VISION 20002/2008
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Botschaft an uns

Artikel drucken Estelle Satabin (Von Gilles de Préville)

 

 

Geboren ist Estelle Satabin am 19. April 1949 in Margny im Norden Frankreichs als zweite einer Familie mit drei Töchtern. Früh getauft und der Gottesmutter geweiht, verbringt sie eine unglückliche Kindheit: Der Vater, Alkoholiker im Gefolge eines beruflichen Mißerfolgs, verbringt immer wieder Zwangsaufenthalte in der Psychiatrie. Einzige Stütze: der tiefe Glaube der Mutter.

Fröhlich, ja sogar überschwenglich, hübsch, künstlerisch begabt (sehr an Mode interessiert) hält Estelle schließlich die belastende Familienkonstellation nicht mehr aus. Mit 15 denkt sie daran, sich umzubringen; nur der Gedanke an das Kreuz hält sie von dem Schritt ab. Schließlich aber bricht sie aus der Familie aus, hängt ihre künstlerischen Ambitionen an den Nagel und - um unabhängig zu sein - bricht sie nach Paris auf, wo sie in La Salpétrière zur Krankenschwester ausgebildet wird. Während ihres Studiums verbringt sie einen Großteil ihrer Freizeit bei jungen entwurzelten Arbeitern, um ihnen von Christus Zeugnis zu geben.

1966, sie ist damals 18, nimmt sie erstmals an Exerzitien im Foyer de Charité in Châteuneuf-de-Galaure teil. Sie lernt dort Marthe Robin kennen, die ihre Vertraute und gute Freundin werden und sie mehrmals bei Entscheidungen bestärken wird. Im Rahmen dieser Exerzitien hört Estelle auch während einer Nachtanbetung eine Stimme, die sie um eine totale Hingabe bittet. Ihre Antwort: “Ja!" - sie denkt dabei, Karmelitin zu werden, kein Wunder bei ihrem entschiedenen Charakter!

Was Estelle damals schon kennzeichnet, ist die Ernsthaftigkeit, mit der sie die Ereignisse ihres Alltagslebens betrachtet: Nichts ist für sie reiner Zufall, sondern alles Vorsehung. Und so läßt sie sich mehr und mehr von der Hand Gottes führen. Zu guter Letzt folgt sie einem Ruf nach Gabun, in das dort entstehenden Foyer de Charité und nicht nach Indien, wo sie sich zunächst Mutter Teresa anschließen wollte. Anfang 1977 kommt sie in Libreville an.

“Afrika wird für Sie eine lange, schmerzhafte Wüstenwanderung sein", hatte ihr Marthe gesagt. Und die folgenden Worte schrieb ihr P. Diffiné, der Jesuitenpater, den Marthe ihr als geistlichen Begleiter zur Seite gestellt hatte: “Schauen Sie auf Jesus vom ersten Augenblick an, damit Sein Blick Ihr Blick werde, und Ihre Handlungen Seine Handlungen, damit Sein Friede, Seine Gegenwart auf alle ausstrahlen möge. (...) Sie sind zur Heiligkeit berufen. Unsere Zeit braucht nichts anderes als Heilige. Allein der Geist wird sie führen, lehren, Ihnen Kraft geben. Betrachten Sie alles aus dem Blickwinkel der Ewigkeit, um nicht wie alle Welt zu leben. (...) Kuscheln Sie sich ins Magnificat wie ein ganz kleines Kind in das Herz Marias."

Statt als Stationsschwester zu arbeiten, nimmt sie die Stelle einer Krankenschwester im Spital von Melen, in der Nähe von Libreville an, und besteht darauf - was alle überrascht -, Dienst im Geriatrie-Pavillon “Batouala" zu machen. Ihren Vormittagsdienst widmet sie den Sterbenden. Sorgsam nimmt sie sich ihrer unter oft schwer erträglichen Umständen an und bereitet sie auf die Begegnung mit dem himmlischen Vater vor. Daniel Ange wird das bezeugen: “Ich habe dort den Himmel auf Erden erlebt!" Und sie selbst schreibt: “Das ganze Spital ist erstaunt über das freudige Klima, das von meinem Dienst und meinen Kranken ausstrahlt ... Dieser ist auch jeden Morgen dem Herzen Mariens geweiht. Das ist das ganze Geheimnis!"

In ihrem Eifer betreut sie auch Bettlägerige, bittet, Insassen des Gefängnisses von Libreville besuchen zu dürfen und nimmt sterbende Häftlinge in Batouala auf. Und noch etwas: Als sie das Elend der Psychiatriepatienten, Folge des Mangels an Liebe, der ja Ursache allen Leidens ist, sieht, bittet sie darum, sich ihrer annehmen zu dürfen. Wenn sie mit ihnen den Rosenkranz betet, werden die Schreie der Kranken leiser und leiser...

