VISION 20005/2019
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„Ihr Laien seid gefordert!“

Artikel drucken Ein Aufruf, in der säkularen Welt Zeugnis zu geben (Von P. Karl Wallner OCist)

Vor 100 Jahren, 1919, hat Papst Benedikt XV. die erste Missionsenzyklika geschrieben. Sie beginnt mit den Worten: „Maximum illud“ – der allergrößte Auftrag. Gemeint ist damit Markus 16: „Geht hinaus in die ganze Welt, verkündet das Evangelium allen Geschöpfen, macht alle Menschen zu meinen Jüngern!“ – Gott will ein Maximum, er will alle Menschen mit seiner Frohen Botschaft erreichen.

Gott geht aufs Ganze. Aber wie erreichen wir alle Menschen mit der Botschaft des Heiles? Dazu sieben Punkte, die mir am Herzen liegen.

Die Botschaft
inszenieren
Wir brauchen keine langweilige „Berichterstattung“, sondern eine attraktive Glaubens-Verkündigung mit Bildern und Geschichten, ja mit den jeweils modernsten Medien, die es gibt. Wir brauchen „Inszenierung“!
Unser Herr Jesus Christus hat selbst inszeniert. Wenn man das Evangelium liest: die Bergpredigt, die Kreuzigung auf Golgotha… Auch Er bringt Bilder und erzählt Geschichten, etwa die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, vom Verlorenen Sohn. Die Kirche ist daher aufgerufen, die Frohe Botschaft weiterzugeben und zwar mit den in der jeweiligen Zeit zur Verfügung stehenden Mitteln.
Das war am Anfang die Predigt. Dann, schon ab dem Jahr 70, wird aufgeschrieben: die Evangelien, die Briefe. Ab dem 16. Jahrhundert kommen mit dem Buchdruck die Broschüren. Dann kommt der Flyer, das Plakat, die Aussendung. Mittlerweile gibt es Radio, Fernsehen, Internet…
In diese Medien sind wir noch nicht richtig eingestiegen mit unserer Verkündigung. Privat machen das zwar manche Gruppen, aber die offizielle Kirche, die in Österreich und Deutschland noch sehr viel Geld hat, ist viel zu inaktiv! Jedenfalls, was die Verkündigung anbelangt.
Heute gibt es die „social media“. Unsere Glaubensinhalte sind spannend! Sie müssen aufbereitet werden. Inhalte stehen uns fast unbegrenzt zur Verfügung: Die Bibel (46 Bücher im Alten, 27 im Neuen Testament!) ist voll von Geschichten über Gott, der das Heil wirkt. Es gibt das Leben der Heiligen durch 2000 Jahre Kirchengeschichte, voller Action! All das ließe sich verfilmen.
Eine unglaubliche Materialsammlung! Eine Verkündigung über Bilder, Geschichten, Film und Hörspiel ist unbedingt notwendig. Es gibt den Satz: „Wenn Du Information gibst, bekommst Du Diskussion, wenn du Emotion gibst, bekommst du Reaktion.“ Natürlich brauchen wir auch Glaubenswissen, aber Emotion ist ebenfalls wichtig.

Unsere geistige Haltung muss stimmen.
Wenn wir heute im kirchlichen Bereich nur mehr die Weitergabe von Informationen – seien sie auch noch so korrekt – haben, dann ist das eben keine Verkündigung. Verkündigung ist exis­tenziell, will den anderen beschenken. Die innere Haltung muss das Feuer des Heiligen Geistes sein, das uns hinaustreibt. Deshalb brauchen wir die Absicherung im Gebet. Denn es gibt Angriffe. Der geistliche Bereich ist ein umkämpfter Bereich. Darum brauchen wir die Absicherung durch die Kraft Christi in den Sakramenten. Sie sind nicht Kult der Kirche, sondern sind uns zum Heil gegeben. Sie sollen dir und mir helfen. Mit der Verkündigung darf man nicht warten, bis man heilig ist: Unser Herr Jesus Christus hat schwachen Aposteln, deren Sünden uns in den Evangelien ausführlich geschildert werden, den Auftrag zur Verkündigung gegeben. Er rechnet damit, schwache Instrumente vorzufinden.

