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Vergebung muss konkret sein und mit Jesu Hilfe rechnen

Artikel drucken Erfahrungen im Dienst der Versöhnung

In dieser Zeit der Verunsicherung, in der viele Menschen ihr Umfeld als Bedrohung erleben, in der durch Lockdowns das Familienleben als belastend empfunden wird, in der man sich durch politische Maßnahmen unterdrückt und von den Medien falsch informiert fühlt, insgesamt also schlecht behandelt fühlt, ist für Christen Vergebung ein Gebot der Stunde. Im Folgenden ein Gespräch mit einem Priester, der sich dem Anliegen der Vergebung verschrieben hat und vielen, insbesondere auch Frauen, die ein Kind verloren oder solchen, die eines abgetrieben haben, auf dem Weg der Versöhnung geholfen hat.

P. Bruno, Du warst viele Jahre hindurch im Versöhnungsdienst engagiert. Wie kam es dazu?
P. Bruno Meusburger COp: Vor über 20 Jahren habe ich hier in der Pfarre St. Josef in der Reinlgasse mit einem Dienst der Versöhnung angefangen. Im Zentrum stehen Schritte des Verzeihens und Annehmens - aber (noch) nicht mit dem Menschen, der mir weh getan hat, sondern mit Jesus, unterstützt von einem Begleiter, der auch mein Zeuge bei diesen Schritten ist. Jesus lädt uns ein, unsere Lebensgeschichte Bereich für Bereich mit Ihm durchzugehen und die schmerzhaften Erinnerungen von Ihm berühren und wandeln zu lassen, bis wir in Frieden sind mit allem, was wir erlebt haben.

Wie ist das mit dem Begleiter zu verstehen?
P. Meusburger: Ich habe Mitarbeiter gesucht, die solche Aufarbeitungs- und Vergebungsprozesse zuerst an sich selber herangelassen haben und dann bereit waren, auch andere bei diesen Gebeten zu begleiten. Nach rund einem Jahr der Vorbereitung haben wir dann offiziell begonnen, einen solchen „Dienst der Versöhnung“ öffentlich in der Kirche anzubieten. Wichtig war, dass jeder Mitarbeiter das Versprechen geben musste, das, was er bei diesem Dienst von den Menschen erfährt, für sich zu behalten und außer Jesus - in der Fürbitte - niemandem zu erzählen. Dadurch haben sich die Menschen getraut, auch sehr persönliche Dinge auszusprechen.
Im Laufe der Zeit hat sich folgender Ablauf bewährt: Die Menschen, die dieses geistliche Angebot in Anspruch nehmen wollten und meine Mitarbeiter haben sich in der Kirche versammelt. Es folgte eine Zeit des Gebetes und der Erklärungen meinerseits. Dann bin ich durch die Reihen gegangen mit einem Körbchen, das die Namens-Zettel der Begleiter enthielt. Jeder konnte einen dieser Zettel ziehen. Ich habe dann den betreffenden Begleiter der Person vorgestellt. So bildeten sich Zweiergruppen, verteilt in der gesamten Kirche. Das Allerheiligste wurde ausgesetzt und im Hintergrund spielte sakrale Musik, sodass niemand Außenstehender die Unterhaltung der einzelnen Teams hören konnte. Jede Gruppe bekam außerdem eine von mir verfasste Gebetsanleitung mit dem Ablauf der einzelnen Schritte und Formulierungsvorschlägen für das konkrete Gebet.

Was war nun die Aufgabe des Begleiters?
P. Meusburger: Er sollte durch den Prozess des Verzeihens führen, sich dabei aber ganz der Situation des zu Begleitenden anpassen. Zuerst durfte die Person erzählen, was geschehen war. Diese Darlegung sollte allerdings nicht zu langatmig werden und nicht in ein Klagen oder Anklagen ausarten. Der Begleiter ermutigte dann, die weiteren Schritte des Vergebens zu gehen, indem man vorhin erwähnte Dinge in ein Gebet des Verzeihens kleidet, z.B.: „Gemeinsam mit Jesus vergebe ich Dir, Tante N.N., dass du das und das gesagt / getan hast. Und ich verzeihe dir dieses und jenes…“

