VISION 20004/2020
« zum Inhalt Schwerpunkt

Friede wächst, wo vergeben wird

Artikel drucken Über die Bedeutung der Versöhnung für das Eheleben (Kurt Reinbacher)

In einem Ehekurs wurde die Frage gestellt: Was ist das Besondere einer christlichen Ehe? Die Antwort lautete: Es ist die Möglichkeit, Vergebung zuzusprechen und zu empfangen. Sie ermöglicht einen Neubeginn.

Konflikte, Krisen, Kränkungen sind normal. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Über alle menschliche Hilfsmittel hinaus kennen wir Christen das Sakrament der Versöhnung. Es ist genial, wenn wir nicht nur auf unsere menschlichen Kräfte angewiesen sind, sondern in noch tieferer Weise von Gott die Zusage hören und erfahren können: Ich spreche Dich los. Du kannst neu beginnen. Braucht es nicht auch in unseren menschlichen Beziehungen so dringend diese Zusage?
Warum kommen diese wenigen Worte so schwer über die Lippen: „Es tut mir leid. Bitte verzeih’ mir“? Vielleicht, weil Schuldeingeständnis als Schwäche ausgelegt wird oder wir in einer Kultur der Rechtfertigung leben, die uns jeder Eigenverantwortung enthebt. Die Erziehung, die Nachbarn, die Gesellschaft, das schlechte Klima usw. sind schuld, dass es mir so geht.  
Schuld ist aber nur dort möglich, wo es Verantwortung und Freiheit gibt. Das unterscheidet Schuld von einem bloßen, dumpfen Schuldgefühl.
Wir erfahren diese Realität in allen unseren Beziehungen, gerade unseren Nächsten gegenüber. Da tut es besonders weh. Was also tun?
Wenn wir uns den Vorgang der Vergebung anschauen, ist es hilfreich, damit zu beginnen, was nicht damit gemeint ist. Im Umgang mit Schuld gibt es nämlich verschiedene Mechanismen.
Da gibt es zunächst das Vergessen und Verdrängen. Nicht selten begegnet man Aussagen wie: Das ist nicht so schlimm, das vergesse ich schon. Das ist so ähnlich, wie wenn man auf eine offene, schmutzige Wunde einen Verband legt und so tut, als ob nichts wäre. Darunter eitert es aber weiter. Vergessen meint also eigentlich verdrängen. Tatsächlich bleibt es eingespeichert und wird morgen oder in 10 Jahren wieder auftauchen.
Eine andere Form ist die Entschuldigung. Ein Beispiel dazu: Ein Kind wird krank, kann nicht zur Schule gehen. Die Eltern schreiben eine Entschuldigung. Sie erklären damit, warum ihr Kind eine allgemeine Pflicht nicht erfüllen kann. Das bedeutet aber nicht, dass das Kind schuldig geworden ist.  Entschuldigung meint: Ich kann eigentlich nichts dafür und erkläre, warum mich keine Schuld trifft. Auch das ist nicht Vergebung.  
Schließlich gibt es eine Tendenz, Schuld zu bagatellisieren. Etwa in der Weise: Ist nicht so schlimm, hätte mir auch passieren können. Schwamm drüber.
Wir spielen Schuld – auch dem Partner gegenüber – herunter. „Da war doch nichts. Das wird schon wieder,“ heißt es oft. Aber wenn es dem anderen weh getan hat, dann war da etwas. Es gibt keine Kleinigkeiten in der Liebe.

Vergebung ist Geschenk,
und sie braucht meine Entscheidung
Was also ist mit Vergebung gemeint? Wir machen die Erfahrung, dass wir es selbst nicht schaffen. Ich habe dem anderen weh getan und kann es selbst nicht mehr in Ordnung bringen. Eine Tat, die ich begangen habe, ist mir entzogen. Papst Johannes Paul II. erklärt dazu im Apostolischen Schreiben Über Versöhnung und Buße (Reconciliatio et Paenitentia): „Die Versöhnung ist in erster Linie ein Geschenk des himmlischen Vaters.“
Vergebung ist also zu allererst eine Eigenschaft Gottes, seine Initiative. Jesus selbst zeigt uns den Weg, den Hass durch die Liebe zu besiegen: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Unsere gegenseitige Aussöhnung ist die Frucht aus dem erlösenden Handeln Christi.
Vergebung braucht aber auch meine Entscheidung. Ich sage es dem anderen in Freiheit zu. Sie ist nicht primär ein Gefühl. Wenn wir nicht vergeben, lassen wir den anderen nicht frei, setzen ihn in ein Gefängnis.

