VISION 20004/2020
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Zehn Schlüssel für den Frieden im Herzen

Artikel drucken Der Friede: Geschenk Gottes, aber auch Aufgabe des Menschen (Loïc Joncheray & Luc Adrian)

Für den heiligen Seraphim von Sarow ist der unerschütterliche Frieden Zeichen der Gegenwart des Heiligen Geistes. „Nehmen wir alle unsere Kraft zusammen, um den Frieden in der Seele zu bewahren, uns nicht zu entrüsten, wenn andere uns kränken,“ rät er uns. Schwer im konkreten Alltag zu verwirklichen, aber wert, sich darum zu bemühen. Denn wie Gewalttätigkeit ansteckend wirkt, so ist es auch mit dem Frieden. Er strahlt aus. Dazu einige Anregungen:

Nicht an sich selbst verzweifeln
„Unsere extreme Armseligkeit zwingt uns geradezu, in allem auf Gott zu setzen,“ behauptete P. François Libermann (1802-1852), ein bekehrter Jude, Gründer der „Pères du Saint-Esprit“. Daher sollten wir uns immer wieder an Gott wenden, der reich an Erbarmen ist, was genau genommen heißt: Dessen Herz sich voll Zärtlichkeit über unsere Not beugt. Es geht darum, unter dem „Unmaß unserer Armseligkeit“ den in unserem Inneren verborgenen Schatz zu entdecken: dass wir Abbilder Gottes sind. Wir müssen lernen, uns mit Gottes Blick liebevoll zu betrachten – was unvergleichlich besser ist. Sich nicht wegen seines Versagens, seiner Unfähigkeit kränken, wegen seiner Lauheit und Ärmlichkeit sorgen.
„Sich seiner Unfähigkeit, seiner Wertlosigkeit bewusst zu sein, soll für uns Anlass zu großem Frieden sein,“ versichert P. Libermann. Genau deswegen hat Gott ja Seinen Sohn Jesus gesandt: nicht, um uns zu richten, sondern, um uns zu retten und neues Leben zu schenken. Indem Er unser Herz reinigt, befähigt uns Gott, noch größere Werke der Liebe zu vollbringen, weil der Heilige Geist, der uns befreit, endlich in uns zu wirken vermag. Das ist eine lebenslange Herausforderung.

Um die Gnade des Vertrauens bitten
„Gründe, die uns den Frieden rauben, sind immer falsche Gründe,“ erklärt P. Jacques Philippe von der Gemeinschaft der Seligpreisungen, Autor von „Suche den Frieden und jage ihm nach“. Er meint, der Mangel an Frieden komme vom fehlenden Gottvertrauen. Der Friede erfordere „guten Willen“ und „ein reines Herz“: eine anhaltende Bereitschaft des Menschen, der sich entschieden hat, Gott über alles zu lieben und Ihm in allem, auch in Kleinigkeiten, zu vertrauen.
Einer der Feinde des Friedens ist der mit Zynismus garnierte vorherrschende Pessimismus, der uns Tag für Tag entgegenschlägt. „Der Pessimismus hat eine Tiefenwirkung, er zerstört in uns den Wunsch, uns für andere zu engagieren, er zerstört sogar vernünftige Sorgen und gebiert Entmutigung,“ hält Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant’ Egidio, fest.

Die „Option für die Armen“ praktizieren
Nicht weil wir meinen, im Frieden zu leben und ein ruhiges Gewissen haben, sind wir deswegen auch schon Männer und Frauen des Friedens. Eine egoistische Art der Zufriedenheit kann uns in dieser Illusion wiegen. In einer seiner Fastenpredigten zeigt uns der heilige Thomas von Aquin, dass allein die Barmherzigkeit wahren Frieden schenkt. Er sagt nämlich, es sei eine Erfahrungstatsache, dass das Verlangen nach zeitlichen Gütern nicht durch deren Besitz gestillt wird. Hat man nämlich das Eine bekommen, will man schon das Nächste. Das Herz des Gottlosen sei wie ein tobendes Meer, das sich nicht beruhigen lässt.
Wie kann man auch heute im Frieden leben, da immer mehr Männer und Frauen zu einem Leben in Not verurteilt sind, einer Not, die wir – weil wir nicht zum Teilen bereit sind – unbewusst mit verursachen? Wir dürfen diese Tatsachen nicht verdrängen, wir würden es uns zu einfach machen, wie der Prophet Jeremia betont: „Den Schaden meines Volkes möchten sie leichthin heilen, indem sie rufen: Heil, Heil! Aber kein Heil ist da.“ (Jer 6,14)
„Willst Du den Frieden, geh auf die Armen zu,“ hat Johannes Paul II. geraten, war er doch überzeugt, dass die äußerste Not so vieler in unseren Tagen explosive Situationen erzeugen werde. Es geht da nicht darum, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, sondern es als Anruf zu verspüren. Was, wenn der Ruf des Armen, der Ruf Christi ist?  

