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Auf lange Sicht siegt der Einsatz für die Wahrheit

Artikel drucken Die häufigste Todesursache weltweit ist die Abtreibung

Es gibt kaum ein Land des Westens, in dem die Lebensschutzbewegung so breit ge­streut Resonanz findet und auch politisch erfolgreich ist, wie die USA. Im Folgenden ein Gespräch mit Father Pavone, einem der profiliertesten Pro-Life-Aktivis­ten in den USA, der auch Vorsit­zender von „Priests for Life“ ist.

Father Pavone, Sie nennen Abtreibungen das dringlichste Problem unserer Zeit. Wieso?
Father Frank Pavone: Aus zwei einfachen Gründen: Mathematik und Logik. Es gibt im Moment nichts, was mehr Leben kos­tet als Abtreibung. Wenn man hier in den USA nach häufigen Todesursachen forscht, steht dort Herzinfarkt oder Krebs – aber das ist nichts im Vergleich zu den Abtreibungszahlen. Es gibt weltweit keine häufigere Todesursache als Abtreibung. Das macht es zu einem ganz dringlichen Problem. Es ist aber auch die Logik: Kein anderes Recht kann ausgeübt werden, wenn das Recht auf Leben verneint wird. Wenn wir also über öffentliche Aufgaben reden, die wichtig sind - beispielsweise Gesundheitsvorsorge, Bildung -, dann können wir das nur den Menschen zuerkennen, die leben. Nur wenn Leben wertvoll ist, macht es auch Sinn, etwa in Bildung oder Gesundheit zu investieren. Warum sollte man Menschen durch eine gute Gesundheitspolitik am Leben halten, wenn das Leben nichts wert ist? Menschen, die sich für Abtreibungen einsetzen, leugnen diese Grundlage. Für sie ist das Leben eben nicht wert-voll genug, um es von Anfang an zu schützen. Wer also das Recht auf Leben wegwirft, wirft auch alle anderen Rechte weg. Darum ist Abtreibung das wichtigste Problem überhaupt.
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Der Slogan auf Ihrer Website lautet: „Die Kirche aktivieren, um Abtreibungen zu beenden.“ In Deutschland scheint das nicht so gut zu funktionieren: Schon vor dem Missbrauchsskandal war das Engagement in Sachen Lebensrecht seitens der offiziellen Kirchen in Deutschland eher zurückhaltend. Möglicherweise liegt es auch daran, dass sie sich nicht trauen, Positionen zu vertreten, für die sie von den Mainstream-Medien in die fundamentalistische, rechte Ecke geschoben werden. Dazu gehören zweifelsohne Pro-Life-Positionen. In den USA scheint das anders zu sein. Woran liegt das?
Pavone: Zunächst: Die Kirche muss sich immer erneuern: „Ecclesia semper reformanda.“ Wir beginnen jede Messe mit dem Sündenbekenntnis. Aber die Erkenntnis unserer Schuld sollte uns nie daran hindern, das Evangelium zu verkünden. Im Gegenteil, es ist der erste Schritt, dies zu tun. Gerade weil wir gesündigt haben, wenden wir uns an den Herrn, unseren Retter. Wir dürfen uns nicht zum Schweigen bringen lassen, sondern müssen aus einer Haltung der Reue und der Hinwendung zu Gott heraus deutlich auf die Realitäten der Sünde und der Tugend hinweisen. Nicht weil wir besser sind als andere, sondern weil wir einfach reuige Sünder sind.
Wir beobachten auch hier innerhalb des Klerus eine Tendenz, eher politisch zu reden und zu agieren als aus dem Geist des Evangeliums heraus. Wir brauchen aber innere Freiheit. Wenn wir sagen, das ungeborene Kind muss geschützt werden, dann stellen wir uns damit automatisch gegen die eine politische Partei und vielleicht an die Seite einer anderen. Aber es muss immer klar sein, dass wir das Evangelium verkünden und nicht politisch Partei ergreifen. Es muss uns daher egal sein, ob es so aussieht, als ob wir eine bestimmte politische Richtung oder Bewegung vertreten, und in welche Schublade wir da gesteckt werden. Das darf uns weder Angst machen, noch darf uns das motivieren. Wir müssen uns stets die Frage stellen: Was ist die Botschaft des Evangeliums in diesem Punkt? Wie kann ich mich hier so verhalten, dass ich den Geist des Evangeliums vertrete? Keine andere Erwägung sollte mich hier leiten.

