VISION 20003/2022
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Die Kirche: Primär berufen zu lehren

Artikel drucken Eine weichliche Religion ohne Forderungen und ohne Moral ist Betrug an den Menschen

Die Kirche durchlebe eine tiefe Krise, erklärte Kardinal Sarah in einem Gespräch mit dem Jour­nalisten Laurent Dandrieu nach dem Erscheinen seines Buches Herr bleibe bei uns 2019. Weil diese Krise sich seither verstärkt hat, brin­gen wir Auszüge aus dem dama­ligen Interview. Es zeigt nicht nur Probleme auf, mit denen die Kir­che konfrontiert ist, sondern weist auf Ansätze eines echten Neuanfangs hin:  

Ist die Wahl dieses Verses aus dem Evangelium der Emmaus-Jünger für Sie ein Weg, um zu zeigen, dass die Kirche Christus und das Gebet nicht ausreichend in den Mittelpunkt stellt?

 
Kardinal Robert Sarah: Wir sind in der Krise  

Kardinal Robert Sarah: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Situation, die wir in der Kirche erleben, in jeder Hinsicht derjenigen des Karfreitages ähnlich ist, als die Apostel Christus verlassen haben, als Judas Ihn verraten hat, weil der Verräter einen Christus nach seiner Art wollte, einen Christus, der sich primär um politische Fragen kümmerte. Heute sind viele Priester und Bischöfe buchstäblich von politischen oder sozialen Fragen verhext. In Wirklichkeit werden diese Fragen außerhalb der Lehre Christi nie eine Antwort finden. Er macht uns solidarischer, brüderlicher; solange wir Christus nicht zum großen Bruder haben, dem Erstgeborenen einer Vielzahl von Brüdern, gibt es keine tragfähige Liebe, keine wahrhaftige Andersartigkeit. Christus ist das einzige Licht der Welt. (…)
Die Kirche muss den Menschen zuerst die Fähigkeit wiedergeben, auf Christus zu schauen: „Wenn Ich von der Erde erhöht bin, werde Ich alle an Mich ziehen.“ Es ist der gekreuzigte Christus, der uns lehrt, zu beten und zu sagen: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Erst im Blick auf den Sohn Gottes wird die Kirche lernen können, die Menschen zum Gebet zu führen und wie Christus zu vergeben. Dieses Buch will versuchen, der Kirche den Sinn für ihre große göttliche Sendung zurückzugeben, damit sie die Menschen zu Christus bringen kann, der die Hoffnung ist. (…)

Die Kirche zu ihrer wahren Sendung zurückrufen, ist eine Art zu sagen, dass sie manchmal davon abweicht. Sie gehen sogar so weit, die Hirten zu verurteilen, die ihre Schafe verraten, was viele Katholiken nur schwer glauben können...
Kardinal Sarah: Ihre Bemerkung trifft nicht nur auf unsere Zeit zu: Schauen Sie ins Alte Tes­tament, das voll schlechter Hirten ist, jener Männer, die gerne von dem Fleisch oder der Wolle ihrer Schafe profitieren, ohne um sie Sorge zu tragen! Es gab immer Verrat in der Kirche. Heute scheue ich mich nicht zu behaupten, dass manche Priester, Bischöfe und sogar Kardinäle Angst haben zu verkünden, was Gott lehrt, und die Lehre der Kirche zu vermitteln. Sie fürchten sich davor, missbilligt zu werden, als Reaktionäre zu gelten. Dann sagen sie also Dinge, die verschwommen, vage, ungenau sind, um jeglicher Kritik auszuweichen, und sie befürworten die törichte Entwicklung, welche die Welt nimmt. Es ist Verrat: Wenn der Hirte seine Herde nicht zu den stillen Wassern, zu den Wiesen mit frischem Grase, von denen der Psalm spricht, führt, wenn er sie nicht vor den Wölfen schützt, ist er ein verbrecherischer Hirte, der seine Schafe verlässt. Wenn er den Glauben nicht lehrt, wenn er sich in Aktivismus gefällt, anstatt die Menschen daran zu gemahnen, dass sie für das Gebet gemacht sind, verrät er seine Sendung. Jesus sagte: „Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.“ Das ist es, was heute passiert. Wir wissen nicht mehr, an wen wir uns wenden sollen.

