VISION 20005/2019
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Luisa Guidotti

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Dom Antoine Marie OSB)

Die am 17. Mai 1932 in Parma in Mittelitalien geborene Luisa Guidotti stammte aus einer bürgerlichen Familie. Ihr Vater war leitender Ingenieur einer Verwaltungsbehörde. Den Winter pflegte die Familie in Parma, den Sommer in ihrem behaglichen Ferienhaus auf dem Lande zu verbringen. Das launische, eigensinnige junge Mädchen verlor seine Mutter bereits mit 15 Jahren. Danach zog die Familie nach Modena. Luisa interessierte sich nicht für das gesellschaftliche Leben, sondern widmete ihre Zeit der Pfarrgemeinde, insbesondere im Rahmen der Katholischen Aktion für die weibliche Jugend, die sie zunächst auf lokaler, dann auf diözesaner Ebene als Vorsitzende leitete.
Sie wollte von Kindheit an Missionsärztin werden und inskribierte nach Abschluss der höheren Schule an der medizinischen Fakultät von Modena. „Das war in den Jahren vor dem Konzil,“ schrieb sie später einmal, „in denen sich die Laien ihrer Möglichkeiten in der Kirche bewusst wurden: Ich wollte als Ärztin in die Mission gehen, als Laiin unter Laien.“
Während ihres Studiums lernte Luisa den 1954 von Adele Pignatelli gegründeten Verband der Missionsärztinnen (AFMM) kennen, bei dessen Gründung Bischof Giovanni-Battista Montini, der künftige Papst Paul VI. eine wichtige Rolle gespielt hatte. Nach ihrem Studium beantragte Luisa 1960 bei Adele die Aufnahme in den Verband als Hilfsmitglied, d.h. als Mitglied für einen zeitlich begrenzten Einsatz. Die Gründerin riet ihr, erst eine Facharztausbildung zu absolvieren; Luisa entschied sich für die Radiologie und schloss ihr Aufbaustudium im Dezember 1962 ab. In der Zwischenzeit betreute sie im Rahmen des Verbandes ein Heim für Studentinnen aus Missionsländern.
1962 besuchte Kardinal Montini während einer Reise durch Rhodesien (das heutige Simbabwe) eine Ambulanz in der Nähe von Chirundu. Er schlug Adele vor, die Ambulanz zu einem Missionszentrum mit medizinischer Versorgung auszubauen. Nach seiner Wahl zum Papst im Juni 1963 empfing Paul VI. Adele und das für Chirundu vorgesehene Missionarsteam zu einer Audienz und entsandte sie im Namen der Kirche als Vertreter Christi zu den Kranken.
Luisa fuhr nicht mit: Zum einen war ihre Ausbildung zur Missionarin noch nicht abgeschlossen, zum anderen erschwerte ihr schwieriges Temperament ihre Integration in die Gruppe der angehenden Missionarinnen. Schließlich wurde dennoch beschlossen, dass sie ihre Ausbildung vor Ort in Afrika beenden sollte. Nach einem Besuch bei ihrer Familie in Modena, wo sie vom Bischof das Missionskreuz empfing, flog sie am 9. August 1966 nach Afrika. Sie schrieb nach ihrer Ankunft an die in Rom verbliebenen Gefährtinnen: „Chinundu ist großartig. Strengt euch im Studium an, damit ihr bald aufbrechen könnt. Die Mission ist eine wunderbare Sache.“
Luisa litt sehr unter der Hitze und den Moskitos, leistete jedoch gleichwohl jeden Tag harte Arbeit: Zu den 70 stationär untergebrachten Patienten kamen neben der Ambulanz vor Ort auch noch drei weitere, am anderen Flussufer gelegene Ambulanzen hinzu; um diese zu erreichen, musste der Fluss jedes Mal mit dem ganzen medizinischen Material in einem wackligen Boot überquert werden. Mitunter waren dort an einem einzigen Tag bis zu hundert Patienten zu versorgen.
Rhodesien befand sich seit 1965 im Kriegszustand. Nachdem die Regierung unter Ian Smith in Salisbury die Unabhängigkeit von England erklärt hatte, wurden von afrikanisch-stämmigen Rhodesiern marxistischer Prägung Guerillagruppen gegründet. Bald wurde die Grenze zum Nachbarland Sambia geschlossen, so dass viele Sambier keinen Zugang mehr zur Ambulanz in Chirundu hatten. Da zugleich die Gesellschaft, die die Plantage verwaltete, nach Sambia übersiedelte, stand die Ambulanz völlig isoliert da. Luisa war arbeitslos und wurde nach Salisbury geschickt, um eine Zusatzausbildung in Kinderheilkunde zu absolvieren. Sie fiel durch ihren etwas nachlässigen Auftritt und ihr katastrophales Englisch unter dem englischsprachigen medizinischen Personal besonders auf und litt sehr darunter.
