VISION 20002/2012
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Klartext reden

Artikel drucken Wenn es um Fragen der Sexualität geht: (Alain Bandelier)

Bei Exerzitien, die ich auf der Insel Martinique gehalten habe, sprach mich ein Mädchen an: Sie habe einen Freund. Seit einigen Monaten habe sich die Freundschaft zur Liebe ausgewachsen. Die beiden wüssten jedoch nicht, ob sie auch wirklich heiraten wollten. Der Bursch dränge darauf, „weiter zu gehen“. Sie aber möchte auf die Ehe warten. Da er in Paris wohnt, fragt er dort einen Priester, der ihm sagt: „Ach, da muss man die Latte nicht so hoch legen: Wenn ihr euch liebt, könnt ihr ruhig sexuelle Beziehungen eingehen.“
Was soll man von solchen so voreilig gegebenen Ratschlägen halten? Wie gut sind sie theologisch begründet? Welche psychische Reife kommt da zum Ausdruck? Es scheint, als trauten wir uns nicht mehr, das zu sagen – sicher mit der nötigen Barmherzigkeit, aber auch mit Festigkeit –, was die Kirche immer schon verkündet hat, verkündet, weil es die Lehre Christi selbst ist und jene Seiner Apostel.
Jesus sagt nämlich (…): „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5,28) Um so weniger heißt er wohl den Sexualakt gut! Und der Ehebrecherin sagt er nicht: „Geh in Frieden, mach ruhig so weiter,“ sondern: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8,11)
Man mag nun einwenden, dass die zwei jungen Leute ja nicht die Ehe brechen. Stimmt und stimmt nicht. Sie sind noch nicht verheiratet, vielleicht werden sie auch nie sein. Aber bezeichnet Ehebruch nicht sinngemäß, sexuelle Beziehungen mit einem anderen als dem Ehepartner zu haben? Geht es nicht darum, im Voraus dem treu zu sein, den man einmal heiraten wird?
Natürlich erscheint das 6. Gebot einer Geselllschaft, die so permissiv wie unsere ist, als total veraltet. Machen wir uns aber nichts vor: In den ersten Jahrhunderten der Christenheit standen Reinheit und Treue nicht höher im Kurs als heute. Schon damals stachen die Christen hervor: „Sie haben zwar einen gemeinsamen Tisch, aber kein gemeinsames Lager“, heißt es im Brief an Diognet zu Beginn des 2. Jahrhunderts.
Daher ist das betretene Schweigen bzw. das vorsichtige Zurückstecken jener, die ihre Brüder eigentlich anleiten sollten, unverständlich. Mit der scheinbar beruhigenden Aussage: „Folgen Sie nur ihrem Gewissen“, lassen sie die Menschen einfach im Regen stehen. Ist das eine Antwort, wenn Gläubige auf der Suche nach Wahrheit sind, nach Heiligkeit streben?
Der Widerspruch müsste uns ins Auge springen – und ins Herz treffen: Man kann nicht gleichzeitig mit Christus in der Heiligen Kommunion und mit einem Partner außerhalb der Ehe eins werden. Da gilt es zu wählen. Die mangelnde Sensibilität für den Widerspruch heute ist vielleicht weniger ein moralisches als ein spirituelles Problem. Als würde die Eucharistie zu nichts verpflichten. Als ginge es nur darum, eine Hostie zu schlucken.
Wenn aber die Kommunion die leib-seelische Begegnung mit dem ist, „der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20) – kann ich dann problemlos vom heiligen Tisch des Herrn ins Bett profaner Liebe – mag sie noch so ernstgemeint, aber nicht durch das Sakrament geheiligt sein – überwechseln?
Mit solchen und ärgeren Praktiken in der Gemeinde von Korinth konfrontiert, erklärt der Apostel Paulus mit der ihm eigenen Entschiedenheit: „Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet (wortwörtlich klebt), ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm.“ (1Kor 6,15f)
Alain Bandelier

Auszug aus „Famille Chrétienne“ v. 26.4.08

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