Gibt es nicht gerade heute für manche genau die Versuchung, die Kirche nach den Werten der Welt auszurichten, auf dass sie nicht mehr zu ihr im Widerspruch stehe?
Kardinal Sarah: Es gibt eindeutig eine große Mehrheit von Priestern, die ihrer Sendung zu lehren, zu heiligen und zu leiten treu bleiben. Aber es gibt auch eine kleine Gruppe, die der krankhaften und schurkischen Versuchung nachgibt, die Kirche nach den Werten der heutigen westlichen Gesellschaften auszurichten. Sie möchten vor allem, dass man sage, die Kirche sei offen, einladend, aufmerksam und modern. Aber die Kirche ist nicht dazu bestimmt zu hören, sondern zu lehren: Sie ist Mater et magistra, Mutter und Erzieherin. Natürlich hört die Mutter auf ihr Kind, aber sie ist zuerst da, um zu lehren, zu orientieren und zu leiten, denn sie weiß besser als ihre Kinder, welche Richtung man einschlagen muss. Einige haben die Ideologien der heutigen Welt unter dem trügerischen Vorwand der Öf̈fnung zur Welt übernommen; stattdessen sollten wir die Welt eher dazu bringen, sich Gott zu öffnen, der die Quelle unserer Existenz ist.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer Krise der Moraltheologie: Ist es nicht vor allem die Versuchung, die Lehre der Seelsorge zu opfern, und eine falsche Auffassung von Barmherzigkeit, die so darum bemüht ist, ihr Verständnis zu zeigen, dass sie vergisst, die Regeln des guten Lebens in Erinnerung zu rufen?
Kardinal Sarah: Alle Seelsorge ist wie ein Haus: Wenn es keine Fundamente gibt, bricht das Haus zusammen. Die Seelsorge muss auf der Lehre der Kirche aufbauen. Zu oft wird die Lehre vergessen, um sich nur auf die Seelsorge zu konzentrieren; aber es ist dann eine leere, kindische und blödsinnige Seelsorge. Die Lehre kann nicht einer Pastoral geopfert werden, die auf das Exis­tenzminimum der Barmherzigkeit reduziert ist: Gott ist barmherzig, aber nur so weit, als wir erkennen, dass wir Sünder sind. Damit Gott seine Barmherzigkeit ausüben kann, muss man zu Ihm zurückkehren, wie der verlorene Sohn. Es gibt eine perverse Tendenz, die Seelsorge zu verfälschen, sie in Gegensatz zur Lehre zu setzen und einen barmherzigen Gott zu präsentieren, der nichts verlangt; aber es gibt keinen Vater, der nichts von seinen Kindern verlangt! Gott, wie jeder gute Vater, ist anspruchsvoll, weil Er immense Ambitionen für uns hat. Der Vater will, dass wir nach Seinem Bild und Gleichnis seien.

