VISION 20004/2020
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Der selige Rolando Rivi

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Dom Antoine Marie OSB)

Gleich beim Betreten der Kirche von San Valentino di Castellarano in Mittelitalien fällt der Blick des Besuchers auf das Grab eines 14-jährigen Jungen mit der Inschrift „Io sono di Gesù – Ich gehöre Jesus“, ein Satz, den der verstorbene Rolando Rivi bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholte. Diese bedingungslose, durch einen gewaltsamen Tod besiegelte Hingabe an Jesus Christus ist eine deutliche Absage an die Ideologien des 20. Jahrhunderts, nach denen der Mensch entweder seinem Volk oder seinem Staat gehört, und zugleich auch eine christliche Antwort auf die verbreitete Ansicht, der Mensch habe keinen anderen Herrn als sich selbst und seine Wünsche.
Rolando wurde am 7. Januar 1931 als Sohn einer tiefgläubigen, kinderreichen Bauernfamilie in San Valentino in der Diözese Reggio-Emilia geboren. Vater Roberto weihte das Kind bereits am Tag seiner Taufe Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel. Seine Großmutter brachte ihm die Liebe zum Rosenkranz bei. Einmal brachte der kleine Junge in der Weihnachtszeit ein Säckchen zur Krippe und sagte laut: „Lieber Jesus, hier sind meine Sünden; es sind 100 Stück, ich habe sie gezählt. Aber ich verspreche dir, dass ich dir einmal einen Sack voller Tugenden bringe!“
Rolando ging am 16. Juni 1938 zur Erstkommunion. Von seinen Kameraden wurde er als lebhafter, begeisterungsfähiger, im Spiel ausgelassener, bei Wettrennen blitzschneller und beim Beten sehr eifriger Junge beschrieben. Intelligent und von Haus aus eine „Führernatur“, wusste er nicht nur Spiele zu organisieren, sondern seine Kameraden danach auch in die Kirche zu lotsen. Er zeigte ihnen, wie man den Rosenkranz betet, lud sie ein, mit ihm als Messdiener zu wirken… Wenn ein armer Mensch am väterlichen Haus anklopfte, war er der Erste, der ihn begrüßte und ihm Brot und Decken brachte.
Als ausgezeichneter Sänger im Gemeindechor brachte  Roberto Rivi seinem Sohn die Kunst der Musik nahe. Rolando war bald selbst ein begeisterter Musiker; er sang und spielte Harmonium. Im Seminar später war er ein hervorragender Chorsänger. Er pflegte gleich nach dem Aufstehen niederzuknien und ein Morgengebet zu sprechen. Von seinem Vater übernahm er die Gewohnheit, jeden Tag zur Messe zu gehen. Rasch reifte die Berufung zum Priesteramt in seinem Herzen heran, als er im Pfarrer von San Valentino, Don Olinto Marzocchini, einem vorbildlichen Priester begegnete. Er hielt die Kinder an, häufig zur Beichte zu gehen, um in Freundschaft mit Jesus zu leben.
Im September 1939 brach der Krieg aus. Zwei Onkel Rolandos wurden einberufen und fielen später an der Front. Der Junge seinerseits wollte nach seiner Firmung 1940 „ein vollkommener Christ und ein Soldat Jesu Christi“ werden. Im Frühjahr 1942 eröffnete er dem Pfarrer, dass er Priester werden wollte; von Don Olinto ermutigt, sprach er an­schließend mit seinen Eltern, die seinen Entschluss freudig begrüßten. Im Oktober 1942 trat Rolando mit 11,5 Jahren in das Kleine Seminar seiner Diözese in Marola ein und bekam, wie das damals üblich war, sofort eine Soutane überreicht. Heute mag einem das voreilig erscheinen. Doch das Anlegen der Soutane kam nicht einer endgütigen Verpflichtung gleich; diese sollte erst später und völlig frei eingegangen werden. Für ein so reifes Kind wie Rolando bedeutete die Soutane allerdings sehr wohl, dass es für immer Gott geweiht war.
