VISION 20005/2019
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Von Gottes Gnade berührt

Artikel drucken Worte des Papstes an die Priester

Die Berufung ist nicht so sehr unsere Entscheidung als vielmehr eine Antwort auf einen ungeschuldeten Ruf des Herrn. Es ist schön, immer wieder zu jenen Stellen des Evangeliums zurückzukehren, die uns zeigen, wie Jesus betet, erwählt und ruft, „damit sie mit Ihm seien und damit Er sie aussende zu verkünden.“
Ich möchte hier an einen großen Meister des priesterlichen Lebens aus meiner Heimat, Don Lucio Gera, erinnern. Einmal sagte er zu einer Gruppe von Priestern in Zeiten vieler Prüfungen in La­tein­amerika: „Immer, aber vor allem in den Prüfungen, müssen wir zu jenen lichtvollen Augenblicken zurückkehren, in denen wir den Ruf des Herrn erfahren haben, unser ganzes Leben seinem Dienst zu weihen.“ Es ist das, was ich gern „die deuteronomische Erinnerung an die Berufung“ nenne. Sie erlaubt uns, „zu jenem glühenden Augenblick zu­rück­zukehren, in dem die Gnade Gottes mich am Anfang meines Weges berührt hat. An diesem Funken kann ich das Feuer für das Heute, für jeden Tag entzünden und Wärme und Licht zu meinen Brüdern und Schwestern tragen. An diesem Funken entzündet sich eine demütige Freude, eine Freude, die dem Schmerz und der Verzweiflung nicht weh tut, eine gute und sanfte Freude.“
Eines Tages haben wir ein „Ja“ gesagt, das im Schoß einer christlichen Gemeinschaft entstanden und gewachsen ist… (…) Oft werden wir nicht imstande sein, uns all das Gute vorzustellen, das dieses „Ja“ hervorzubringen vermochte und vermag. Es ist schön, wenn ein alter Priester von jenen Kleinen – nunmehr Erwachsenen – umgeben und besucht wird, die er am Anfang getauft hat und die mit Dankbarkeit kommen, um ihm ihre Familie vorzustellen! Da haben wir entdeckt, dass wir gesalbt worden sind, um zu salben, und die Salbung Gottes enttäuscht nie und lässt mich mit dem Apos­tel sagen: „Darum höre ich nicht auf, für Euch zu danken“ für all das Gute, das Ihr getan habt.
In Momenten der Schwierigkeiten, der Hinfälligkeit wie auch der Schwäche und in Augenblicken, in denen unsere Grenzen deutlich werden, ist die schlimms­te aller Versuchungen, ständig über die Trostlosigkeit nachzugrübeln und dabei den Blick, das Urteilsvermögen und das Herz trüb werden zu lassen. Dann ist es wichtig – ich würde sogar sagen entscheidend – nicht nur die dankbare Erinnerung daran zu bewahren, als der Herr in unser Leben getreten ist, die Erinnerung an Seinen barmherzigen Blick, der uns zum Einsatz für Ihn und Sein Volk einlädt, sondern auch den Mut zu haben, sie in die Tat umzusetzen und mit dem Psalmisten unseren eigenen Lobgesang zu schreiben, „denn Seine Huld währt ewig“ (Ps 136).
Die Dankbarkeit ist immer eine „mächtige Waffe“. Nur wenn wir imstande sind, konkret alle Gesten der Liebe, der Großherzigkeit, der Solidarität und des Vertrauens wie auch der Verzeihung, der Geduld, des Ertragens und des Erbarmens, mit denen wir behandelt wurden, zu betrachten und dafür zu danken, werden wir zulassen, dass der Geist uns jene frische Luft gibt, die fähig ist, unser Leben und unsere Sendung zu erneuern (und nicht auszubessern).
Lassen wir zu, dass wir wie Petrus am Morgen des „wunderbaren Fischfangs“ all das empfangene Gute sehen und dadurch unsere Fähigkeit wiedererweckt wird, zu staunen und zu danken, sodass wir sagen können: „Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr“ (Lk 5,8), und wir von den Lippen des Herrn noch einmal seinen Ruf vernehmen: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen“ (Lk 5,10); „denn Seine Huld währt ewig“.
Schreiben von Papst Franziskus an die Priester am 4.8.19.

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