Sich selbst etwas Gutes tun
Vergebung hat auch den Effekt, sich selbst etwas Gutes zu tun.  Das bedeutet, negative Gefühle wie Bitterkeit oder Hass loszulassen. Solange diese Gefühle in mir aufsteigen, ist der Vergebungsprozess  nicht abgeschlossen.
Auf die Frage des Petrus: Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, antwortet Jesus: siebzig mal siebenmal (Mt 18,21 f). Das heißt eigentlich: immer wieder. Es kann sogar so sein, dass ich ein und dieselbe Sache 490 mal vergeben muss. Der Vergebungsprozess ist erst dann abgeschlossen, wenn ich mich an die Verletzung erinnere, aber es nicht mehr weh tut. Genau das passiert in der Beichte. Gott löscht die Schuld, aber nicht die Erinnerung.
Ein anderer Bibelvers – Eph 4,26 – weist uns auf die Dringlichkeit der Vergebung hin: „Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.“ Wie oft? Der Vers sagt: Maßgebend ist der heutige Tag.
Viele Ehepaare sagen, es ist für sie wichtig, nicht unversöhnt schlafen zu gehen.  Selbst wenn eine Aussprache nicht möglich ist, schenken sie sich ein kleines Zeichen, um dem anderen deutlich zu machen: Seien wir wieder gut! Oder: „Sprechen wir morgen darüber.“ Sie bleiben so einander nahe.

Wir sitzen in einem Boot
Man könnte die Ehe als Bild darstellen: Wir sitzen gemeinsam in einem Boot. Wenn Wasser durch ein Loch eindringt, kann ich sitzenbleiben und sagen: Da ist ein Loch auf deiner Seite. Was geht das mich an? Das mag stimmen, aber früher oder später sitzen wir dann doch beide im Wasser.
Auch wenn ich der Verletzte bin, ist es wichtig, einen Schritt zu tun, um die Einheit wieder herzustellen. Das widerstrebt uns. Wir meinen: Eigentlich habe ich ein Recht darauf, der andere muss kommen. Nicht geschenkte Vergebung führt meist zu weiterer Verwundung oder Verbitterung.

Wie Gott mir, so ich dich dir
Die Bitte um Vergebung muss auf der einen Seite ausgesprochen, auf der anderen Seite auch angenommen werden. In der Beichte gibt es ein schönes Wort dafür: Lossprechung. Das Aussprechen ist wichtig, damit es gesagt und gehört wird. Der Mensch stellt sich den Sünden und übernimmt Verantwortung.
In unvergleichlich tieferer Weise erfahren wir das in der Beichte. Sie ist das Ereignis, in dem Erlösung im Leben ganz real erfahrbar wird. Ich werde fähig, die Vergebung weiter zu schenken, wenn ich sie im Sakrament der Vergebung empfangen habe. Das Motto, die Haltung, dahinter könnte sein: Wie Gott mir, so ich Dir.
Weil mir von Gott vergeben worden ist, kann ich auch dir vergeben. Daher ist es auch in der Ehe notwendig, einander „loszusprechen“: Ja, ich verzeihe dir. Es ist wieder gut. Es ist wichtig zu hören, dass mir vergeben ist. Damit ist dann aber auch klar ausgedrückt: Dieses konkrete Vergehen spielt für mich keine Rolle mehr, es ist ein für alle Mal verziehen. Ich werde es Dir auch nicht morgen oder in zwei Monaten wieder vorhalten.

Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Buch: Damit die Liebe gelingt, 21 Perlen für befreundete Paare, Braut- und Ehepaare (Erscheint: 2021). In dem Buch werden 21 wichtige Themen hilfreich mit vielen Übungen und Anregungen für das Gespräch zu zweit aufbereitet.

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11