VISION 20006/2020
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Islamismus ist Islam konsequent zu Ende gedacht

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Besteht ein Unterschied zwischen Islam und Islamismus?
Rémi Brague: Es gibt tatsächlich einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus, meiner Überzeugung nach handelt es sich allerdings um einen graduellen und nicht um einen Unterschied der Wesensart. Islamismus, das ist Islam zu Ende gedacht: ein Islam, der bis zur letzten Konsequenz verwirklicht wird. Es ist schon eine merkwürdige Religion, wenn sich jene, die sich bewusst zu ihr bekehren, ermächtigt fühlen, ihre Mitmenschen umzubringen. Wer sich zum Buddhismus bekehrt, kann Vegetarier werden; wenn man sich zum Christentum bekehrt, versucht man, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, was alles andere als einfach ist… Einige, die sich zum Islam bekehren, kommen zur Erkenntnis, dass man seinen nächsten auf bestimmte Weise umbringen muss – und zwar, indem man ihn köpft.

Sind also alle Muslime potenzielle Terroristen!?
Rémi Brague: Ich behaupte damit keineswegs, dass alle Muslime gewalttätig seien und auch nicht, dass der Islam nur aus Gewalt bestehe. Wohl aber halte ich fest, dass in den Quellen des Islam alles enthalten ist, um die Anwendung von Gewalt zu rechtfertigen. Nun kann man danach suchen oder aber auch nicht. Schauen Sie sich die tatsächlichen islamischen Autoritäten an, etwa die Al-Aqsa Moschee: Was den Islamischen Staat anbelangte, saßen sie ganz schön in der Klemme. Denn dieser tat letztlich nur, was in der Biographie über den Propheten berichtet wird… (…)

Attentate, Fatwas… Wie steht es nun um die Gewalt im Koran?
Rémi Brague: Im Koran findet man Gutes und Schlechtes. Er steckt voller Widersprüche. Gibt es aber Widersprüche, so können sie nicht von Gott kommen, antwortet der Koran (Sure IV,82). Wie kann dann all das zusammenpassen? Durch die Theorie von der Aufhebung: Ein späterer Vers hebt den vorhergehenden auf. Enthalten zwei Verse widersprüchliche Gebote, so setzt der spätere den vorhergehenden in Klammern. Dazu muss man wissen, dass die letzte Sure, die Sure 9, die kriegerischste ist: „Sind aber die Schutzmonate abgelaufen, so erschlagt die Frevler, wo ihr sie findet, und packt sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf! Wenn sie jedoch bereuen und das Gebet verrichten und die Pflichtabgabe zahlen, so lasst sie ihres Weges ziehen!“ (Sure IX,5 und 9) Diese Verse heben die vorhergehenden auf, insbesondere jene, die von Frieden und Toleranz sprechen.

Ermutigt der Koran zur Gewalt oder duldet er sie nur?
Rémi Brague: Es gibt schon Verse, die dazu aufrufen. Wenn es heißt, man müsse diese oder jene Person angreifen, so heißt das nun einmal, was es heißt. Das ist mehr als nur zulassen. Aber die Gewalt ist nicht das vorrangige Problem. Eigentlich geht es um die Frage nach der Wahrheit. Nicht weil der Islam gewalttätig ist, ist er falsch. Vielmehr ist er gewalttätig, weil er falsch ist. Daher muss er Wege finden, um sich durchzusetzen. Man werfe einen Blick auf die Geschichte. Die Anfänge des Islam: Das ist die arabische Eroberung durch Krieger.

Auszug aus einem Interview, das Charles-Henri dAndigne für Famille Chrétienne v. 16.10.20 geführt hat.
Rémi Brague ist Philosoph und emeritierter Professor am Guardini-Lehrstuhl der Münchner Universität.

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