Einen heftigen Kampf führt Estelle oft auch gegen die Hexerei, wird sie doch der Erzbischof von Libreville Anguilè nach entsprechendem Fasten, Einkehr und Gebet mit dem Befreiungsdienst beauftragen. Téophile, ein ehemaliger Häftling, ein Hexer, der wegen sechs Ritualmorden mit Menschenfresserei angeklagt worden war, den sie gepflegt und vor dem sicheren Tod bewahrt hatte und aus dem zwölf Geister ausgefahren waren, schrieb ihr: “Ich danke dem Herrn Jesus für Ihre Liebe zu Ihm, die einen Sünder wie mich gerettet und neugeboren hat ... Seither fließen bei mir die Tränen in Strömen jedesmal, wenn ich den Rosenkranz bete..."

1983 lernt sie die Charismatische Erneuerung kennen. Das bringt sie im Glauben sehr voran. Mit dieser Entwicklung tun sich die Missionare, die schon lange das dürre Land beackern, ebenso schwer wie mit dem Umstand, daß sie mit Protestanten gemeinsam betet.

In diesen und manchen anderen Prüfungen, insbesondere jenen unvorhergesehenen, verwirrenden, die sie vom Foyer wegführen, findet sie im Erzbischof von Libreville einen vertrauensvollen Vater, der in ihrem Gesicht die Gegenwart des Allerhöchsten erkennt. 1985 weist er ihr neben dem Bischofshaus eine “Pustinia" (eine Einsiedelei) mit dem Allerheiligsten zu.

Fünf Jahre später ruft der Erzbischof dann die Gemeinschaft der Seligpreisungen nach Libreville. Er unterstützt deren Projekt, ein Dorf für die Armen mitten in der Stadt einzurichten. Estelle bittet er, dort jenes Charisma zur Entfaltung zu bringen, das sie schon im Spital von Melen ausgezeichnet hatte. Schon bald kommen wöchentlich hunderte Jugendliche, um die Lehre zu hören, die Estelle auch im ganzen Land gibt. Bald muß man einen Vortragssaal errichten...

Nach wie vor und mehr denn je widmet sich Estelle den Kranken und insbesondere den Sterbenden. P. Thomas Philippe, der den verstorbenen P. Diffiné ersetzt, schreibt: “Bleibe weiterhin das kleine Werkzeug der Vorsehung für all die Sterbenden (...) Die Gottesmutter selbst überträgt Dir diese Mission. (...) Wie glücklich bin ich, daß Du unter ihnen den Platz Mariens einnimmst..."

Gleichzeitig vertieft Estelle die Weihe an Maria, die sie seit Jahren dank der Foyers de Charité lebt. Sie verbringt regungslos Stunden der Anbetung vor dem Allerheiligsten - “zwischen Himmel und Erde", wie ihre Freunde sagen. Einer ihrer Beichtväter wird das die “kontempl-aktive Gnade" nennen.

In ihrer Station in Melen, wo sie oft hilflos mit dem Leiden konfrontiert ist, ähnlich wie am Fuß des Kreuzes, herrscht ein Klima großer Solidarität: keine Stämme, keine Volksgruppen, keine Trennung - die Liebe steckt an und entflammt die Herzen. Fällt ein Kranker in Agonie und sie ist gerade abwesend, dann kommen alle zusammen, um dem Sterbenden betend zur Seite zu stehen.

Ich selbst kann bezeugen, daß viele ihrer Freunde wunderbar bekehrt wurden, als sie nach Estelles Vorbild diese wunden Körper wuschen. Beim Gedanken, daß sie dabei ja Christi Leib selbst wuschen, waren sie oft unerwartet in Tränen der Zärtlichkeit gebadet - ein Geschenk des himmlischen Vaters bei diesem im Glauben geleisteten Dienst.

Estelle ist nun der Ewigkeit ganz nahe. Nichts kann sie aufhalten. Unermüdlich pflegt, erzieht, evangelisiert sie, gibt ununterbrochen Zeugnis für den Namen Jesu. (...)

Schließlich ruft Gott sie zu einem weiteren Dienst. (...) Ab1989 wendet sie sich den verzweifelten, jugendlichen Aidskranken zu. Da kann sie ihre Tränen - sie besitzt dieses Charisma - einfach nicht zurückhalten. Sie läßt diese verletzten Wesen an ihrem Herzen ausruhen. Und so übernimmt sie bei diesen von ihren Müttern getrennten Kindern die Aufgabe der Ersatzmutter, sie, die durch ihre Lebensumstände nicht Mutter geworden war...

In großer Einsamkeit stirbt sie am 18. April 1995 in der Nacht des Ostermontags. Sie hatte immer darum gebetet, zu Ostern zu sterben. Sie ist 45 und erschöpft vom totalen Einsatz, dem vielen Fasten, den Entbehrungen, der Malaria. Man fand sie zusammengebrochen, zu Boden geworfen mit dem Gesicht zur Erde vor ihrem Bräutigam, den sie gerade angebetet hatte, die Hl. Schrift aufgeschlagen an der Stelle: “Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag." (Joh 6,44)

Auszug aus “Famille Chrétienne" Nr. 953

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