VISION 20006/2020
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Impulse, die zum Hoffen einladen

Artikel drucken Ermutigende Gedanken, gesammelt in der ersten Corona-Krise (Von Christoph Haider)

Während der sechs Wochen des ersten Lockdowns in Österreich sendete  Radio Maria Hoffnungsimpulse, die Christoph Haider – er ist Pfarrer in Ober­hofen und Pfaffenhofen im Tiroler Inntal – seinen Hörern zusprach. Diese wertvollen Gedanken wurden nun in Buch­form zusammengefasst und so einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Ich habe das Buch mit großem Gewinn gelesen, sind die kurzen Impulse doch tatsächlich „nicht nur Zeugen des Vergangenen, sondern auch Wegbegleiter für die Gegenwart und Zukunft,“ wie der Autor einleitend festhält. Denn wir treten, wie die meisten von uns wohl spü­ren, durch den neuerlichen Lockdown, die wiederholten Terroranschläge, durch die sich abzeichnenden wirtschaftlichen Einbrüche… in eine Zeit wachsender Unsicherheit ein. Gerade dann gilt es, aus den Quellen der Hoffnung zu schöpfen, die unser Glaube an Jesus Christus uns erschließt. Pfarrer Haiders Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu. Im Folgenden einige Kostproben aus dem empfehlenswerten Buch. CG

Gelassen bleiben
Euer Herz lasse sich nicht verwirren“ (Joh 14,1). Eine kostbare Perle im Schatz der Heiligen Schrift!
Noch nie habe ich eine derartige Verwirrung erlebt wie in den vergangenen Wochen. Nur aus den Erzählungen meines Vaters weiß ich, dass es eine noch verwirrtere Zeit gab. Am 2. Januar 1944 wurde er mit fünfzehn Jahren - also fast noch ein Kind - als Soldat einberufen. So eine schreckliche Zeit nehme ich natürlich nicht als Vergleich her. Aber in meinem eigenen Leben gab es noch nie so skurrile Erfahrungen wie jetzt.
Das allgegenwärtige Wort mit dem Anfangsbuchstaben "C" hat die Menschheit buchstäblich in Verwirrung gebracht. Inzwischen geht es nicht mehr rein um Gefährdung unserer Gesundheit. Täglich begegnen wir einem Nebeneinander von Expertisen, die unsere Ratlosigkeit selten auflösen, sie vielmehr oft verstärken.
Selbst in kleinen dörflichen Gemeinden gibt es extreme Positionen, was den Umgang mit „C“ anbelangt: Von „Macht doch die Türen auf“ bis hin zu „Macht alles dicht“ gibt es jede Bandbreite von Einschätzung der Gefahr. Das Schwierigste ist das Maßhalten zwischen hysterischer Angst und frecher Sorglosigkeit. Gibt es jemanden unter uns, der nicht verwirrt ist?
Solange diese Verwirrung im Außenbereich bleibt, ist sie zwar real aber nicht bedrohlich. Bedrohlich wird sie, wenn wir sie in unser Inneres einlassen. Diesen inneren Bereich möchte Jesus für uns freihalten, wenn er sagt: ,,Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“ Mit Herz ist jener Platz in uns gemeint, wo nur wir zuhause sind. Nichts und niemand soll dort Zutritt haben; außer, was und wen wir selber dort hineinlassen.
In unser Herz soll also keine Verwirrung eindringen. Jesus erklärt auch, warum wir gelassen bleiben dürfen. Weil wir den Glauben haben! ,,Glaubt an Gott und glaubt an mich“ (Joh 14,1). Wenn Gott der Mitbewohner unseres Herzens ist, lässt seine Gegenwart die Verwirrung nicht zu. Unser Glaube an Gott erfährt durch Jesus eine solche Zuversicht, dass wir mit ihm alle Belastungsproben bestehen werden.
Es scheint, dass unser Gott auch mütterliche Züge aufweist. Wenn wir als Kinder von der Schule heimkamen und unseren schulischen Frust durch das geduldige Zuhören unserer Mutter loswurden, war unser Herz wieder für einige Stunden von Verwirrung befreit. Wie viel mehr vermag das unser Gott, dem wir vertrauen.