Dem Wichtigen
Vorrang einräumen
In der Kultur des Zappens und des „Gleich und Sofort“ wird unser Bewusstsein vom nächstgelegenen Geschehen (sei es vorangegangen oder zukünftig) in Anspruch genommen. Haben wir nicht die Neigung, dem Dringendem in unserem Leben, Vorrang dem Wichtigen gegenüber einzuräumen? Wir haben doch alle übervolle Kalender und eine Unmenge von Programmpunkten. Aber wer stellt die Frage: Voll wovon?
Sicher, wir haben Prioritäten: persönliche, familiäre, berufliche, freundschaftliche, soziale… Ein gängiger Fehler besteht aber darin, einer einzigen auf Kosten der anderen den Vorrang einzuräumen, sei es aus Leidenschaft oder Dringlichkeit. So nimmt man sich beispielsweise keine Zeit für den Sohn, bis er in der Schule versagt. Wir müssen also zeitweise Ordnung in unsere Prioritäten bringen, wie man auch einen Kasten aufräumt. Erinnert sei an den Rat, den Jesus der umtriebigen Martha gegeben hat, als sie sich beschwerte wegen ihrer Schwester Maria, die dem Sohn Gottes zuhörte: „Martha, Martha, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig.“

Denen vergeben, die uns verletzt haben
Streit, Konflikte, Krisen – all das erzeugt Leiden und kann zu mehr oder weniger gravierenden Brüchen führen. Manchmal sind wir dann so schmerzhaft betroffen, dass in einem Winkel unseres Herzens ein bleibender Groll und eine hartnäckige Verbitterung zurückbleiben. Hass und Groll sind aber gefährliche Gifte. Das einzige wirksame Gegenmittel, um auf den Weg des inneren Friedens zurückzufinden, ist die Vergebung. Oft ist sie ein heroischer Akt, Frucht eines lang währenden Bemühens. Von der Schwere, den Folgen, den Urhebern und den Umständen der Verletzung hängt auch die Länge des Weges ihrer Vergebung ab. Das ist normal, denn die Vergebung ist ja Feindesliebe (übrigens kann man auch sein eigener Feind sein). „Geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.“ (Mt 5,24)

Das Ziel des Lebens im Auge behalten
Der Wiener Psychiater Viktor Frankl hat in der Hölle der Konzentrationslager folgende Erfahrung gemacht: Es überlebte, wer einen Grund zur Hoffnung hatte. Im Tiefsten hängt das Wohlbefinden vom fundamentalen Bedürfnis ab, Sinn im Leben zu haben. Je höher das Ziel, umso sinnvoller das Leben. Und je mehr es sich in der Hingabe verwirklicht, umso mehr blüht es auf. Wenn Mutter Teresa die Armen pflegte, dann war es Christus selbst, den sie betreute. Seiner Lebensaufgabe gerecht werden, ist gut; sie aus Liebe zu erfüllen, ist besser, unendlich besser! Vor allem, wenn wir uns bemühen, sie im Licht Gottes zu betrachten und in der „bevorzugten Option für Gott“ zu leben.