Im Seminar waren die Tage mit einer raschen Folge von  Andachtsübungen und Unterrichtsstunden ausgefüllt, die durch ein paar Erholungspausen aufgelockert wurden. Rolando, der die Pausen in vollen Zügen genoss – und seine geliebte Soutane dabei öfter mal ramponierte –, fügte sich begeistert dem strengen Zeitplan, mit dem sich mehrere seiner Kameraden schwertaten. Er las gerne Missionsgeschichten; besonders faszinierte ihn das Beispiel des seligen Miguel Pro, eines mexikanischen Jesuiten, der 1928 auf Befehl der christenfeindlichen Regierung erschossen worden war.
Nach der Landung englischer und amerikanischer Truppen 1943 in Sizilien wurde Benito Mussolini abgesetzt. Die italienische Regierung unterzeichnete ein Waffenstillstandsabkommen mit den Alliierten. Die Aufkündigung der Achse Rom – Berlin führte zu einer weitgehenden Besetzung der italienischen Halbinsel durch die deutsche Armee; die Emilia Romagna wurde Schauplatz dramatischer Kämpfe zwischen deutschen Truppen und widerständischen Partisanen. Die Präfekten des Seminars sahen sich durch die schwierigen Umstände gezwungen, das Seminar bis auf Weiteres zu schließen.
Nach Hause zurückgekehrt, bemühte sich Rolando,  sein Seminaristenleben, so gut es ging, weiterzuführen. Er trug weiterhin die Soutane – eine mutige Entscheidung in einem Gebiet, in dem aktive Partisanengruppen von Kommunisten dominierten. Für die Anhänger des Marxismus-Leninismus sollte die katholische Kirche in der Nachkriegsgesellschaft nämlich keine Rolle mehr spielen; der Klerus zählte zu den wichtigsten Feinden, die es zu beseitigen galt.
In der Diözese Reggio waren bereits vier Priester von den Partisanen ermordet worden. Eines Nachts wurde Don Olinto, der Pfarrer von San Valentino, in eine Falle gelockt, verprügelt und ausgeraubt; man drohte ihm mit dem Tod, wenn er weiter dabliebe. Sein Vertreter, Alberto Camellini, traf bei einem Besuch der Gemeinde in Gesellschaft von Rolando auf zwei junge Partisanen, die ihm die Worte entgegenschleuderten: „Von jetzt an sind nicht mehr die Deutschen und die Faschisten unsere Feinde, die sind erledigt; jetzt kommen die Reichen und die Pfaffen dran.“
Rolando wusste also um die religionsfeindliche Gewaltbereitschaft des Kommunismus; ebenso wusste er, dass die Partisanen in seiner Gegend sehr mächtig waren. Trotzdem wollte er die Soutane nicht ablegen, obwohl seine Familie dazu riet und die anderen Seminaristen aus der Nachbarschaft es längst getan hatten. Der reife Junge war als Gruppenführer der Katholischen Jugend in der Gemeinde sehr angesehen. Er wollte sich nicht einschüchtern lassen und klein beigeben.
In der Karwoche 1945, nahm Rolando am 10. April an  der Messe in San Valentino teil. Danach zog er sich in ein Wäldchen zurück, um ungestört lernen zu können. Als er nicht zum Mittag­essen kam, lief sein Vater los, um ihn zu holen. Doch anstelle seines Sohnes fand er nur dessen auf dem Boden verstreute Schulbücher vor; auf einem herausgerissenen Heftblatt las er: „Suchen Sie ihn nicht. Er ist einstweilen bei uns. Die Partisanen.“ Aus Angst, das Leben ihres Sohnes zu gefährden, wagten es die Eltern Rivi 24 Stunden lang nicht, sein Verschwinden zu melden; so hatten die Entführer ausreichend Zeit zu fliehen.
Rolando wurde zu Fuß in das 25 km entfernte Monchio gebracht, zu einem Bauernhof, der einer kommunistischen Partisanengruppe namens Frittelli-Bataillon als Unterschlupf diente. Man sperrte ihn in einen Schweinestall und verhörte ihn mehrfach, um ihn zu Geständnissen zu nötigen. Ihm wurde vorgeworfen, für die Nazis zu spionieren, von den Partisanen eine Pistole gestohlen und damit auf sie geschossen zu haben.
