilung des Bösen, das Kennzeichen von Gottes Gericht… Die Katastrophe enthüllt, dass das Böse sich selbst zerstört; wir können uns nicht von Gott abwenden, ohne uns selbst zu schaden. (…)
Wie die alten Propheten war Sheen fest in der Hoffnung verankert und gab praktische Empfehlungen, die heute ebenso wahr sind wie 1947.
Erstens müssen Christen „sich bewusst machen, dass Perioden der Krise keine Zeit zum Verzagen sind, sondern eine Chance. Je eher wir den Untergang voraussehen, umso besser können wir ihn vermeiden. Sobald wir erkennen, dass wir unter dem Zorn Gottes stehen, umso mehr sind wir zugänglich für die göttliche Barmherzigkeit. Wegen seines Hungers sprach der Verlorene Sohn: Ich will aufbrechen und zu meinem Vater heimkehren. Gottes Strafen sind eine Quelle der Hoffnung. Der rechte Schächer begegnete Gott am Kreuz. Der Christ findet zum Optimismus im schwärzesten Pessimismus, denn Ostern folgt nur drei Tage auf den Karfreitag.“
Weiters bietet uns Sheen diese mit Hoffnung erfüllte Ermutigung: „Eine der Überraschungen, die uns im Himmel erwartet, ist es zu sehen, wie viele Menschen mitten in Chaos, Krieg und Revolution zur Heiligkeit gelangt sind.“ Er weist hin auf die unüberschaubare Menge, die vor Gottes Thron steht. „Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.“ (Offb 7,14)
Sheen sagte den Katholiken, Juden und Protestanten, „die Welt dient unseren Seelen mit einer Furcht gebietenden Aufforderung – der Aufforderung zu heroischen Anstrengungen zur Vergeistigung. Die Katholiken sollten ihren Glauben aufpolieren, daheim ein Kreuz aufhängen, um sich daran zu erinnern, dass wir ein Kreuz zu tragen haben. Jeden Abend die Familie versammeln, um Rosenkranz zu beten, um gemeinsam für die Welt einzutreten. Geht täglich in die Messe, damit der Geist der Liebe und des Opfers euer Berufsleben, eure Begegnungen, eure Aktivitäten befruchte. Heroische Seelen könnten täglich eine Anbetungsstunde vor dem Allerheiligsten halten, vor allem in Pfarren, in denen das Bewusstsein für das Bittgebet und die Buße wach ist.“
Alle mahnte Sheen zu beten. „Die Mächte des Bösen sind untereinander verbündet, die Kräfte des Guten nicht eins; wenn wir uns schon nicht in derselben Kirchenbank zusammenfinden – gäbe Gott, wir täten es –, so doch wenigstens auf den Knien.“
Sheen ergänzte das durch Hinweise für unser geistiges und ewiges Heil. „Wer Glaube hat, sollte sich bemühen, im Stande der Gnade zu bleiben – und wem beides fehlt, sollte herausfinden, was beides bedeutet. Denn in den kommenden Zeiten wird es nur ein Mittel geben, unsere Knie am Schlottern zu hindern, nämlich in die Knie zu gehen und zu beten. Die wichtigste Aufgabe in der Welt von heute ist deine Seele, denn um sie tobt der Kampf.“

Der Autor ist Redakteur von The National Catholic Register.  Sein Beitrag ist ein Auszug aus einem Artikel, der dort am  28.1.19 erschien.

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