Die Tugend der „heiligen Unverschämtheit“
Es gibt unter uns Katholiken heute eine falsche Scham – gerade in Europa. Der Grund dürfte sein, dass wir seit 250 Jahren der Kritik der Aufklärung ausgesetzt sind. Es gab auch brutale politische Verfolgung von rechts und links. Und das hat zu einem Rückzug in „geschützte Reservate“ geführt. Uns ist zwar die Kultfreiheit garantiert, wir haben kirchliche Feiertage, bezahlten Religionsunterricht. Aber es sind Reservate. Nur dort sind wir mutig und bekennend. Außerhalb der Reservate erlebt man bald nicht mehr, dass es überzeugte Christen gibt.
Wir müssen raus in die „weltliche“ Öffentlichkeit. In Afrika ist man nicht so verschämt. Auf jedem zweiten Auto steht: „Jesus loves you!“ „Le sacré coeur de Jésus soi loué“. In den USA sagte eine Kassiererin zu mir: „God bless you!“ Stellt euch vor, dass bei uns eine Kassierin beim Hofer sagt; „Gott segne Sie!“
Wir haben hier in Europa in Fragen des Glaubens eine große Scham. Die anderen Lebenseinstellungen und Religionen durchaus nicht. Muslime geben sich gerne durch ihre Kleidung zu erkennen. Und unter den Jugendlichen sind bald 50% tätowiert. Sie haben keine Scham, ihre Gesinnung zu „outen“ oder zu bekunden, was ihnen wichtig ist. Wir Christen müssen weg von dieser furchtbar braven katholischen Schüchternheit!
Ich selbst war noch als Student ein schüchternes Bürschlein. Damals hat ein Priester gesagt: „Jugendseelsorge geht so, dass ihr auf die jungen Leute zugehen müsst. Und macht euch keine Sorgen: Sie haben mehr Angst vor euch als ihr vor ihnen.“ Für mich war es dann eine Mutprobe, beim Doktoratsstudium in Wien als einziger den Habit zu tragen. So etwas wirkt dann aber auch. Wenn ich heute mit der U-Bahn fahre und das Ordensgewand trage, so schafft das Kontakt.
Noch einmal: Die heilige Unverschämtheit ist eine Tugend, die falsche Scham ein Gift, das uns umbringt.

Mut zur Originalität
Papst Franziskus sagt immer wieder: Lasst euch etwas Neues einfallen. Wir müssen nicht auf den Papst, irgendeine Kommission, ein Dokument warten, die uns sagen, was wir tun sollen. Der Heilige Geist hat der Kirche immer wieder Ideen gegeben, um das Evangelium weiterzutragen. Als ich nach acht Jahren als Pfarrer ins Kloster zurückgekommen bin, hatte ich eine Lebenskrise. Und da haben wir einen Sportraum eingerichtet – für Kraftsport mit Hanteln – und das hat sich zum großen Segen entwickelt. Da kommen normale junge Männer zu uns. Viele, die zu so einer Sportwoche gekommen sind, haben dann später sogar eine Berufung zum Priestertum bekommen… Man muss sich führen lassen, um Neues zu versuchen.

Zugehen auf die, die „draußen“ sind.
Wir müssen rausgehen aus der Sakristei, rausgehen aus unseren Sitzungssälen. Das ist ja unser großes Problem: Wir sind zur sitzenden Kirche geworden, haben ohne Ende Sitzungen. Wir müssen hinausgehen in die säkulare Welt. Und habt keine Sorge: Jeder Mensch braucht Gott. Es gibt heute eine Grundhäresie, die besagt: Die Menschen können auch ohne Gott glücklich werden. Das stimmt nicht. Deshalb haben wir allzu leicht den Komplex, dass wir stören, wenn wir jemandem von unserem Glauben erzählen. Wir haben – wie man das im Marketing sagen würde – keine Produktüberzeugung.
Da ist es notwendig, auf uns selber zu schauen: Ich jedenfalls kann bezeugen: Hätte mich nicht jemand zu einer Gebetsrunde eingeladen, hätte ich ein sehr seichtes Leben gelebt – ohne Gott. Unendliches Glück und himmlische Freude wären mir entgangen. Wie dankbar bin ich, dass jemand den Mut hatte, mich anzusprechen und einzuladen. Wir müssen also mutig werden und auf die zugehen, die nicht mehr oder noch nicht dabei sind!