Sie sprechen vom Schal-werden des Glaubens der Gläubigen, von dem, was Benedikt XVI. ein „bürgerliches Christentum“ nannte oder was Papst Franziskus das „heidnisch werden des christlichen Lebens“ nennt. Diese Christen, die nicht mehr das Salz der Erde sein wollen, sondern lieber ihr Zucker, ist das nicht eine noch größere Herausforderung als die Häresien der Vergangenheit?
Kardinal Sarah: Diese Art von Weichheit oder Schalheit ist Teil der heutigen Kultur: Man muss tolerant sein, Menschen respektieren und sich mit ihnen weiterentwickeln. Diese Art von Weichheit oder Schalheit ist Teil der heutigen Kultur. Natürlich haben wir die Pflicht, verständnisvoll zu sein, im Tempo der Menschen zu gehen, aber gleichzeitig müssen wir ihnen helfen, ihre Muskeln zu stärken. Man braucht Muskeln zum Bergsteigen. Um den Berg Gott zu erklimmen, sind die gleichen Eigenschaften erforderlich: Man braucht die Muskeln des Glaubens, des Willens, der Hoffnung und der Liebe. Es ist wichtig, dass wir die Gläubigen nicht mit einer weichlichen Religion, ohne Forderungen, ohne Moral betrügen. Das Evangelium fordert: „Wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus! Wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab!“ Unsere Aufgabe ist es gerade, das Volk zu dieser evangelischen Forderung hinzu­führen.

Sie schreiben, dass „der Westen die radikale und bewusst gewollte Einsamkeit der Verdammten erlebt“. Wie kann man mit Menschen, die, wie Sie schreiben, „nicht das Bedürfnis verspüren, gerettet zu werden“, über Gott sprechen?
Kardinal Sarah: Sehen Sie sich Christus an: Glauben Sie, die Leute , die er vor sich hatte, wollten ihm zuhören? Der Widerstand gegen Gott, gegen die Wahrheit, existiert seit jeher. Im Westen ist es schwierig, über Gott zu sprechen, denn die verweichlichende Wohlstandsgesellschaft glaubt, dass sie ihn nicht brauche. Aber dieser materielle Komfort reicht nicht aus. Es gibt ein verborgenes Glück, das die Menschen, ohne es zu wissen, ahnend suchen. Die Kirche muss den Menschen dazu bringen, jene inneren Bedürfnisse, jene Reichtümer der Seele zu entdecken, die ihn vollkommen menschlich, ihn vollkommen glücklich machen. Der heilige Irenäus sagt, dass „Gott Mensch geworden ist, damit der Mensch Gott werde“; es ist die Sendung der Kirche, den Menschen in diesem Aufstieg zu Gott zu führen. Aber wenn die Priester im Materialismus festsitzen, werden sie es nicht vermögen, die Welt zum wahren Glück zu führen.
Bei einer echten Reform geht es um unsere eigene Bekehrung. Wenn wir uns nicht selbst ändern, werden alle Strukturreformen nutzlos sein. Laien, Priester, Kardinäle, wir alle müssen zu Gott zurückkehren.

Die Verantwortlichen im Katholizismus neigen oft dazu, diese Abneigung gegen die Kirche dem vorherrschenden Materialismus und den gesellschaftlichen Entwicklungen anzulas­ten. Wäre es nicht nützlich, wenn die Kirche auch die Frage nach ihrer Verantwortung stellte, wie sie es geschafft hat, die Gläubigen durch die Desakralisierung der Liturgie, durch die geringschätzige Abkehr von der Volksfrömmigkeit oder durch die Schalheit ihrer Verkündigung zu vertreiben?
Kardinal Sarah: Ich bin überzeugt, dass die Hauptverantwortung für diesen Zusammenbruch des Glaubens von den Priestern übernommen werden muss. In katholischen Seminaren oder Universitäten haben wir nicht immer die Kirchenlehre unterrichtet. Wir haben gelehrt, was wir wollten! Der Katechismusunterricht für die Kinder wurde aufgegeben. Die Beichte wurde geringgeschätzt. Im übrigen gab es keine Priester mehr in den Beichtstühlen! Wir haben uns wahrscheinlich der Fahrlässigkeit schuldig gemacht. Die Desakralisierung der Liturgie hat immer schwerwiegende Folgen. Wir wollten die Messe vermenschlichen, sie verständlich machen, aber sie bleibt ein Geheimnis, das unser Begreifen übersteigt. Wenn ich die Messe lese, wenn ich die Absolution erteile, begreife ich die Worte, die ich sage, aber das Geheimnis, das diese Worte realisieren, kann der Verstand nicht begreifen. Wenn wir diesem großen Geheimnis nicht gerecht werden, können wir das Volk nicht zu einer wahren Beziehung zu Gott führen. Noch heute haben wir eine zu horizontale Pastoral: Wie sollen die Menschen da an Gott denken, wenn die Kirche ausschließlich soziale Fragen beschäftigt? Wir sind also teilweise verantwortlich für diesen Zusammenbruch. Insbesondere in den 70er und 80er Jahren tat jeder Priester bei der Messe, was er wollte. Es gab keine zwei Messen, die einander glichen: Das hat so viele Gläubige davon abgehalten hinzugehen. (…)

