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Lasst uns barmherzig miteinander umgehen!

Artikel drucken Auf der Suche nach Gefährten (Daniela Mascher)

Das Corona-Jahr hat vielen Menschen jedenfalls eines beschert: ein Überhandnehmen von Ängsten unterschiedlichster Art. Im Folgenden einige Gedanken, wie wir mit dieser unbefriedigenden Situation besser umgehen könnten.

Der Familienwinter zieht sich. Der maskierte Unterricht in unterkühlten Räumen ist in­zwischen in „Distanzunterricht“ übergegangen, kein Hand­ball, keine Jugendgruppe, kein Geburtstag, keine Eishalle, kein Schwimmbad… Mit vielen Süßigkeiten (einkaufen darf man noch) und mehreren digitalen Endgeräten kommen wir irgendwie zurecht, und ich kann eigentlich nicht klagen, denn wir haben das Privileg, in Gemeinschaft zu leben.
Und trotzdem drängen sich mir Fragen auf, die ich nicht einfach wegschieben kann. Zum Beispiel: Dienen diese Maßnahmen wirklich dem Interesse unserer Kinder? In einer überalterten Gesellschaft wie der unsrigen richtet sich auch die Politik zwangsläufig an den Älteren aus, und das Virus diskriminiert nun mal eindeutig die Alten und die Schwachen. Andererseits wird ein nicht zu unterschätzender Anteil der finanziellen und emotionalen Last der jungen Generation bzw. den Familien mit Kindern aufgebürdet.
Wichtige Weichen für die Zukunft der nächsten Generation werden heute ohne ihr Zutun gestellt. Haben die Bedingungen, unter denen wir derzeit leben, das Potenzial, uns gegeneinander auszuspielen?
Was braucht es, damit wir nicht in lauter isolierte Einzelwesen auseinanderfallen?
Eine große Rolle spielen Ängste. Ganz unterschiedlich gelagerte Ängste, die sich gar nicht so eindeutig einer Generation zuordnen lassen. Vor einer unberechenbaren Krankheit, vor dem Verlust eines lieben Menschen, vor dem Übergangenwerden, vor dem Schuldigwerden, die Angst, nicht über die Runden zu kommen, die Angst vor zu viel staatlicher Kontrolle, vor der dauerhaften Beschränkung der persönlichen Freiheit, Angst vor den gesundheitlichen, sozialen oder wirtschaftlichen Spätfolgen … überhaupt vor einer vielleicht schon vor „der Krise“ mehr als unsicheren Zukunft?
Wenn wir unsere Angst nicht bewältigen, treibt sie uns auseinander, auch unsere Gemeinden und Gemeinschaften. Angst braucht einen angemessenen Ausdruck, einen Raum, ein Ohr, das versteht, und auch mal einen Arm, der tröstet. Sie muss wahr sein dürfen. Erst dann kann man sie auch etwas relativieren, in ein anderes Licht stellen und in ihre Schranken weisen.
Niemand sollte mit seiner Angst allein bleiben. So notwendig die drastischen Kontaktbeschränkungen auch sein mögen, so zerstörerisch können sie sich auf die (christliche) Gemeinschaft auswirken.
Wie wäre es, wenn wir einander wieder als Gefährten entdecken würden, als Gefährten des Lichts? Wenn wir den wahren Feind des Lichtes wieder als solchen entlarven und erkennen, dass wir einander brauchen?
Wir brauchen zum Beispiel die gereiften Alten, die schon ganz andere Krisen oder sogar noch den Krieg überlebt haben und eine Ahnung davon haben, was einem Menschen zugemutet werden kann und zumutbar ist. Die erlebt haben, dass politische Systeme und vermeintliche Sicherheiten nicht auf ewig bestehen, dass die Welt übermorgen schon eine andere sein kann. Die gelernt haben, in unsicheren Zeiten am Leben zu bleiben und Widerstandskräfte gegen die Angst zu entwickeln. Die dem Tod mit Gelassenheit entgegensehen, wenn er sich ihnen in den Weg stellt.
Und wir brauchen starke und mutige Junge, die spüren, dass es um mehr geht als um bestmöglich organisierte Krisenbewältigung, die ihrer Hoffnung auf nachhaltige Veränderung Raum geben möchten, die ihre menschliche Würde nicht einsperren und hinter dem Bildschirm isolieren lassen. Die sich nicht entmutigen lassen von suboptimalen Lern- und Studienbedingungen.
Lasst uns doch Wege finden, die Alten aufzusuchen und sie zu befragen, solange wir sie noch haben – oder uns wenigstens erinnern an das, was sie uns vor Jahren schon mitgegeben haben!
Lasst uns die Kinder und Jugendlichen nach Kräften ermutigen und fördern, sie in den Arm nehmen, mit ihnen lachen, sie besser stärken als schützen, damit sie resilient werden für zukünftige Krisen, die sicher nicht ausbleiben werden …
Lasst uns Räume schaffen, wo junge Erwachsene sich aufrichtig begegnen können, wo sie gewollt, geliebt und gebraucht werden und ihre Gaben kreativ einbringen können.
Vor allem lasst uns gemeinsam dem Kommenden entgegengehen, und einer Zukunft, die noch keiner von uns so recht einschätzen kann. Und mehr noch als für Freiheit, Sicherheit, Gesundheit oder Wohlstand lasst uns für das Leben der nächsten Generation kämpfen mit betend erhobenen Händen – und barmherzig miteinander umgehen, wenn wir uns dabei zu weit aus dem Fenster lehnen oder zu wenig aus der Reserve trauen.
Ohne echte menschliche Gemeinschaft – leiblich und von Angesicht zu Angesicht – werden wir dem Dunkel auf Dauer keinen Widerstand leisten können.

Die Autorin ist Mitglied der Offensive Junger Christen, einer ökumenischen Gemeinschaft. Ihr Beitrag erschien in Salzkorn 01/21.

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