Die Mission  muss demokratisiert werden
Was meine ich mit „Demokratisierung“, wie wir es auch in einer These des Mission Manifest formuliert haben? Ganz einfach: Dass Mission etwas ist, das alle von ihrer Taufe und Firmung her tun sollen. Natürlich brauchen wir Bischöfe, Priester, Ordensfrauen, Missionare… Aber es ist falsch zu meinen, Mission sei nur oder vor allem etwas für die Geweihten, oder, was heute ein immer größeres Problem ist: für Laien, die Kleriker ersetzen. Das ist eine „Klerikalisierung“, denn hier wird der Grundauftrag der Kirche auf bestimmte Personengruppen eingeschränkt. Nein, Mission ist jedermanns Sache.
Papst Franziskus hat den Oktober 2019 zum außerordentlichen Oktober der Weltmission erklärt. Das Motto lautet „Getauft und gesandt“. Jeder Getaufte ist gesandt. „Klerikalisierung“ heißt auch, dass man in seinem apostolischen Eifer zu sehr auf den Pfarrer und die Amtsträger fixiert ist: Jeder kann und darf etwas machen. Es ist gut, wenn man den Pfarrer um Erlaubnis bittet, aber wenn er nicht will und es sich um etwas handelt, das missionarisch wichtig ist: Dann geht es auch ohne Pfarrer! Es gibt so viele, die draußen sind und in Todesschatten sitzen. Ihr, die Laien, seid gefordert, etwas für sie zu machen.
Ich erlebe, wie es in Afrika und den Missionsländern ein echtes Laientum gibt, das sich in der Welt engagiert. Die „Katechis­tinnen“ und „Katechisten“, sind dort keine „Ersatz-Kleriker“, wie es sich vielfach in unseren Ländern entwickelt hat. Noch einmal: Missionarisch zu sein, ist eine Grundberufung jedes Christen. Daher kann und soll jeder etwas tun: ob jung, ob alt, ob dick oder dünn, ob mutig oder zurückhaltend. Das ganze Volk Gottes ist zur Weitergabe des Glaubens berufen.

Mit Wundern rechnen
In Heiligenkreuz habe ich seit 2007 echte Wunder erlebt. Wir sind mit einer CD in die Pop-Charts gegangen, ich war in den Society-Medien: Wir, die wir tausend Jahre alte Gesänge singen, galten plötzlich als die coolen „Pop-Mönche“. Im innerkirchlichen Bereich waren wir als ultra-konservativ abqualifiziert, und die säkulare Welt hat uns als „Pop-Mönche“ gefeiert. Ich bin in „Wetten, dass…“ auf der Couch gesessen. Wir waren in den Top 10 der Pop-Charts in England. So hat Gott gewirkt. Es war wunderbar im wahrsten Sinne des Wortes.
Doch irgendwann kam bei mir der Augenblick, wo ich mir sagte: Bisher hat Gott Wunder gewirkt und uns gezeigt, was alles möglich ist. Jetzt heißt es aber, weiterzudenken und selbst Hand anzulegen. Die „Wunder“ gleichsam zu institutionalisieren.
Die Kirche ist ja auch ihrem Wesen nach das institutionalisierte Pfingstereignis. Daher haben wir in Heiligenkreuz dann im Zuge des notwendigen Ausbaus der Hochschule ein modernes Fernseh- und Radiostudio eingerichtet. Weil wir in den Wundern, die Gott vorher gewirkt hatte, den Auftrag gesehen haben, über die Medien zu verkündigen.
Wunder sind vielfach eine Initialzündung, damit man ihnen dann durch Professionalisierung die Möglichkeit gibt, ihre Wirkung noch mehr zu verbreiten.

P.  Karl Wallner ist Nationaldirektor von Missio Österreich, sein Beitrag eine Mitschrift seiner Wortmeldung beim Locomotoras-Treffen 2019 im Kloster Weltenburg/Donau.


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