VISION 20001/2023
« zum Inhalt Schwerpunkt

Den Kindern ein Zuhause geben

Artikel drucken Zeit haben – das größte Geschenk (Cécile Inama)

Ich habe mir immer eine große Familie gewünscht und schon als Kind vom Muttersein geträumt. Mein Wunsch war nicht, später einmal Karriere zu machen, sondern Mutter zu werden. Und dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Gott sei Dank!

   
 Cécile Inama  

Ich habe mir überlegt, was ich meinen Kindern zu geben habe. Klarerweise ist das individuell unterschiedlich. Jeder hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen Veranlagungen und gibt dementsprechend seinen Kindern, was sie brauchen. Ich möchte jetzt einfach darüber sprechen, was mir wichtig erscheint. Als Überbegriff möchte ich das Anliegen nennen: Ich möchte meinen Kindern ein Zuhause geben. Das war mir besonders wichtig.
Als allererstes heißt das, den Kindern Liebe zu geben. Kinder brauchen Liebe. Diese Liebe können wir ihnen als Mütter am allerbesten schenken, weil wir dafür ausgestattet sind. Als ich mein erstes Kind erstmals in den Armen gehalten habe – wie war ich da von Liebe überwältigt! Nachdem ich es schon im Bauch strampeln gespürt, es neun Monate unter meinem Herzen getragen hatte, wurde  mir diese Liebe gratis geschenkt. Und sie gilt es, ihm ein Leben lang zu geben.
Wichtig ist dabei die Geborgenheit. Was macht eine Mami als erstes? Sie nimmt ihr Baby in ihren Arm, hat es bei sich, stillt es, wickelt es… Sie schenkt dem Baby damit Geborgenheit. Das kommt uns ganz natürlich vor, aber dieses Schenken von Geborgenheit braucht Zeit. Die Zeit ist also das Wichtigste, das wir unseren Kindern schenken können. In unseren Tagen ist es wichtig, das zu betonen, weil unser Zeitplan so dicht ist und wir uns nur dann effektiv und produktiv empfinden, wenn wir ganz viel erledigen. Das macht es uns Müttern oft sehr schwer, unseren Kindern unsere Zeit ohne Vorbehalte zu schenken. Denn dann bleiben neben der Beschäftigung mit dem Kind manche Dinge einfach liegen. In diesem Zusammenhang möchte ich sehr ermutigen, in dieser Hinsicht tapfer zu sein und die Produktivität, die wir so hochhalten, hint­anzustellen.
Ich selbst war Kranken­schwes­ter. Da sind wir auf unserer Station hin und her gerannt, hatten viel zu tun. Man war dort tatsächlich sehr effektiv. Und dann, als ich meinen Franziskus, mein erstes Baby hatte, drehte sich die Zeit langsamer – und nur um das Baby. Diese Zeit aber ist sehr kostbar. Auch im Rückblick habe ich nie bereut, meinen Kindern Zeit geschenkt zu haben.
Wenn die Kinder größer werden, kommt  noch die Fürsorge dazu. Gehe ich mit meinem Kind auf den Spielplatz, glaubt es bald, alles schon allein zu schaffen. Da bin ich nun gefordert, einerseits dem Kind Raum zu geben, sich bewegen zu können, andererseits darauf zu achten, dass es sich nicht überfordert und irgendwo herunterfällt. Da ist also wieder meine Zeit gefragt: Ich kann mich nicht hinsetzen und in meinem Handy im Internet herumsurfen. Indem ich meinen Kindern in dieser Weise Aufmerksamkeit und Zeit schenke, erfahren sie, dass ich sie wertschätze. Denn wenn mir jemand wertvoll ist, dann schenke ich ihm auch meine Zeit.
(…)