Nicht die Angst überhand nehmen lassen
Wir haben Angst zu versagen, etwas zu verlieren oder nicht zu erreichen. Angst vor der Zukunft, dem Tod, dem Leiden. Angst, den Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Angst vor der Meinung der anderen. In allen Lebensbereichen erleben wir Ängste, die uns oft lähmen. Angst begünstigt die Sünde, man lese im Buch Genesis nach, um sich davon zu überzeugen.
Angst ist insofern berechtigt, als nichts in unserem Leben sicher ist. Um im Frieden zu leben, müssen wir unsere Phantasie einbremsen, die den Zug unserer Sorgen enorm beschleunigt. „Fürchtet euch nicht!“ Es heißt, diesen Aufruf finde man in der Bibel 365 Mal, also einmal für jeden Tag. Es war auch das erste Wort, das Papst Johannes Paul II. unserem von Angst geprägten Zeitalter zugerufen hat. Wie also den inneren Frieden bewahren? Indem wir unsere Vergangenheit der Barmherzigkeit Gottes (durch Vergebung) anvertrauen und die Zukunft Seiner Vorsehung (durch Hingabe). Und indem wir nur für den jeweiligen Tag leben. „Denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen.“ (Mt 6,34)

Sich bedingungslos Gott anvertrauen
Schwierigkeiten, Krisen, Prüfungen sind unvermeidbar. Die Realität richtet sich oft nicht nach unseren „frommen“ Wünschen. Gottvertrauen hilft uns, das Geschehen demütig anzunehmen und mit ihm so gut wie möglich zurecht zu kommen – in ihm Wege der Heiligung und des Friedens zu sehen.  
Der heilige Paulus beschreibt das Leben des Christen als geistigen Kampf (Eph 6,10-17). Es gilt, die Rüstung Gottes anzuziehen: den Glauben, das Wort Gottes, das Gebet, die Sakramente. „Alles vermag ich durch Ihn, der mir Kraft gibt,“ (Phil 4,13) versichert uns der Apostel, der uns auch diese göttliche Zusage macht: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“ (2Kor 12,9)
Das Wichtige, sagt uns der heilige Franz von Sales, ist nicht, „Frieden im Herzen zu haben, sondern daran zu arbeiten“. Dazu braucht es täglich einen neuen Anlauf: sich nicht entmutigen lassen, zunächst kleine Schritte machen, aber dran bleiben; Ausdauer beim Gebet entwickeln, um unter dem Blick Christi zu bleiben. „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,6f)

Schluss mit dem
Konkurrenzdenken
Das Vergleichen gehört zu den schlimmsten Giften für den Frieden des Herzens. Schöner, stärker, mächtiger zu sein, geht immer auf Kosten der anderen. Die Kultur des „kleinen Chefs“ ist heimtückisch und schädlich. Der Geist der Rivalität erzeugt „Krieger“: Begierden, Eifersucht, Stolz – alles, was traurig macht. Der Geist der Kritik kommt aus derselben Haltung: „Wir sind die Größten“: Wir bewerten die anderen danach, was wir sind, was wir besitzen, wie wir leben. (…) Lieben heißt, das Wohl des anderen zu wünschen, ohne dabei die Rolle des Opfers oder – noch schlimmer – des Gönners zu spielen.

Lernen, im Hier und Jetzt  zu leben
„Man muss nicht den Ort wechseln, sondern seine Seele,“ erklärte der weise Seneca. Der Friede versteckt sich nicht auf einer einsamen Insel oder in einem Kloster. Ein einfacher Schlüssel, um diese Abgeklärtheit zu erreichen, die dem Frieden den Weg bereitet, ist, das Leben in jedem Augenblick als Geschenk Gottes entgegenzunehmen: die Farben des Herbstes, den Schnee, die ers­ten Triebe im Frühjahr, das Kind das neben uns spielt, eine gute Mahlzeit mit Freunden, die Reise in eine unbekannte Gegend… All das staunend entgegennehmen. Einfache Freude verbirgt sich oft auch im Verkos­ten der „kleinen“ Freuden des Alltags.
Das Staunen ist der Weg zum Lobpreis und zur Anbetung. Denn wer zu staunen vermag, entdeckt den Schriftzug Gottes in Seiner Schöpfung. Und er wandelt sich zum Kind, das diesem Gott der Zärtlichkeit vertraut. „Seid sanftmütig und anschmiegsam in den Händen Gottes,“ empfiehlt P. Libermann. „Ihr wisst, was man dafür tun soll: Frieden und Ruhe bewahren, sich nie beunruhigen, durch nichts aus der Fassung bringen lassen, vergessen, was war, leben, als gäbe es kein Morgen, jeden Moment des Lebens mit Jesus verbringen oder leben, als habe man keine eigenes Leben, sondern es Jesus nach Seinem Belieben überlassen.“

Auszug aus einem Beitrag in Famille Chrétienne v. 25.2.06



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