VISION 20001/2020
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Der Tod: ein Tabu – auch in der Kirche

Artikel drucken Die Kirche muss über die große Hoffnung auf Seligkeit bei Gott sprechen (Alain Bandelier)

„Warum spricht man in der Kirche nie vom Leben nach dem Tod: von der Hölle, vom Fegefeuer, vom Letzten Gericht?“, schreibt mir jemand. Und: „Wenn der Mensch eine unzertrennliche Einheit von Leib und Seele ist, kann man sich dann ein Überleben der vom Leib getrennten Seele vorstellen?“

Auch mich erstaunt dieses Schweigen. Ich würde allerdings nicht so weit gehen und sagen, dass man gar nicht vom Leben nach dem Tod sprich. Der Katechismus der Katholischen Kirche widmet den Letzten Dingen zwei Kapitel. Viele Texte des Lehramtes sprechen davon ebenso wie das letzte Konzil, das Schönes über den „endzeitlichen Charakter der pilgernden Kirche und ihre Einheit mit der himmlischen Kirche“ sagt.
Allerdings muss man zugeben, dass diese Fragen in der Katechese und den Predigten weder üblicherweise noch spontan angesprochen werden. Und dennoch, so schreibt man mir, „ist das nicht das eigentliche Ziel unseres irdischen Lebens, und sollten wir nicht unser ganzes Leben darauf ausrichten? Wie soll man sich aber vorbereiten, wenn man nichts davon weiß, nicht einmal das, was die kirchliche Überlieferung uns diesbezüglich lehrt?“
Und ich füge hinzu: Wenn wir nur zaghaft oder gar nicht die Frohe Botschaft der Auferstehung von den Toten und das ewige Leben – sie sind die beiden letzten Punkte im Glaubensbekenntnis – verkünden, so lassen wir unsere Zeitgenossen im Dunkel der Unwissenheit und Angst. Wir öffnen damit dem unwahrscheinlichsten Irrglauben Tür und Tor, den Sekten, die das Paradies auf Erden oder im Außerirdischen versprechen – vor allem aber der Reinkarnation, die viele Leute fasziniert, obwohl sie total im Widerspruch zum einfachen Menschenverstand und zum Evangelium steht.
Wenn wir uns schwertun, von der christlichen Hoffnung zu sprechen, so gibt es dafür meiner Ansicht nach zwei Hauptgründe. Erstens: Wir sind Kinder unserer Zeit, einer Gesellschaft, die eigentlich vom Tod nichts wissen will, obwohl das Fernsehen ihn uns täglich virtuell ins Haus liefert. Der Tod, besser gesagt: der Tote, ist unausgesprochen eine Infragestellung unserer westlichen Kultur, die auf die Tagesaktualität und das irdische Wohlbefinden ausgerichtet ist. In diesem Umfeld ist das Sterben ein irreparabler, undenkbarer Schadensfall.
Übrigens haben sich die Meister der allgemeinen Verdächtigung hier betätigt. Marx hat der Religion vorgeworfen „Opium des Volkes“ zu sein. Sie lenke den Menschen von seiner geschichtlichen Verantwortung ab und lasse ihn vom Jenseits träumen. Freud hat ihn als kollektive Neurose bezeichnet. Sie projiziere rein psychische Impulse in eine erdachte Welt.
Wir haben uns da einschüchtern lassen, statt aufzuzeigen, wie vereinfachend diese Thesen sind. Sie verfehlen komplett, jegliche religiöse Erfahrung und auch, was die Bibel sagt. Man hätte diesen psychischen und sozialen Determinismus infrage stellen müssen. Er sperrt den Menschen ein und lässt ihm keine andere Perspektive als das Nichts. Ein „Sein zum Tode“, wie Heidegger sagt.
Im christlichen Denken gibt es heute so etwas wie ein Zaudern. Einige Intellektuelle lehnen die klassische Anthropologie ab, die sagt der Mensch bestehe aus einer Seele und einem Leib. Um angeblich einen Dualismus (dabei bedeutet „bestehen“ nicht, dass beide nebeneinander existieren) zu entgehen, verfällt man in einen Monismus. Es sterbe das ganze Wesen (das behaupten die Zeugen Jehovas und manche evangelische Gruppen) und erstehe wieder unmittelbar nach dem Tod.
Jedenfalls findet man in den Evangelien eindeutig die Unterscheidung zwischen Leib und Seele, etwa an den Stellen, wo Jesus lehrt, nicht jene zu fürchten, die den Leib töten könnten, sondern den, der die Macht habe, die Seele zu töten. Es stimmt: Die Trennung der Seele vom Leib im Tod ist ein Art Gewaltakt. Wie Paulus sagt, ist dies eine Folge der Sünde. Die Verbindung der Seele mit Gott ist jedoch eine solche Seligkeit, dass die himmlische Freude ungetrübt ist, sogar in der Erwartung der Wiederkunft Christi und der Auferstehung des Leibes.

Auszug aus: Famille Chrétienne v. 29.11.03

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