1967 kehrte Luisa nach Italien zurück. Zu ihrer großen Freude durfte sie nun ihre ersten Gelübde ablegen. 1969 reiste sie wieder nach Rhodesien und übernahm die Leitung eines Bezirks in Nyamaropa, der neben dem regionalen Ambulanz- und Kranken­hausbetrieb namens „Regina Cæli Mission“ auch eine Leprakolonie umfasste. Sie fühlte sich sehr wohl dort und arbeitete mit völliger Hingabe. Als ein Kind in die Ambulanz kam, dessen Zustand eine spezielle Behandlung erforderte, fuhr sie es noch in der folgenden Nacht über eine unwegsame Strecke 160 km weit in ein besser ausgestattetes Zentrum.
Im Dezember 1969 wurde Luisa in die „All Souls Mission“ nach Blantyre (150 km nördlich von Salisbury) entsandt. Die Station verfügte über eine von zwei Jesuitenpatres sowie einem kleinen Nonnenkonvent betreute Kirche, eine Schule, eine Ambulanz sowie ein behelfsmäßiges Landkrankenhaus. In einem Brief an ihre Mitschwestern in Rom schrieb Luisa: „Hier fehlt es an allem … 96 Betten sind schon unterwegs. Geld haben wir kaum, wir müssen an allem sparen. Wir bräuchten mehr Personal und planen die Gründung einer Schwesternschule. Wenn wir eine Bluttransfusion machen müssen, bitten wir die Verwandten des Patienten um eine Blutspende. Reicht das nicht, fungieren wir alle - Schwestern, Patres und Krankenpflegerinnen – als Spender.“ Dank der von der AFMM in Italien gesammelten Spenden konnte Luisa rasch eine Grundausstattung beschaffen, kurz vor ihrem Tod sogar noch einen Generator sowie einen Röntgenapparat. Bei Malariaepidemien – die weitgehend auf chronische Unter­ernährung und Hygienemängel zurückzuführen waren –  beherbergte das Krankenhaus bis zu 150 Kranke.
In einem anderen Brief erklärte Luisa: „In der Mission ist das Leben schlicht und freudvoll, selbst wenn es zu viel zu tun gibt. Ich bin glücklich wie noch nie. Der Herr war gütig zu mir. Ich liebe die Leute, ich liebe meine Patienten, und sie lieben mich. Und diese Liebe wird wachsen, bis sie die Fülle der Liebe zu Christus erreicht.“ 1975 wurde Luisa endgültig in die Gemeinschaft aufgenommen. Von da an wuchs ihre Opferbereitschaft, und sie engagierte sich auch im Dienste der Leprakranken von Mtemwa, 15 km von Blantyre entfernt, wo sie ihrer Rolle als Missionarin vollauf gerecht wurde, indem sie die Freude Christi um sich verbreitete und andere dazu animierte, Christus zu lieben und sich für Ihn zu opfern.
Eine Schülerin der Missionsschule namens Elisabeth schloss sich der Unterstützerinnengruppe um Luisa an. Als gebürtige Afrikanerin war sie sehr hilfreich, insbesondere im Hinblick auf die zwischenmenschliche Verständigung. Ihr war es zu verdanken, dass die Gruppe menschliche Wärme sowie die Liebe Gottes in der Leprakolonie verbreiten konnte. Die Bewohner der benachbarten Stadt staunten immer wieder, wenn Luisas mit Leprakranken vollgeladener Jeep auf dem Wege zum Krankenhaus vorüberfuhr: Die Patienten sangen und klatschten fröhlich in die Hände! Luisa schrieb: „Ich spüre jetzt eine Ruhe und eine Freude, die ich mir nie hätte vorstellen können. Der Herr ist gütig. Ich bin es überhaupt nicht, aber seine Kraft stärkt mich in meiner Armut …“
1975 kam Pater David Gibs in die Mission. Er war erst kurz zuvor zum Priester geweiht worden. Er beschrieb Luisa zunächst als wenig umgänglich „mit ihren streng im Nacken zusammengeknoteten Haaren, ihren stets dunklen Kleidern“. Doch dieser erste Eindruck wurde rasch korrigiert; Luisa war in Wirklichkeit gutmütig und liebenswürdig, immer zu einem „Schwätzchen“ bereit, ohne sich wegen der Arbeit zu sorgen, die auf sie wartete. Sie half den Leuten – als aufmerksame Ärztin ebenso wie als liebevolle Beraterin. „Sie war völlig desorganisiert“, sagte Pater Gibs später über sie. „Wenn sie in die Lektüre eines medizinischen Artikels vertieft war oder darüber nachdachte, wie sich die Qualität der Pflege in der Mission verbessern ließe, konnte sie nichts davon ablenken, und die Patienten muss­ten bisweilen stundenlang warten. Wenn sie schließlich erschien, untersuchte sie einen Kranken nach dem anderen, ohne sich um die Zeit zu kümmern … Jedes Mal, wenn sie zu spät dran war, entschuldigte sie sich so demütig, dass man es ihr einfach nachsehen musste … Als Ärztin war sie außerordentlich geschickt. Ich habe nie jemanden gekannt, dem die Kranken so sehr am Herzen lagen wie Luisa. Ihr war nichts zu anstrengend; ich habe nie erlebt, dass sie sich weigerte, jemandem zu helfen, ganz gleich wem und wann. Oft schlief sie nachts nur wenige Stunden.