Den kleinen Spielraum nutzen
Seit ein paar Wochen ist das ganz normale Leben äußerst kompliziert geworden. Die Zehn Gebote sind eine Kleinigkeit gegenüber der Flut an Gesetzen und Verordnungen, die die Regierungen derzeit weltweit veröffentlichen. Was noch erlaubt, gerade noch gesetzeskonform oder bereits strafbar ist, da haben die besten Juristen manchmal keinen Durchblick mehr.
Schränken uns diese von außen auferlegten Normen nicht gänzlich in unserer Kreativität ein? Viele der großen Leistungen der Menschheit in Wissenschaft, Kultur und Religion sind doch nicht durch viele Gesetzesvorgaben erfolgt, sondern durch die freie Entfaltung des menschlichen Geistes und seiner Schaffenskraft.
Es stimmt, was wir aus innerem Antrieb und aus freier Entscheidung tun können, das beflügelt uns und gibt uns Auftrieb. Aber es gibt auch eine Entfaltungsmöglichkeit, die aus dem uns auferlegten kleinen Radius kommt. Es gäbe viele Beispiele zu erzählen, wie Menschen gerade in der Zeit der Einschränkung zur vollen Reife gelangt sind. Manche Wissenschaftler hatten ihre fruchtbarste Periode in der Zeit des auferlegten Hausarrests. Der heilige Johannes vom Kreuz schenkte der christlichen Welt Einblick in tiefe mystische Erfahrungen während einer erbärmlichen Gefangenschaft.
Otto Neururer, der selige Tiroler Priester, der eine zeitlang sogar in meiner Pfarrei Oberhofen gewirkt hat, reifte im Konzentrationslager zu heroischer Gottes- und Nächstenliebe.
Bescheidene Erfahrungen dieser Art können auch wir machen, wenn wir den kleinen Spielraum, den wir derzeit haben, möglichst gut ausfüllen. Lasst uns die engen Grenzen erweitern durch kreative Liebe.

Die Seele der Welt werden
Im zweiten christlichen Jahrhundert schrieb ein unbekannter Christ einen Brief an einen gewissen Diognet. Er beschrieb darin die Situation der Christen in der Gesellschaft. Ich zitiere ein paar Sätze: ,,Denn die Christen sind weder durch Heimat noch durch Sprache und Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Sie bewohnen nirgendwo eigene Städte, bedienen sich keiner abweichenden Sprache und führen auch kein absonderliches Leben."
,Sie ... fügen sich der Landessitte in Kleidung, Nahrung und in der sonstigen Lebensart, legen aber dabei einen wunderbaren und anerkanntermaßen überraschenden Wandel in ihrem bürgerlichen Leben an den Tag.“
,Sie weilen auf Erden, aber ihr Wandel ist im Himmel. Sie gehorchen den bestehenden Gesetzen und überbieten in ihrem Lebenswandel die Gesetze.“
„Um es kurz zu sagen, was im Leib die Seele ist, das sind in der Welt die Christen.“ Ein Brief aus dem zweiten Jahrhundert!
An diese Worte musste ich in diesen Tagen denken. Wir Chris­ten wären in Europa zahlenmäßig immer noch ein ernstzunehmender Faktor, bedeutungsmäßig sind wir das sicher nicht. Ein Erfahrungswert aus den Nachrichten von gestern: Nach einer Zeit großer Einschränkungen wird in Österreich das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben langsam hochgefahren. Nicht mehr lange, dann öffnen wieder viele Dienstleistungseinrichtungen. Kirchen und Gottesdienste werden bei der Aufzählung auch genannt; an letzter Stelle nach den Friseuren, Fußpflegern, Masseuren und den Restaurants.
Waren wir Christen in den vergangenen Wochen die Seele im Leib der Gesellschaft, wie das der Briefschreiber über die zahlenmäßig sehr kleine Gruppe der Christen im Römerreich behaupten konnte?
Ganz sicher haben wir Aufholbedarf. Bis zur nächsten gesellschaftlichen Krise haben wir hoffentlich die Kraft und den Heiligen Geist, um uns als Seele im Leib bemerkbar zu machen. Ich bin voller Hoffnung. Die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass zahlreiche Menschen offen und für den Glauben ansprechbar sind. Ganz viel liegt an uns Hirten, ob wir den günstigen Augenblick erkennen und mit neuer Freude das Evangelium allen verkünden. Bitte, liebe Schwestern und Brüder, helft und betet alle mit.