Könnte man der Tante nicht gleich alles, was sie je getan hat, verzeihen?
P. Meusburger: Da wir konkrete Erinnerungen an konkrete  Erfahrungen mit konkreten Menschen und in konkreten Situationen in uns tragen, ist es so wichtig, beim Verzeihen auch ganz konkret zu sein. Zu sagen: „Ich verzeihe allen alles“, wäre vielleicht heroisch, bliebe aber ohne tiefere Wirkung. Das Verzeihen ist eine mühsame Herzensarbeit, Schritt für Schritt, Schicht für Schicht. Immer habe ich den Menschen das als Hausaufgabe mitgegeben: Die heute hier in der Kirche ausgesprochene Willensentscheidung der Vergebung zu Hause zu vertiefen und solange zu wiederholen, bis man sich wirklich frei fühlt. Vergeben im Namen Jesu, gemeinsam mit Jesus, lässt uns teilnehmen an der Herzenshaltung und Liebe Jesu. Er gibt die Kraft für diesen Schritt.
Nach dem Vergeben konnte man auch - wenn passend - auch selbst um Vergebung bitten. Abschließend folgten verschiedene Gebet der Heilung, der Freisetzung von Blockaden, der Segnung.
Der Begleiter hatte also die Aufgabe zu führen, aber besonders auch die Funktion eines Zeugen: Ich vergebe Konkretes, in der Kraft Jesu, vor dem Allerheiligsten in einer Kirche, in der Gegenwart eines Zeugen und ich tue das nicht nur rein gedanklich sondern spreche es hörbar aus. Das hat schon rein psychologisch eine große Verbindlichkeit und man erinnert sich später daran.

Wie waren die Früchte dieser Vergebungsakte?
P. Meusburger: Sehr gut. Ich habe sehr viele dankbare Rückmeldungen von den Menschen erhalten. Dieser Zugang zur Vergebung ist in Wien bekannt geworden und die Nachfrage war groß. Oft hatte ich zu wenig Mitarbeiter zur Verfügung und die Menschen mussten ein wenig warten. Auch an anderen Orten wurde diese Hilfestellung nachgefragt. Entscheidend ist, ich sage das noch einmal, dass der Vergebungs-Akt konkret wird: Ich habe etwas erlebt, das wehgetan hat – und heute setze ich mit Jesu Hilfe konkret vor einem Zeugen einen Schritt der Vergebung.

Einen bestimmten Personenkreis hast Du dann besonders angesprochen. Wie kam es dazu?
P. Meusburger: Irgendwann einmal habe ich mich getraut, das Problem Abtreibung anzusprechen. Leider hört man als Priester in der Ausbildung  so gut wie nichts darüber, wie man davon Betroffenen helfen kann. Es ist beinahe ein Tabu-Thema. Ich wusste, dass bei Abtreibung die Beichte enorm wichtig ist, weil die Schuld vor Gott vergeben werden muss, aber es braucht noch einen weiteren Schritt: die Versöhnung mit dem Kind.

Wie kam es zu dieser Initiative?
P. Meusburger: An einem Muttertag habe ich in der Predigt unter anderem erzählt, wie ich einer Frau in der Beichte geholfen habe, sich mit ihrem abgetriebenen Kind zu versöhnen, wie die Frau dann den Namen ihres Kindes im Herzen gespürt und das Kind bewusst angenommen hat. Nach der Messe kam dann eine Messbesucherin wütend auf mich zu und machte mir heftige Vorwürfe, dass ich so ein Thema am Muttertag angesprochen hatte.
Ich war sehr betroffen. Gott sei Dank kam ein paar Tage später ein anonymer Brief. Er war in Gedichtform – mit dem Refrain „Hörst du, sie leben!“ Es war eine Mutter, deren zweites und viertes Kind nicht leben durfte. Sie war überwältigt von dieser Hoffnung, dass ihre Kinder leben und dass es Vergebung gibt. Und weil diese Kinder leben, ist Versöhnung mit ihnen möglich. Wir haben diesen Dienst dann „Heilung nach Kindesverlust“ genannt. Für dieses besondere Anliegen habe ich ebenfalls Unterlagen für die Mitarbeiter verfasst. Die wichtigste Botschaft darin – und die schönste – ist: Dein Kind lebt! Deswegen kannst du dich mit ihm versöhnen und in eine Herzens-Beziehung mit ihm treten.