Mitunter besuchten wir eine kleine, von einer afrikanischen Schwester geführte Ambulanz. Sobald Luisa in den überladenen Bus stieg, wurde sie von allen begrüßt … Luisa befand sich sofort gleichsam inmitten einer fröhlichen Familie, deren Mutter sie war. Mein Eindruck von ihr: eine zutiefst lebhafte und glückliche Frau, die die Leute liebte, ihren Beruf und ihre Rolle als Missionarin liebte, die bereit war, alles auf sich zu nehmen, um den Leuten zu dienen, die sie liebte…“
Doch der kommunistische Aufstand breitete sich aus. Schon 1972 hatte der Leiter der Mission Luisa und ihren Mitarbeiterinnen wegen der Gefahr untersagt, bestimmte Dörfer zu besuchen. Bald waren auch unweit der Mission Schüsse zu hören. Luisa schrieb an ihre Oberin in Rom: „Wir sind gefasst und haben im Augenblick keine Angst: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln (Ps 22). Der Satz, den Sie mir geschickt haben, hat mir gutgetan: ‚Mir scheint, unsere Präsenz ist wichtig. Die junge Christenheit Rhodesiens muss spüren, dass die Kirche ihr nahe ist, wenn das Volk leidet, und dass sie an kein politisches System gebunden ist.’“
Im Mai 1976 befand sich die Missionsstation mitten im Kriegsgebiet: Es gab Kämpfe, kreisende Militärhubschrauber, durch Landminen verletzte Personen. Am 24. Juni wurde ein Jugendlicher mit Schussverletzungen in die Mission gebracht. Luisa und die anderen versorgten ihn, ohne Fragen zu stellen. Bald danach brach er in Begleitung eines Ordensbruders auf, um ein besser ausgestattetes Krankenhaus aufzusuchen. Unterwegs wurde er verhaftet; man hielt ihn für einen Aufständischen. Daraufhin wurde die Polizei in der Mission vorstellig und beschuldigte das Pflegepersonal, die Rebellen zu unterstützen, anstatt sie als Terroristen zu melden. Luisa wurde festgenommen. Obwohl sie körperlich nicht misshandelt wurde, machte sie eine leidvolle Zeit durch; erst nach vielfachen Interventionen – darunter auch von Papst Paul VI. – wurde sie vorläufig auf freien Fuß gesetzt.
Während der Wartezeit auf ihren Prozess kehrte Louisa in die Mission zurück. Von Regierungsseite zur „Schutzzone“ erklärt, wurde das Dorf mit Stacheldraht umzäunt und von einer ständig dort stationierten Soldatengruppe bewacht. Dennoch kam es immer wieder zu Gefechten. Im Dorf drängten sich viele Flüchtinge; das Rote Kreuz intervenierte und versorgte an die 7.000 Personen in der „Schutzzone“ mit Nahrung. 1977 wurden 7 Missionare ermordet, der Bürgerkrieg wütete überall. Die Polizei setzte die Mission unter Druck, da sie sie der (medizinischen) Unterstützung der Rebellen verdächtigte.
1979 wurden die meisten Leute in weniger gefährdete Zonen evakuiert; Luisa weigerte sich, ihnen zu folgen, obwohl sie von der Generaloberin dazu aufgefordert worden war (die Oberin lies doch Luisa frei, die letzte Entscheidung zu treffen). Sie fühlte sich trotz des treuen Beistandes von Pater Gibs, der ebenfalls an Ort und Stelle geblieben war, moralisch sehr einsam. Zwei Monate vor ihrem Tod schrieb sie an eine Freundin: „Es ist hart, allein zu bleiben, ohne jemanden, mit dem man sprechen kann. Mitunter habe ich das Gefühl, nutzlos und ungeliebt zu sein. Dann gehen Traurigkeit und Wut vorbei. Vielleicht müsste ich lernen, einzig und allein auf Gott zu vertrauen. Ich habe versucht, dieses Vertrauen zu erreichen, und bekam unversehens tatsächlich Seine wahre, wenngleich rätselhafte Präsenz zu spüren. Sie mögen auf mich schießen, aber Gott ist mit mir.“
Am 6. Juli 1979, als sie entgegen dem Rat aller anderen einen Patienten in einem Krankenwagen in ein Krankenhaus begleitete, wurde das Fahrzeug an einer Straßensperre von einer Gruppe aufständischen Soldaten „zu einer Kontrolle“ angehalten. Plötzlich fielen Maschinengewehrschüsse: Luisa wurde tödlich getroffen und starb einige Stunden später im Krankenhaus. Ihr Seligsprechungsprozess ist auf Diözesanebene abgeschlossen; die Akte wurde bereits der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse überstellt.









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