VISION 20006/2020
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Jesus bleibt Herr der Geschichte

Artikel drucken Corona: Vorbote des Endes der Welt?

Jedesmall, wenn die Welt von Katastrophen heimgesucht wird, taucht die Frage auf: Ist das nun der Anfang von ihrem Ende? Im Folgenden die pointierte Antwort eines evangelischen Theologen:
Herr Professor, ist das Coronavirus ein Zeichen der Endzeit?
Professor Gerhard Maier: Nein. Ich halte mich an 2. Thessalonicher 2,2: ,,Dass ihr euch nicht erschrecken lasst" durch solche, die „behaupten, der Tag des Herrn sei schon da". Wohl aber ist das Coronavirus ein Modell, an dem wir erkennen können: So ähnlich also kann es einmal werden.

Das Virus deuten Theologen sehr unterschiedlich. Woran liegt das?
Maier: Theologen waren schon immer unterschiedlicher Meinung. Dabei kommt es viel darauf an, ob die Bibel Gottes Wort ist oder nur ein kümmerlicher Abglanz davon.

Wann kommt Jesus wieder?
Maier: Diese Frage hat uns Jesus Christus selbst verboten. Am Anfang der Kirchengeschichte sagte er zu seinen Jüngern: ,,Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat" (Apostelgeschichte 1,7). Dass die Endzeit fortgeschritten ist, steht schon nach Römer 13,12 (,,Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen") und Offenbarung 1,3 (,,denn die Zeit ist nahe") fest. Wir dürfen aber Gottes Uhr nicht mit unserer Menschen-Uhr verwechseln. Insgesamt sind mir aber diejenigen lieber, die nach der Endzeit fragen, als diejenigen, die nur danach fragen, wann die Corona-Zeit zu Ende sei.

Seine Wiederkunft hat Jesus vor knapp 2.000 Jahren angekündigt. Hat Jesus Verspätung?
Maier: Jesus hat sich meines Wissens noch nie verspätet. Weder in meinem eigenen Leben noch bei den Jüngern im Sturm, als sie riefen: ,,Meister, Meister, wir kommen um" (Lukas 8,24). Jesus Christus bleibt der souveräne Herr der Zeit: Er ändert Zeit und Stunde nach seiner Vollmacht (Daniel 2,21). Er verkürzt aber die Tage der letzten Trübsal (Matthäus 24,22).

Selbst manche Christen rechnen nicht ernsthaft damit, dass Jesus sich hier blicken lässt.
Maier: Da haben Sie leider recht. Aber wo kämen wir hin, wenn wir uns auf Christen verlassen würden anstatt auf Jesus?

Andere Christen fürchten, dass die Menschheit bald durch Computerchips überwacht wird. Ist diese Angst berechtigt?
Maier: Jesus erzieht uns nicht zur Furcht, sondern zum Blick nach oben, umso mehr, je länger die Zeit fortschreitet (Lukas 21,28).

Was sind die größten Irrtümer, denen Christen über die Endzeit anhängen?
Maier: So weit ich es sehe, sind es vor allem zwei Irrtümer. Der eine lautet: Jesus kommt gar nicht wieder, seine Wiederkunft ist nur ein Mythos oder Märchen. Der andere ist: Wir könnten das Datum seiner Wiederkunft ausrechnen. Stattdessen sollten wir jeden Tag bereit sein, ihm zu begegnen, und dabei in aller Gelassenheit unsere Aufgaben erfüllen.

Offenbarung 6, 72-73 beschreibt, wie die Sonne schwarz, der Mond blutrot wird und die Sterne auf die Erde fallen - ein gruseliges Szenario!
Maier: Was wir Menschen derzeit auf der Erde treiben, ist doch ebenfalls gruselig! Die Meere verseucht, Tierarten verschwinden, und in den meisten Teilen der Erde gibt es weder Meinungs- noch Glaubensfreiheit. Ich bewundere die früheren Generationen von Christen, die der Offenbarung glaubten, auch wenn sie sich solche Dinge weit weniger vorstellen konnten als wir.

Weiter heißt es, dass der Himmel wie eine Schriftrolle zusammengerollt wird (Offenbarung 6, 74). Warum muss erst alles den Bach runtergehen, bevor alles gut wird?
Maier: Wenn der Himmel zusammengerollt wird, ist das ein Schritt auf die neue Welt zu. Oder sollen der alte Himmel und die alte Erde mit ihren ständigen Rebellionen gegen Gott ewig sein und die Lieblosigkeit triumphieren?

Jesus nennt Kriege, Hungersnöte und Erdbeben als Zeichen der Endzeit - das hat es doch aber schon immer gegeben!
Maier: Hier liegt ein Irrtum vor! Kriege usw. sind doch kein spezielles Zeichen der Endzeit. In Matthäus 24,6 sagt Jesus ausdrücklich: ,,Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn es muss geschehen. Aber es ist noch nicht das Ende." Was er nennt, prägt vielmehr die ganze Geschichte von den Tagen Jesu an.

In Matthäus 24, 10 heißt es, dass die Christen untereinander in Streit geraten und sich hassen werden - das ist leider häufig zu beobachten.
Maier: Ja.

Sie sind jetzt 82 Jahre alt. Was erwartet Sie nach dem Tod?
Maier: Ich werde bei Jesus sein. Ich vertraue einfach seinem Wort: ,,Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen" (Johannes 6,37).

Gerhard Maier war von 1980, bis  1995 Rektor des Albrecht-Beggel-Hauses (Tübingen) und von 2011 bis 2005 Bischof  der württembergischen Landeskirche. International bekannt wurde er durch seine zahlreichen Veröffentlichungen, zuletzt erschien eine Auslegung der Offenbarung des Johannes in zwei Bänden.
Das Interview wurde für ideaSpektrum 28/2020 geführt.

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