VISION 20006/2020
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Die Gender-Ideologie spaltet die Kirche

Artikel drucken Ein Appell, sich der Konfrontation zu stellen

In ihrem neuen Buch setzt sich Birgit Kelle, Autorin mehrerer Bücher und Portrait in Vision 5/14, mit der zunehmend konsequent verfolgten Gender-Politik und deren verheerenden Folgen auseinander. Im folgenden Interview geht es um die Frage, inwiefern die Kirche von dieser Problematik betroffen ist.

Hat die Kirche Nachholbedarf, wenn es um die Wertschätzung der Frau geht?
Birgit Kelle: Nein. Die Frage ist doch vielmehr: Was macht den Wert einer Frau aus? Dann er­übrigen sich viele Debatten in der Kirche und der Gesellschaft. Wer ständig nur über das Priesteramt, über Posten, Macht und Geld diskutiert, verweigert auch in der Kirche den Blick auf den wahren Wert eines Menschen und auf den enormen und ganz eigenen Beitrag von Frauen zum Erhalt und zur Verbreitung des Glaubens. Und das ist sehr schade. Mich berührt jedes Mal die Szene am Kreuz: Die Männer hatten die Flucht ergriffen, die Frauen blieben da. Jesu Mutter blieb da. Wo sollte sie auch sonst sein, wenn ihr Kind stirbt?

Ist Ihrer Meinung nach auch die Kirche von der Gender-Doktrin beeinflusst?
Kelle: Leider sogar immer mehr. In der evangelischen Kirche ist sie bereits sehr dominant. Vor allem der Gender-Feminismus greift dort um sich, man ist bestrebt, die Bibel neu zu interpretieren, um die „Vielfalt der Geschlechter“ nachträglich hineinzuschreiben. Ich habe absurde Debatten mit sognannten Gender-Theologinnen hinter mir, die etwa Paulus als ersten „Gender-Feministen“ bezeichneten und selbst die Schaffung von Mann und Frau in der Genesis bestritten.

Ist also die Lehre betroffen?
Birgit Kelle: Massiv, es greift doch an die Substanz der Schöpfung, ob wir sie als gottgewollt akzeptieren oder uns im Zuge einer Selbstoptimierung „selbst schaffen“. Konkret: Wer die Schöpfung der Menschen als Frau und Mann nicht nur negiert, sondern sogar bekämpft, lehnt sich gegen den Schöpfer auf.  Theologie, die nicht die Versöhnung mit der eigenen Natur, sondern den Aufstand dagegen predigt, kann ich nicht nachvollziehen.

Wie wirkt sich diese Sichtweise im kirchlichen Leben aus?
Birgit Kelle: Ich erlebe ein enormes Spaltpotenzial innerhalb der Kirche durch den Einzug vor allem des derzeit vorherrschenden Genderfeminismus, der ja nicht mehr die Frau im Blick hat, sondern „alle Geschlechter“. Sie meinen damit  diverse sexuelle Minderheiten. Kein Thema spaltet im Moment die christlichen Kirchen und auch ganze Gemeinden mehr als die Frage des Umgangs mit der sogenannten „Homoehe“, der Segnung homosexueller Paare. Es geht längst nicht mehr um Toleranz, man will Kirchenvertreter nahezu zwingen, ihre Lehre zu widerrufen. In England werden Straßenprediger festgenommen, wenn sie über Homo­sexualität predigen, in Spanien standen katholische Bischöfe schon mehrfach im Kreuzfeuer der Justiz, weil sie am katholischen Standpunkt der Sünde festhalten.

Wie sollten wir Christen auf diese Fehlentwicklung reagieren?
Birgit Kelle: Es kommen Zeiten auf uns zu, in denen wir offensichtlich aus der gemütlichen Komfortzone des Glaubens heraustreten müssen. Wir werden gerade als Christen in unserem Glauben und unseren Überzeugungen angegriffen. Das kann man nicht durch Rückzug beantworten, sondern nur durch Standfestigkeit. Gleichzeitig dürfen wir die Liebe und die Barmherzigkeit nicht vergessen und auch nicht die Demut. Wir sind nicht besser und perfekter als andere Menschen. Ich erlebe so viel Verletzung bei jenen Menschen, die sich von der Kirche nicht angenommen fühlen in ihrem Anderssein. Unsere Aufgabe ist es, sie als Menschen zu umarmen, während wir in unserem Glauben aber nicht einbrechen.

Das Interview mit Birgit Kelle führte Christof Gaspari

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