VISION 20003/2023
« zum Inhalt Schwerpunkt

Offen werden für die Freude

Artikel drucken Wichtig, gerade in Krisenzeiten: (Christof Gaspari)

Leider machen wir Mitteleuropäer allzu oft die Erfahrung: Es mangelt den meisten von uns an einer freudigen Grundeinstellung zum Leben. In den Öffis sieht man eher ausdruckslose oder müde Gesichter, Ge­sprächs­partner ist das Handy. Bei Begegnungen wirken viele überanstrengt, gestresst.

Unwillkürlich fragt man sich, warum das so ist. Schließlich leben wir im Großen und Ganzen im materiellen Wohlstand, haben ein hohes Bildungsniveau, eine beachtliche Lebenserwartung, sind technisch rundum sehr gut ausgestattet und gesundheitlich gut versorgt.
Offensichtlich hat all das seinen Preis: Stress schon ab der Kinderkrippe, dann in der Schule, weiters im Berufsleben. Vereinsamung prägt den Alltag: Man verkehrt mehr mit Automaten als mit Menschen, das Handy wird zur wichtigsten „Bezugsperson“. Der dunkle Schatten, den die millionenfache Abtreibung auf unsere Völker wirft, bleibt nicht folgenlos. Unbekümmertes Kinderlachen wird zur Rarität. Die Alten schiebt man ab. Sie erleben sich zunehmend als Fremdlinge in der Welt, die sich rapid verändert. Dazu kommen jetzt die vielen Krisen in Staat und Kirche. All das ist Gift für eine freudige Grundstimmung.
Bei der Beschäftigung mit dem Thema Freude wurde mir wieder bewusst: Man kann sie nicht machen, Gesundheit und Wohlstand sind keine Glücksgaranten. Zur Freude muss man sich entscheiden, das heißt, die Augen offenhalten für die vielen Anlässe, die geeignet sind, uns froh zu machen. Man übersieht sie nur allzu leicht, weil man um eigene Projekte, um Pflichterfüllung und Sorgen kreist, was einen daran hindert, das viele Positive, das auch unser Leben begleitet, wahrzunehmen.
Bereit zu werden, sich Freude schenken zu lassen, ist ein Projekt, das durchaus in unserer Reichweite liegt. Es gelingt umso besser, je mehr wir uns mit den Grundfragen unseres Lebens auseinandersetzen. Für Christen heißt das, sich ernsthaft zu fragen: Welchen Stellenwert räume ich Gott tatsächlich im Leben ein? Glaube ich, dass Gott die Welt geschaffen hat? Wirklich Er? Und dass die unglaublichen Wunderwerke, Berge, Meere, Pflanzen, Tiere, die wir rund um uns erleben, nicht Ergebnis des blinden Zufalls namens „Evolution“ sind? Wer das wirklich glaubt, hat eine Quelle der Freude erschlossen. Jedes Mal, wenn ich in diesen Frühlingstagen spazieren gehe, merke ich, wie gut es tut, die Vögel singen zu hören, wie aufbauend die blühende Landschaft, das zarte Grün der neuen Blätter wirkt. Dann keimt Freude in mir auf, Dankbarkeit für dieses Geschenk Gottes, der am Ende der Schöpfung sah: Es war sehr gut.
Eine weitere Quelle von Freude sind die Begegnungen mit den Mitmenschen. Auch hier haben wir Einfluss auf das Geschehen. Wie sehr hängt das Gelingen solcher Begegnungen doch von unserer eigenen Einstellung ab! Meine Frau war mir mit ihrem Interesse an Mitmenschen diesbezüglich stets eine Lehrmeisterin. Und wie viel habe ich von der selbstverständlichen Offenheit meiner kleinen Kinder und Enkel profitiert! So sehr familiäre Aufgaben auch belasten können, so sehr sind sie Quelle der Freude, die von gelingenden Beziehung ausgeht. Je mehr wir die Kostbarkeit jedes Menschen entdecken, umso mehr haben wir die Chance, froh machende Beziehungen zu erleben.
Das gelingt umso besser, wenn wir die Erkenntnis pflegen: Gott freut sich, dass es dich gibt. Er hat dich für die Freude geschaffen, und Er begleitet dein Leben so, dass du lernst, dich für die Freude und für jene Menschen zu öffnen, denen das Herz nicht automatisch zufliegt. Es zahlt sich aus, immer wieder den Psalm 139 zu betrachten, in dem es bezogen auf alle Menschen heißt: „Herr, du hast mich erforscht und Du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, Du weißt von mir. Von fern erkennst Du meine Gedanken. (…) Du umschließt mich von allen Seiten und legst Deine Hand auf mich. (…) Denn Du hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter…“
Als ich als Erwachsener zum Glauben fand, war es genau diese Erkenntnis, die mir ein neues Leben eröffnet hat: Gott ist da. Er begleitet dich. Er will für dich sorgen… Wie gern erinnere ich mich an die ersten Tage auf meinem neuen Lebensweg. Sie waren erfüllt von der Freude über die Gewissheit, nie allein zu sein, immer einen Ansprechpartner zu haben, der es gut mit mir meint und dem ich von da an vertrauensvoll täglich mein Leben anvertrauen konnte mit den Worten aus Psalm 25: „Zeige mir, Herr, Deine Wege, lehre mich Deine Pfade! Führe mich in Deiner Treue und lehre mich; denn Du bist der Gott meines Heiles. Auf dich hoffe ich allezeit.“
Klar, ich muss gestehen, dass nur allzu leicht die Turbulenzen und Sorgen, die Anfälligkeit für Ärger und Selbstüberschätzung und, und, und… diese Freude an der Nähe Gottes und Seiner Führung überwuchern und in den Hintergrund drängen. Wer kennt diese Erfahrung nicht? Wie leicht kommt da eine Abwärtsspirale in Gang!
Weil Jesus unsere schwache Konstitution kennt, lädt Er uns ein – und zwar immer wieder aufs Neue  (Mt 11,28f): „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt, ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele“ – Ruhe und Freude.

© 1999-2024 Vision2000 | Sitz: Hohe Wand-Straße 28/6, 2344 Maria Enzersdorf, Österreich | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11