Wie erfolgreich sind Sie mit Ihrem Bestreben, die Kirche zu aktivieren, damit Abtreibungen beendet werden? Das ist ja das Motto von „Priests for Life“.
Pavone: Wir haben 1991 angefangen zu arbeiten, inspiriert durch den Erzbischof von New York, Kardinal OConnor. Und unser Erfolg lässt sich daran messen, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Hier in den USA haben wir eine große Schwächung der Abtreibungsindustrie erreicht. Zwei Drittel der Abtreibungseinrichtungen, die es damals in den USA gab, haben mittlerweile geschlossen. Das hat sehr viel zu tun mit Gebetswachen, Hilfen und Beratungen. So gibt es in den USA etwa viermal so viele Hilfscenter für Schwangere wie Abtreibungseinrichtungen. Auch im Bereich der Gesetzgebung haben wir viel Erfolg gehabt, es sind Hunderte von Pro-Life-Gesetzen verabschiedet worden in den einzelnen Bundesstaaten. Wir haben wirklich einen sehr großen Fortschritt zu verzeichnen. Heute haben wir die niedrigsten Abtreibungszahlen seit „Roe vs. Wade“. Wir haben viel politische Aufmerksamkeit. Wir sehen große Fortschritte, und wir wissen, dass vieles damit zu tun hat, dass die Kirchen aufgestanden sind, Kleriker wie Laien. Sie haben ihre Stimme erhoben, waren aktiv und haben sich nie aus dem Kampf verabschiedet, auch wenn es sehr schwer war, so wie jetzt mit der Regierung unter Joe Biden.

Wie schätzen Sie die Lage unter seiner Regierung ein?
Pavone: Einerseits haben wir das auch schon alles erlebt. Als ich die Führung von „Priests For Life“ 1993 übernommen habe, war mit Präsident Clinton ebenfalls eine sehr abtreibungsfreundliche Regierung im Amt. Nun haben wir jedoch eine Regierung, die radikaler als je zuvor für Abtreibungen eintritt. Selbst unter Obama war es so, dass ein paar Gesetze Bestand hatten, die in gewisser Weise noch das Recht auf Leben schützten. Zum Beispiel die Finanzierung von Abtreibungen durch Steuermittel – die war auch unter Obama und Clinton weiterhin verboten. Aber Biden und die Demokraten heute versuchen, all diese Regelungen für immer aufzuheben. Der Ansatz, den wir verfolgen und den ich auch allen anderen Ländern empfehlen würde, deren Regierungen so massiv für Abtreibungen sind, ist folgender: Man muss den Extremismus offenlegen. Und das ist auch ein biblisches Prinzip: Paulus schreibt im Brief an die Epheser, dass wir uns nicht mit den Früchten der Finsternis einlassen, sondern sie vielmehr offenlegen sollen. Und der Grund dafür, dass dies eine gute Strategie ist – auch politisch –, ist, dass sie in der Regel nicht das vertreten, was die meisten Menschen die meiste Zeit möchten. Beispielsweise wollen in den USA selbst diejenigen, die für Abtreibungen sind, nicht, dass ihre Steuergelder für deren Finanzierung eingesetzt werden. Wir müssen also offenlegen, wie radikal, wie weit entfernt von dem, was die meisten Menschen möchten, diese politischen Parteien sind, die sich für Abtreibungen einsetzen. Dann können wir ihre Anstrengungen zunichtemachen. Diese Politiker müssen sich ja schließlich ihren Wählern gegenüber verantworten. Es ist also sehr wichtig, diesen Extremismus offenzulegen.

