VISION 20005/2022
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Weil der Leib kostbar ist

Artikel drucken Antwort auf die Genderideologie

Die Gendertheorie stellt Christen vor eine große Herausforderung: Nüchtern die Ideologie zu durchschauen, um ihr angemessen die christliche Sichtweise entgegenstellen zu können. Und vor allem:  Den eigenen Kindern liebevoll die Kostbarkeit ihres Leibes und die ihrer einmaligen Identität bewusst zu machen.

Was ist das Gender-Kennzeichen? Und welche Merkmale dieses Feminismus offenbaren dessen Gottlosigkeit?
Abigail Favale: Das Gender-Paradigma sieht die „Wahrheit“ und die „Realität“ als Gegenstände der sozialen Machtausübung an. Dieses Paradigma lehnt jede Berufung auf die „Natur“ oder das „Natürliche“ als einen Zustand, der dem Wesen eigen ist, ab. Da gibt es keinen Gott oder Schöpfer. Daher sind wir auch keine Geschöpfe. Stattdessen schaffen wir uns selbst. Wir empfangen unser Identitätsgefühl oder unsere Bedeutung nicht von der Welt; wir zwingen sie der Welt auf. Unsere Leiber sind unbeschriebene Blätter; sie vermitteln in keinerlei Weise eine innere Botschaft, und wir sollten Techniken entwickeln, um angebliche „natürliche“ Begrenzungen, die unsere Autonomie einschränken, zu überwinden.

Es wäre ein Versäumnis, würde ich Sie jetzt nicht fragen: „Was ist eine Frau?“
Favale: Eine Frau ist jenes menschliche Wesen, dessen gesamter Leib auf die Möglichkeit, Leben in sich zu tragen, ausgerichtet ist. Ein Mann ist jene Art von Mensch, dessen Körper auf die Möglichkeit, Leben in einem anderen zu zeugen, geschaffen ist. Das Wort „Potenzial“, also Möglichkeit, ist hier wichtig: Ein Potenzial existiert auch dann, wenn es nicht aktualisiert werden kann. Diese Definition umfasst daher auch unfruchtbare Männer und Frauen. Schon allein die Kategorie der „Unfruchtbarkeit“ signalisiert ein vorgegebenes Potenzial, das nicht verwirklicht wird. Eine Frau zu sein, ist nicht nur eine Frage der Biologie, umfasst aber die Biologie zwangsläufig. Da Frausein ein personales Merkmal ist – sich also auf die ganze Person bezieht – umfasst es auch psychologische, spirituelle, soziale und erfahrungsbezogene Dimensionen. Noch grundsätzlicher betrachtet hat Weiblichkeit (ebenso wie Männlichkeit) eine sakramentale Bedeutung; unsere geschlechtliche Unterscheidung in männlich und weiblich ist ein Abbild des Dreieinigen Gottes.

Warum sind wir Ihrer Meinung nach Zeugen einer solch explosionsartigen Zunahme von „Trans“-Personen? Und einer so weit verbreiteten Übernahme und Förderung der Transgender-Ideologie?
Favale: Ich denke, wir sind Zeugen eines komplexen Geschehens, das von Leid und vielen kulturellen Trends genährt wird. Ein Großteil der „Explosion“ der „Trans“-Identifikation, die wir beobachten, findet unter jungen Leuten statt, was eine neue Entwicklung ist. Wir stellen unter jungen Leuten auch eine verbreitete Krise der psychischen Gesundheit fest. Eine breite Palette komplexer Formen von Leiden und Angstzuständen werden in diesen Rahmen gepresst, der vorgibt, die Quelle des Leidens aufzudecken und eine Lösung anzubieten: Ändere deinen Körper und du wirst glücklich sein.
Ebenso rebellieren die Jugendlichen meiner Meinung nach unbewusst gegen die negative und vereinfachende Betrachtungsweise über das Frau- und Mannsein. Auch wird unsere kulturelle Vorstellung von der Geschlechtlichkeit immer mehr von der Pornographie geprägt und von der Vorstellung, Männer seien tyrannische Triebtäter und Frauen Opfer.
Drittens und vielleicht am bedeutsamsten: Dieser Trend beschleunigte sich im Gleichschritt mit den sozialen Medien. Junge Leute leben immer mehr ihr Leben online – und das Internet ist eine körperlose, fließende Welt, in der man seine eigene einmalige virtuelle Figur konstruieren kann. Außerdem wimmelt es im Internet von „Influencern“, die den Wechsel als Allheilmittel propagieren und Anleitungen und Skripten dazu für junge Leute anbieten.
(…)
Was können Katholiken tun, um nicht nur auf das zu reagieren, was ich „ Trans-Tyrannei“ nenne, sondern um den Menschen zu helfen, ihre Sexualität als Geschenk Gottes anzusehen?
Favale: Also, nicht in Panik verfallen und überreagieren, indem man veraltete Rollenklischees propagiert. Verlagern Sie die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung und die Kostbarkeit des Leibes. Helfen Sie jungen Leuten, ihre einmalige Persönlichkeit zu entfalten, auch durch Betonung des Wertes ihrer sexuellen Identität. Man achte weiters auf die Sprache, verwende eine realitätsbezogene Sprache und verzichte auf eine Sprache, die der Realität widerspricht. Zu beachten ist aber auch die folgende Unterscheidung: zwischen dem falschen Rahmen der Gender-Theorie und den einzelnen Personen, die sich in diesem Rahmen verfangen haben. Gestalten Sie jeden Dialog liebevoll, ausgerichtet auf die einzelne Person, mit der Sie es zu tun haben, und nicht mit einer abstrakten Kategorie. Hören Sie zu, in Liebe, und sprechen Sie die Wahrheit, wenn Sie dazu aufgefordert werden. Und erinnern Sie sich daran: Wir alle sind unfertige Erzeugnisse, und Gott ist unendlich geduldig mit uns.

Ein Schlussgedanke?
Favale: Fürchte dich nicht. Das sollte man immer in Erinnerung behalten.

Auszüge aus einem Interview, das Carl E. Olson für The Catholic World Report v. 21.8.22 geführt hat.
Abigail Faval, Autorin des Buches The Genesis of Gender: A Christian Theory, Ignatius Press,
2022  hat eine bewegte Geschichte, die sie aus dem Evangelikalen Protestantismus in den überzeugten Feminismus und zuletzt in die katholische Kirche geführt hat. Derzeit ist sie Professor an der University of Notre Dame.

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