In der Kirche scheinen manche sich damit abzufinden, ein Kreuz über Europa zu schlagen, es als Gewinn und Verlust abzuschreiben. Sie schreiben hingegen, dass das Heidnischwerden Europas zum Heidnischwerden der Welt führen würde.....
Kardinal Sarah: Gott ändert seine Meinung nicht. Gott hat Europa, das das Christentum angenommen hat, eine Sendung gegeben. Danach brachten die europäischen Missionare Christus bis an die Enden der Welt. Und das war kein Zufall, sondern Gottes Plan. Diese universelle Sendung, die er Europa gegeben hat, als Petrus und Paulus sich in Rom niederließen, von wo aus die Kirche Europa und die Welt evangelisiert hat, ist noch nicht beendet. Aber wenn wir ihr ein Ende setzen, indem wir im Materialismus versinken, in Gottesvergessenheit und Glaubensabfall, dann werden die Folgen schlimm sein. Wenn Europa und mit ihm die unschätzbaren Werte des alten Kontinentes verschwinden, wird der Islam die Welt erobern, und wir werden eine ganz und gar andere Kultur, Anthropologie und Moralvorstellung bekommen.

Sie zitieren Benedikt XVI. sehr ausgiebig, während so viele Menschen dieses abgebrochene Pontifikat als Misserfolg betrachten. Was ist Ihrer Meinung nach seine Fruchtbarkeit?
Kardinal Sarah: Gott hat gesehen, dass die Welt in eine unheilvolle Verwirrung geraten ist. Er weiß, dass keiner mehr weiß, wohin wir gehen. Er sieht sehr wohl, dass wir immer mehr unsere Identitäten, unsere religiösen Anschauungen, unser Menschen- und Weltbild verlieren... Um uns auf diese Situation vorzubereiten, hat Gott uns gediegene Päpste geschenkt: Er gab uns Paul VI., der das Leben und die wahre Liebe trotz sehr starker Widerstände mit der Enzyklika Humanæ vitæ verteidigte ; er gab uns Johannes Paul II., der für die Verbindung von Glauben und Vernunft wirkte, damit sie das Licht seien, welches die Welt zu einem wahrhaftigen Menschenbilde führt – das ganze Leben des großen polnischen Papstes war ein lebendiges Evangelium. Er gab uns Benedikt XVI., der ein Lehrkorpus von unvergleichlicher Klarheit, Tiefe und Präzision verfasst hat. Heute gibt er uns Franziskus, der buchstäblich den christlichen Humanismus retten will. Gott wird Seine Kirche nie im Stich lassen.
Deshalb müssen wir gelassen bleiben: Die Kirche ist nicht in der Krise, sondern wir sind in der Krise. Ihre Lehre bleibt dieselbe, ihre Klarheit die gleiche…

Auszug aus einem längeren Interview, das 2019 nach dem Erscheinen des Buches Le soir approche et déja le jour baisse (deutsche Fassung: Herr, bleibe bei uns, fe-medienverlag, 440 Seiten, 20,35€) Laurent Dandrieu für Valeurs actuelles geführt hat.
(https://www.valeursactuelles.com/clubvaleurs/societe/cardinal-sarah-leglise-est- plongee-dans-lobscurite-du-vendredi-saint-105265)

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