Obwohl meine Kinder schon groß sind, bin ich nach wie vor zuhause, damit ich da bin, wenn meine jüngeren Kinder heimkommen. Dann brauchen sie etwas zu essen, wir machen miteinander Aufgaben, sie brauchen Zeit, wenn sie krank sind. Allerdings war ich oft auch verzagt, weil ich sozusagen „nur zu Hause“ bin.
Noch etwas ist mir wichtig: Wenn wir da sind, können wir ihnen Orientierung schenken. Wichtig war mir auch, dass wir miteinander beten. In der Früh beten wir gemeinsam ein kurzes Gebet. Bevor die Kinder gehen, bekommen sie ein Kreuzerl auf die Stirn. Auch am Abend halten wir gemeinsam ein Gebet. Das Gebet ist mir besonders wichtig, weil ich ja nur geben kann, wenn ich selbst angefüllt werde. Auch möchte ich den Kindern weitergeben, dass es eine Quelle gibt, aus der wir schöpfen können. Und das ist Gott selber.
Wir haben die schöne Tradition, dass wir als Familie den Rosenkranz beten – zumindest ein Gesätz. Das ist natürlich eine Herausforderung, weil nicht jedes Kind in jedem Alter gern betet. Und das habe ich versucht, nicht zwanghaft darauf zu beharren. Dann habe ich gesagt: „Wir beten für dich.“ Aber prinzipiell war es mir wichtig, dass gebetet wird.
Mein Anspruch ist nicht, alles perfekt zu machen. Ich bin vielmehr oft sehr unsicher, schwach. Und ich schaffe vieles nicht. Daher habe ich als Mama lange Zeit ein großes Auf und Ab erlebt, hatte das Gefühl, es sei zu wenig, was ich gebe, damit die Kinder gesund groß werden können. Es hat viele Tränen gekostet, es gab schwere Zeiten. Und doch bin ich immer wieder darauf zurückgekommen, dass Gott mir beisteht. Und Er hat mir tatsächlich beigestanden, gerade auch in den ganz schweren Momenten.
Es wird vielen so gehen, weil es nicht ganz einfach ist, immer zu geben. Aber allein die Tatsache, dass wir aushalten und bleiben, bedeutet schon viel – auch wenn es uns nur wenig vorkommt.
Und so möchte ich ermutigen, die eigene Art, Mami zu sein, anzunehmen. Es geht darum, den Kindern ein Zuhause zu geben, einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen, wo sie sein können, wie sie sind – auch einmal wütend –, wo auch einmal die Mami ungeduldig, der Papi nicht immer freundlich ist, ein Ort aber auch, an dem man sich am Ende wieder entschuldigt. Es gibt also einen Ort, an dem wir sind, wie wir sind, mit unseren Schwächen, aber auch mit unseren Stärken.
Ich wünsche Dir, dass Du in Deinem Alltag immer wieder die Kraft findest, dass Gott Dich im Gebet beschenkt. Ich habe mir immer am Samstag, wenn mein Mann zuhause war, die Zeit genommen und bin um 9 Uhr zu den Franziskanern in die Messe gegangen. Die Eucharistie war immer meine Quelle und der Ort, an dem ich auftanken konnte. Da bin ich aufgerichtet worden bei all dem, was ich auch falsch gemacht habe. Die Barmherzigkeit Gottes war für mich wichtig, um in der Kindererziehung zu lernen, dass wir immer, immer wieder unseren Kinder vergeben müssen und diesbezüglich nicht müde werden dürfen.
Gott ist die Quelle. Er schenkt die Gnaden, die wir brauchen, um Kindern ein Zuhause zu schenken.

Cécile Inama, geb. 1971 in Graz, 1993 Diplom im Rudolfinerhaus in  Wien, 1996 Heirat mit Cornelius, fünf Kinder, seit 2022 Großmutter! Auszug aus dem Vortrag beim Mama-Kongress.

© 1999-2023 Vision2000 | Sitz: Hohe Wand-Straße 28/6, 2344 Maria Enzersdorf, Österreich | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11