Rolando wies die Anschuldigungen zurück. Er wurde beschimpft, mit einem Gürtel geschlagen und mit Faustschlägen traktiert. Dennoch blieb er bei seiner Weigerung, die Anklagepunkte zuzugeben. Man nahm ihm seine Soutane weg, zerriss und beschmutzte sie, und untersagte ihm, sie wieder anzuziehen. Am Freitag, dem 13. April, führten die Partisanen ihren verletzten und von den über zwei Tage währenden Misshandlungen erschöpften Gefangenen um drei Uhr nachmittags in ein nahegelegenes Wäld­chen. Als dieser eine bereits ausgehobene Grube erblickte, begriff er, was man mit ihm vorhatte; weinend bat er seine Henker: „Gebt mir Zeit für ein Gebet für meinen Vater und meine Mutter.“ Der Junge dachte selbst in seiner letzten Stunde nicht an sich, sondern an seine Lieben.
Als er am Rand der Grube niederkniete, feuerte einer der Partisanen zwei Schüsse aus nächster Nähe auf ihn ab und traf ihn tödlich in die Schläfe und ins Herz. Der Mörder, ein politischer Kommissar, wurde bei seiner Verurteilung im Jahre 1952 als „fanatischer Verfechter des bedingungslosen Klassenkampfs“ beschrieben. Einige seiner Gefährten, die noch versucht hatten, den Jungen zu retten, sagten aus, der Mörder habe sie mit dem laut gebrüllten Satz „Morgen gibt es einen Pfaffen weniger“ zum Schweigen gebracht.
Rolando schied betend aus der Welt. Wie Jesus Christus starb er an einem Freitag um 3 Uhr nachmittags nach einer langen, qualvollen Passion. Am gleichen Tag erfuhr der Pfarrer von San Valentino, wohin Rolando verschleppt worden war. Zusammen mit dessen Vater brach er auf der Stelle in die nächstgelegene Stadt Farneta auf, wo das Bezirksgericht der Partisanen tagte; aber da wusste niemand etwas. Schließlich trafen sie den Kommandanten des Frittelli-Bataillons, der ihnen eiskalt mitteilte, sie hätten Rolando bei Piane de Monchio getötet, weil er ein Spion war.
Am 15. April gruben der Pfarrer und Roberto gemeinsam den Leichnam des kleinen Märtyrers aus und beerdigten ihn provisorisch auf dem nahen Friedhof. Am 25. Mai 1945 wurde er im Beisein vieler junger Katholiken nach San Valentino transportiert. Roberto ließ auf seinen Grabstein meißeln: „Ruhe im Licht und in Frieden, der du durch Hass und Finsternis ausgelöscht wurdest.“
Jahrelang war es unmöglich, den Mord an Rolando Rivi sowie an vielen anderen Geistlichen, die bei den Kommunisten als „Klassenfeinde“ gegolten hatten, öffentlich zu thematisieren; allein in der Emilia Romagna wird die Zahl der Opfer dieser Säuberungsaktion auf insgesamt 15 000 geschätzt, darunter 93 Priester und Seminaristen. Der Prozess gegen die Mörder Rolandos förderte die Motive für seine Hinrichtung zutage: „Der Seminarist Rolando Rivi stellte aufgrund seines frommen und untadeligen Benehmens, seines Einsatzes für die Glaubenspraxis ein Vorbild für die örtliche Jugend in Bezug auf zivile und christliche Tugenden dar; sein Vorbild führte bei vielen dazu, dass sie sich dem Katholizismus zuwandten ... Seine Gefangennahme und seine Tötung hatten den Grund und den Zweck, ein wirksames Hindernis für die Verbreitung der kommunistischen Lehre bei der Jugend zu beseitigen ...“
1997 wurde Rolandos sterbliche Hülle in die Pfarrkirche von San Valentino überführt. Am 4. April 2001 wurde ein englischer Junge von einer unheilbaren Leukämie geheilt, nachdem man eine Reliquie Rolandos unter sein Kopfkissen gelegt und eine Novene für ihn gebetet hatte. Die von den Ärzten als unerklärlich eingestufte Heilung wurde dem Heiligen Stuhl unterbreitet, um eine Seligsprechung Rolandos in die Wege zu leiten.



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