Von evangelischer Seite erleben wir, dass zu Podiumsdiskussionen Abtreibungsärzte und -lobbyisten eingeladen werden, nicht aber die Vertreter des Rechts auf Leben. Zudem hat gerade die katholische Kirche seit dem Missbrauchsskandal und nun mit der Auseinandersetzung um den synodalen Weg viel an Ansehen verloren. Es gibt daher auch die Meinung, es mache gar keinen Sinn mehr, sich um die Mitwirkung der Kirchen in Deutschland, die damit ja auch ein schlechtes Bild abgeben, in Lebensrechtsfragen zu bemühen.
Pavone: Es ist schon ein wenig Wahrheit in dieser Aussage. Wer aber ist es, der uns den Auftrag gibt, für das Leben einzustehen und das Evangelium des Lebens zu verkünden? Der Herr selbst. Er gibt der Kirche den Auftrag. Aber die Kirche ist nicht nur die Hierarchie, das sind wir alle. Die Hierarchie ist nur ein Teil des Ganzen. Es gab ja immer Zeiten in der Geschichte, in der das Führungspersonal der Kirche stärker oder schwächer war, ihr Ansehen besser oder schlechter. Aber die eine Sache, die sich nie geändert hat, ist, dass der Geist Gottes in seinem Volk wirkt. Und deswegen wirkt Er auch im kleinen Kreis, in Aktionen. So hat meine Organisation angefangen – wir haben nicht darauf gewartet, dass die offizielle Kirche uns unterstützt. Wir sollten darauf auch nicht warten. Andererseits sollten wir die Kirche auch nicht einfach abhaken. Und wir wollen uns auf keinen Fall von ihr lösen. Aber wir können auch nicht darauf warten, dass sie aktiv wird. Wir haben unseren Marschbefehl schon von Gott selbst erhalten, durch Taufe und Firmung, und die Priester insbesondere durch die Weihe. Wir haben unsere Begabungen erhalten und sollten loslegen. Gott gibt seiner Kirche das Geschenk der Hierarchie, aber auch der vielen verschiedenen Bewegungen, die von den Gläubigen ins Leben gerufen werden. Da spielt die kirchliche Struktur keine Rolle – wir müssen an der Seite der schwangeren Frauen stehen, die Angst vor ihrem eigenen Baby haben, und ihnen Hilfe und Beistand anbieten. Wir müssen vor allem nach Abtreibung Heilung anbieten, das ist ein großer Teil meines priesterlichen Amts: Der Herr verzeiht dir auch die Abtreibung, in dieser Vergebung liegt ein immenser Trost. Die kirchliche Hierarchie müssen wir mit Gelassenheit betrachten: das annehmen, was uns hilft und weiterträgt in unserem Einsatz für das Leben, und ansonsten bedenken, dass es Gott selbst ist, der uns beauftragt.

Angesichts der schwierigen Lage, in der wir uns befinden, neigt der eine oder andere dazu, mutlos zu werden – was können wir schon ausrichten gegen die immense finanzielle, mediale Macht der anderen Seite? Wie können wir da überhaupt gewinnen?
Pavone: Der Unterschied liegt nicht in der zahlenmäßigen Überlegenheit oder Größe, sondern darin, dass die andere Seite einfach Dinge verkündet, die falsch sind. Es ist die Wahrheit, die entscheidet. Der Irrtum hat oft die größere Plattform und das lautere Megafon, aber es ist nur die Wahrheit, die das Herz der Menschen erreicht. Und deswegen ist die Wahrheit immer mächtiger als die Worte der Gegenseite. Die Menschen werden von einer einzigen Wahrheit mehr überzeugt sein als von 100 falschen Botschaften, die sie von der Gegenseite hören. Sie können für eine Weile getäuscht werden, aber schlussendlich ist es so, dass solche falschen Dinge wie Abtreibungen einfach nicht ins Herz des Menschen passen.
Sie finden keinen Nachhall im menschlichen Geist. Schauen wir einfach all die Reformbewegungen an, die es im Leben der Menschheit schon gegeben hat – den Kampf gegen Völkermord, Sklaverei, Rassentrennung: Die Unterschiede wurden nicht so sehr von großen Menschenmassen gemacht als vielmehr von inspirierten einzelnen Schlüsselpersonen, die sich vollständig dem Einsatz für Gerechtigkeit und Wahrheit hingegeben haben. Diese Hingabe sollten wir in unseren eigenen Herzen finden. Und dann werden wir eine Änderung bewirken, das steht völlig außer Frage. Gott wird uns nicht nach den Führungspersönlichkeiten in unserer Kirche fragen, sondern er wird wissen wollen: Wie bist du denn mit den Einsichten und dem Mut umgegangen, die ich dir gegeben habe?
Wir sollten uns wirklich freuen, dass wir bei diesem Thema auf der richtigen Seite kämpfen dürfen! Das ist ein Privileg. Es gibt überhaupt keinen Grund, mutlos zu sein.

Das Gespräch führte Cornelia Kaminski – sie ist Vorsitzende des Lebensschutzverbandes „Aktion Leben für Alle“ – für Lebensforum 4/2021

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