Gesundheit wichtig, aber nicht alles
Bleib gesund!“ Das ist der neue Spruch, am Telefon, in Whats-App-Nachrichten, in E-mails, niemand weiß, wer diesen Spruch erfunden hat. Auf einmal war er da. So ähnlich wie das „Helf Gott!“, wenn jemand niesen muss. Man sagt, das „Helf Gott!“ sei in der Pestzeit entstanden und hat bis heute durchgehalten. Lasst uns abwarten, ob die nächste Generation von Menschen unser „Bleib gesund!“ übernehmen und in bestimmten Situationen sich zusprechen wird.
Eine Zeit lang habe ich mir überlegt, ob ich diesen Wunsch auch in meinen regelmäßigen Wortschatz übernehmen soll. Dann habe ich mich doch nicht dafür entschieden. Ich bleibe bei meinen bisherigen Grußworten, die mir umfassender zu sein scheinen: „Gott segne dich“ oder „Der Herr behüte dich“. Die Gesundheit ist ein hohes Gut. Aber Gottes Segen und Gottes Heil stehen noch höher.
Einmal heilte Jesus einen verkrüppelten Mann, der achtunddreißig Jahre lang krank gewesen war. Als Jesus ihn wieder auf seine Füße gestellt hatte, traf er ihn noch einmal „und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt!“ (Ioh 5,14). Gibt es Schlimmeres als achtunddreißig Jahre lang ein kranker Mensch zu sein? Offenbar schon! Jesus weiß, dass sündigen für den Menschen schädlicher ist, als krank zu sein. Sünde führt von Gott weg. Das ist nicht gut. Denn Gott ist das Leben.
Wünschen wir einander also nicht nur Gesundheit, das natürlich auch. Wünschen wir uns gegenseitig Segen, Leben mit Gott und Heil. Etwas möchte ich ergänzen: Gerade der Bezug auf Jesus und den lahmen Mann lehrt uns, dass der Segen Gottes die Bitte um die Gesundheit mit einschließt.

Erfülltes Leben braucht Gott
Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Dieser Satz ist es wert, ihn voll auszukosten. Tasten wir uns ein wenig an das große Wort „Leben“ heran.
Oft sagen Leute, die Ärger oder Unfrieden mit anderen haben: Ich will leben, einfach nur normal leben, mehr erwarte ich nicht. Leben kann bedrückend sein, wenn es von außen oder innen angegriffen und in Frage gestellt wird. Dabei geht es gar nicht um die Güter des Lebens, sondern ums Leben an sich.
Die Zutaten zu einem solchen Leben sind nicht exquisit. Manchmal genügen ein paar Umstände und schon stellt sich das Gefühl von Leben ein. Jeder von uns kennt Momente, wo wir einfach gelebt haben: Ein wahres und befreiendes Wort, ein Sonnenuntergang am Meer, ein erklommener Gipfel, eine Zusage, ein Musikereignis, die Zuneigung eines Menschen…
Es gibt Beispiele von Menschen, die voller Leben sind, obwohl sie blind, gehörlos oder ohne Gliedmaßen sind. Schon allein die Tatsache, existieren zu dürfen, kann ein Grund zu Dankbarkeit und Freude sein.
Allerdings kennen wir auch die umgekehrte Variante. Menschen haben materiell alles und können es nicht wirklich genießen. Sie besitzen mehr als genug, und alles ist ihnen zu wenig. Sie besitzen Überfluss, dennoch kommt kein echtes Leben auf.
Es ist der Bezugspunkt, der den Unterschied ausmacht. Wovon und wofür lebst du? Wenn dein Ausgangs- und Zielpunkt nur dein eigenes Ich ist,oder du dich nur mit anderen vergleichst, lebst du sehr eingeschränkt. Erst wenn du aus dir selbst und aus deinem selbst gesteckten Horizont herausgehst, kommst du dem eigentlichen Leben nahe.
Für ein „erfülltes“ Leben brauchst du Gott, den Ursprung und das Ziel des Lebens. Ihm verdankst du dich, von ihm kommst du her, auf ihn hin bist du unterwegs.
In Jesus Christus ist Gott sichtbar geworden. Wenn Jesus dein Bezugspunkt ist und du im Glauben mit ihm verbunden bist, bist du auf bestem Weg zum .Leben in Fülle". Die Gewissheit, dass es dieses Leben gibt, nennen wir Hoffnung.

Hoffnung – 50 Impulse im Lockdown. Von Christoph Haider. Verlag A. Weger. 103 Seiten. 13€

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