Wie kann sich eine solche Versöhnung abspielen?
P. Meusburger: Der Ausgangspunkt ist, dass das Kind lebt. Das ist die Botschaft, die man Frauen vermitteln darf, auch im Fall von Kindesverlust bei bestimmten Formen der  Empfängnisverhütung und im Rahmen der Künstlichen Befruchtung. Da werden ja mehrere Kinder gezeugt, damit dann eines – oder zwei – zur Welt kommen. Ich habe eine Frau kennengelernt, die hatte ihr Kind erst bekommen, nachdem sie sich achtmal dieser Behandlung unterzogen hatte. Im Verlaufe des Gebetes baten wir Gott, er möge uns erkennen lassen, wie viele ihrer Kinder das Licht der Welt nicht erblicken konnten, indem er der Frau die Namen dieser Kinder zeige. Schritt für Schritt spürte sie in ihrem Herzen mit großer innerer Klarheit 53 Namen, darunter einige, die ihr überhaupt nicht geläufig waren und sie nachfragte, ob das überhaupt ein Name sei. Das zeigte mir, dass sie diese Namen nicht einfach selbst erfunden hat. Überdies sind damals bei den einzelnen Versuchen viel mehr Eizellen befruchtet worden als heute.

Gibt es weitere Schritte auf diesem Weg der Heilung?
P. Meusburger: Ja, dass die Frau – es sind zu mehr als 90% Frauen, die diesen Dienst in Anspruch nehmen, aber es gibt auch Männer – lernt, sich über dieses Kind zu freuen. Denn auch Gott, der diesem Kind eine Seele geschenkt hat, freut sich über dieses Kind. Er hatte und hat immer noch einen großartigen Plan für dieses Kind. Wenn nun dieser Heilungsprozess gut verläuft, so beginnt auch die Frau, Freude an ihrem Kind zu haben. Ich kenne viele Frauen, die wissen: Gott hat mir vergeben, mein Kind lebt und hat mir vergeben. Es hat diesen bestimmten Namen und ist einzigartig. Ich habe für mein Kind die Taufgnade erbeten, es ist jetzt mit Jesus im Himmel. Es geht ihm gut, es betet für uns, und ich werde es wiedersehen. Hoffnung und Freude verdrängen immer mehr die Traurigkeit.
Diese Gebete sind natürlich keine sakramentale Taufe, aber um die Tauf- und Firmgnade sollen wir beten. Im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK 1283) heißt es ausdrücklich, dass wir für das Heil der ungetauft verstorbenen Kinder beten sollen.

Führt dieser Vorgang dann dazu, dass diese Frauen zu einem vertieften Glaubensleben finden?
P. Meusburger: Absolut. Sie sind enorm dankbar, dass sie durch die Kirche Vergebung und Heilung empfangen haben. Viele gehen dann ganz bewusst zur Heiligen Messe und erleben in der Heiligen Kommunion intensiv die Beziehung zu ihrem Kind. Ich sage ihnen das auch: Du kannst dem Kind in der Kommunion so nahe sein wie nur möglich. Dein Kind gehört zur Kirche, zum Leib Jesu Christi und den empfängst du bei der Kommunion.

Werden die Geheilten auch zu Missionarinnen?
P. Meusburger: Durchaus. Allerdings nicht in der Form öffentlicher Bekenntnisse. Aber durch ihre Heilungserfahrung werden sie hellhörig für das Thema in ihrer Umgebung. Sie beraten dann Frauen in ähnlichen Lebenssituationen oder unterstützen sie, ihr Kind anzunehmen. Manche waren bereit, beim Dienst „Heilung nach Kindesverlust“ mitzuhelfen, den wir einfach mit den Nachmittagen „Dienst der Versöhnung“ verknüpft haben, sodass nach außen nicht erkennbar war, mit welchem Anliegen die Einzelnen gekommen sind. Diskretion ist gerade bei diesem Thema sehr wichtig.

Gibt es derzeit auch diesen Dienst?
P. Meusburger: Leider nein. Corona hat das – wie so vieles andere – lahmgelegt. Jetzt aber, da ich erneut in Wien bin, könnte es sein, dass wir wieder beginnen. Wir werden sehen, wie Gott es fügt.

P. Bruno Meusburger COp ist Kaplan in der Pfarre St. Josef in Wien, Reinlgasse. Das Gespräche mit ihm führte Christof Gaspari.

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